"Achtsamkeit erleben" von Maike Bauer (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Meret Hasler

Achtsamkeit erleben

Maike Bauer

Kartoniert

€ 12,95 inkl. MwSt.
Was wird wohl morgen bei der Arbeit schief gehen? Warum hat mein Partner gestern so genervt gewirkt? – «innere Filme» nennt Maike Bauer solche Überlegungen. Oft identifizieren wir uns mit Gefühlen und Gedanken. Das erschwert es, den gegenwärtigen Moment unmittelbar wahrzunehmen. Bauers Buch bietet eine reiche Auswahl an Anregungen, meditativen Erzählungen und Übungen zur Schulung der Achtsamkeit, die sich leicht in den Alltag einbauen lassen. Wird die Aufmerksamkeit bei der Übung «Ins Herz lächeln» liebevoll auf den Herzraum gerichtet, kann dies zu tiefen Einsichten über sich selbst führen. Und nehmen wir es mit allen Sinnen wahr, bietet auch das ganz Alltägliche viele Erkenntnisse. So wandelt sich zum Beispiel der Weg zur Bushaltestelle im strömenden Regen von einem notwendigen Übel zu einer faszinierenden Erfahrung, wenn die Geräusche der Tropfen auf dem Asphalt und das Rauschen der Bäume bewusst gehört werden. Dieses Buch regt dazu an, auch scheinbar Bekanntem mit Neugierde zu begegnen – so einkaufen, nach Hause spazieren oder essen, als würden wir das zum ersten Mal überhaupt tun. In der Folge wird klar, wie dankbar wir für die Kostbarkeiten des Lebens sein können.

Buchauszüge aus „Achtsamkeit erleben“ von Maike Bauer

Achtsamkeit – was ist das?

Bevor wir uns den praktischen Meditationen und Übungen zuwenden, wollen wir einmal genauer beleuchten, was hier überhaupt unter Achtsamkeit zu verstehen ist.  In dem Wort Achtsamkeit, steckt das Verb achten und das Substantiv Achtung, aber auch Aufmerksamkeit. Jemanden oder etwas zu achten, setzt eine Wertschätzung und Beachtung voraus. Achtung bedeutet ebenfalls Wertschätzung, aber auch „aufgemerkt, Vorsicht“. Aufmerksamkeit schenken wir meist Dingen oder Menschen, an denen wir Interesse haben, die wir be-achten, und für die wir oft auch Sorge tragen. So achten wir auf unsere Kinder, unsere Haustiere oder auch auf das von Großmutter geerbte Familienporzellan oder das neue Auto. Häufig ist das, worauf wir achten, auch das, was wir lieben, was uns kostbar ist. Wir hüten unseren Schatz, unseren Augapfel, wie es im Volksmund heißt. Insofern ist die Praxis der Achtsamkeit eine Praxis des Liebens und Wertschätzens. Lieben wir etwas, so erkennen wir die ihm innewohnende Schönheit, die Schönheit des Lebens und die Schönheit unseres Seins. Wir sind authentisch. Übertragen wir diese Wertschätzung und Achtung auf alle Bereiche unseres Lebens, dann werden sich auch unser Verhalten und unsere Sicht des Lebens verändern. Wir beginnen, uns selbst, unsere Mitmenschen und schließlich die ganze Schöpfung in Liebe und Respekt, mit Herzensweisheit wahrzunehmen.

Zur Kultivierung von Achtsamkeit müssen wir uns schrittweise der Prozesse, die in uns und unserer Umgebung ablaufen bewusst werden und erkennen, wer wir sind, wo wir sind und was wir sind. Deshalb werden wir unsere Aufmerksamkeit zunächst auf unseren inneren Raum richten, uns also einer gezielten Bewusstheit bedienen, damit wir erkennen, wie Gedanken und Gefühle die Wirklichkeit verschleiern oder verzerren. Wir bewegen uns in diesem Prozess der Erkundung spiralförmig von innen nach außen und im Wechsel zwischen beiden Polen hin und her. Da unser Atem ständig genau diese Verbindung zwischen Innen und Außen, zwischen uns und unserer Umgebung herstellt, werden Übungen und Meditationen mit dem Atem unser erster Schritt auf dem Weg zur Kultivierung von Achtsamkeit sein. In wachsenden Kreisen werden wir darauf aufbauend uns immer mehr in den Raum begeben und uns der Achtsamkeit in Beziehungen mit anderen Menschen zuwenden, bis das Erleben von Achtsamkeit im alltäglichen Leben uns zur Gewohnheit werden kann.

Es gibt verschiedene Stufen von Achtsamkeit und daher recht unterschiedliche Definitionen. Die folgende von Jiddu Krishnamurti gefällt mir persönlich am besten, weil sie gut formuliert, worum es in diesem Buch geht: „Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung“.  Das heißt, wir nehmen wahr, ohne das Wahrgenommene mit unseren Gedanken und Gefühlen, unseren Urteilen und Vorstellungen einzufärben. In dieser höchsten Stufe von Achtsamkeit ist das Gewahrsein umfassend und nicht auf einen Fokus beschränkt. Dadurch nehmen wir uns und unsere Umgebung unverstellt und in reiner Gegenwart wahr.

