"Archetypen" von Caroline Myss (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Sagita Lehner

Archetypen - Wer bist du?

Caroline Myss

Gebunden

€ 19,99 inkl. MwSt.
Da hat sich’s mal wieder eine einfach gemacht, wollte ich gleich ausrufen, als ich den Titel «Archetypen» sah. Doch Caroline Myss hat mich überrascht: Anstatt ein paar Bestseller zum Thema abzukupfern, hat sie eine Archetypenlehre entworfen, die eine derart hohe Aktualität besitzt, dass man dieses Buch schon in zehn Jahren nicht mehr wird lesen können. In ihrem neusten Werk stellt Myss zehn Archetypen vor (unter anderen den Sportler, den Intellektuellen und den spirituellen Sucher), in denen sich der Leser rasch wiedererkennt. Hat man sich erst mal «selbst gefunden», warten Tipps und Checklisten darauf, aus jedem Typ das volle Potenzial herauszukitzeln.

Leseprobe aus: «Archetypen»

DER SPIRITUELL SUCHENDE

Eigenschaft der Archetypenfamilie: Spirituell leben.
Mögliche Ausdrucksformen: Esoteriker, Heiler.
Lebensweg: Ein spirituell stimmiger Mensch werden.
Aufgabe: Ein Leben führen, in dem spirituelle, emotionale und körperliche Bedürfnisse miteinander verschmelzen.
Lektion: Die Wahrheit bringt Freiheit.
Gnadengeschenk: Demut.
Schatten: Die üblichen Regeln des Lebens nicht zu beachten, weil man sich für spirituell und deshalb für etwas Besonderes hält. Glauben, dass einem nichts Böses geschehen kann, weil man sich auf einem spirituellen Weg befindet.
Männliche Form: Spirituell Suchender.
Mythos: Wer einen spirituellen Weg einschlägt, endet in Armut und Einsamkeit.
Verhaltensmuster und Eigenschaften: Der spirituell Suchende
vertraut seiner Intuition bedingungslos,
forscht nach Erkenntnissen darüber, wer er wirklich ist,
– hält Ausschau nach der wahren Bedeutung und dem Sinn seines Lebens,
hat sich dem Weg spiritueller Entwicklung verschrieben,
räumt spiritueller Erkenntnis die Priorität ein,
will mehr vom Leben als materielle Erfolge.
Herausforderung an den Lebensstil: Die eigene intuitive Intelligenz wachrütteln.

Lebensweg
In den zurückliegenden fünfzig Jahren hat sich die Welt rings um uns her maßgeblich verändert. Und ebenso große – wenn nicht sogar noch größere – Erneuerungsprozesse haben in uns selbst stattgefunden. Gegenwärtig entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft, die sich gleichermaßen vom Inneren angezogen fühlt, wie sie nach außen hin ehrgeizig ist. Wir haben ein großes Interesse daran, das Wesen unserer Psyche und unseres Geistes zu verstehen und auf unsere intuitive Intelligenz zu hören. Wir fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Zweck unserer eigenen Existenz. Wir sind zu Suchenden nach spiritueller Information jeglicher Art geworden. Die meisten stellen sich unter einem Esoteriker jemanden vor, der ein hingebungsvolles spirituelles oder mönchisches Leben führt. Doch die Gegenkultur der Sechzigerjahre und die New-Age-Bewegung haben Veränderungen ausgelöst, die sich auf unsere Spiritualität ausgewirkt und einem neuen Archetypus Form und Funktion gegeben haben: dem spirituell Suchenden. Nachdem sie sich von