Präsent im Augenblick

Angewandte Achtsamkeit zu erleben, heißt im Augenblick präsent zu sein. Das wird beispielsweise beim Tanzen ganz deutlich: Wenn man tanzt, bewegt man sich nur jetzt, in diesem Augenblick. Jede Bewegung geschieht in einem Moment, der unwiederholbar, einzigartig und kostbar ist.

Durch die Übungen und Meditationen in den folgenden Kapiteln werden Sie erfahren, wie sehr unsere Gedanken und Gefühle uns davon ablenken, wirklich in der Gegenwart und authentisch zu sein. Mit den Gedanken und Gefühlen hängen wir entweder in der Vergangenheit fest oder eilen in die Zukunft voraus. Wir erfinden Geschichten und innere Filme oder Fantasien darüber, was passiert ist oder geschehen könnte. Dabei verpassen wir ganz, den Augenblick mit all seinem Potential, das er bietet, zu nutzen und uns an ihm zu erfreuen. Sind wir nämlich wirklich für den Moment präsent, dann zählt nur, was gerade ist jetzt ist. Wir sind genau bei dem, was wir gerade tun oder sind, genau hier und genau jetzt. Wir sind uns unserer Gedanken und Gefühle bewusst, lassen uns von ihnen aber nicht von der Präsenz im Augenblick ablenken. Ein Vertreter des Zen-Buddhismus beschreibt dieses Präsentsein sehr einfach und prägnant mit den Worten: „Wenn ich esse, esse ich, wenn ich gehe, gehe ich; wenn ich schlafe, schlafe ich.“ Wie ist das zu verstehen? Sie meinen, das tun Sie auch?  Nun, normalerweise tun wir Dinge, ohne uns dessen bewusst zu sein. Wir sind in Gedanken anderswo,  oft mit Problemen aus der Vergangenheit oder Plänen für die Zukunft beschäftigt. Sind wir jedoch achtsam und präsent in der Gegenwart, sind wir bei dem, was wir gerade tun. Wir sind dann beim Essen nicht in Gedanken bei unserer Einkaufsliste oder bei der Kriegsberichterstattung aus Nahost. Wir sind vielmehr mit Leib und Seele vollkommen achtsam auf unser Essen zentriert. Wir essen. Wir schmecken, wir genießen. Nichts sonst.

Auf diese Weise können wir das Potential des Augenblicks erkennen, statt in vorgefertigten Denkbahnen zu agieren und zu reagieren. Jeder Augenblick ist vergänglich und gleichzeitig neu. Er birgt in sich das Potential für das nächste Jetzt. Achtsam für den Augenblick zu sein, heißt zu erkennen, was zu tun Priorität hat und was zu lassen nötig ist. Prioritäten zu setzen ist wesentlich in unserem Leben, damit wir uns nicht verzetteln, sondern Ruhe und Klarheit gewinnen. Dafür ist es wichtig, die Struktur und den Rhythmus in unserem Leben zu erkennen und heilsame Wege einzuschlagen, die unser Wachstum fördern, zum Wohle aller Beteiligten.

Reisende im fremden Land

Eine Einstellung von Herz und Geist, die der eines Reisenden im fremden Land gleicht, wäre deshalb die ideale Voraussetzung für die Einübung von Achtsamkeit. Mit dieser Haltung, die im Zen „Anfängergeist“ genannt wird, nähern wir uns frisch und neugierig, hellwach und empfänglich der Achtsamkeit, als würden wir zum ersten Mal davon hören, selbst wenn wir schon viele Jahre praktizieren. Wie Reisende im fremden Land erforschen wir uns und unser Leben – jeden Tag aufs Neue!

Wer schmeckt, der weiß

„Wer schmeckt, der weiß“, ist ein altes Sprichwort aus der Sufi-Tradition. Wir können beispielsweise eine Orange nehmen, ihre kugelförmige Form wahrnehmen, die porige Schale betrachten, und ihren Duft einatmen. Wir können Sie schälen, die weißen Häutchen entfernen, ihr Fruchtfleisch öffnen, den Saft herausfließen lassen. Wir können all dies tun, können aber nichts über den Geschmack sagen. Wir können sie unter ein Mikroskop legen oder einen Dokumentarfilm über ihre Bestandteile drehen, aber wir wissen immer noch nicht, wie sie schmeckt. Erst dann, wenn wir ein Stück Orange achtsam und präsent in den Mund stecken, dann können wir ihre Konsistenz und ihren Geschmack wirklich erfahren.

Stop! Überprüfen Sie Ihren Gaumen. Ist Ihnen vielleicht beim Lesen dieses Abschnitts das Wasser im Munde zusammengelaufen? Schmecken Sie bereits die Orange?

Achtsames Essen ist einer der am einfachsten in unseren Alltag zu integrierenden Aspekte. Wir erfahren die Unmittelbarkeit des Augenblicks mit dem Geschmackssinn. Beginnen Sie zunächst mit einer Frucht, einer Zwischenmahlzeit oder einem Snack, gehen Sie dann zu einer kleinen Mahlzeit, wie zum Beispiel dem Frühstück, über und weiten Sie die Übung weiter auf ein ganzes Mittag- oder Abendessen aus. Versuchen Sie schließlich bei allen Mahlzeiten des Tages langsam und achtsam zu essen und zu trinken.

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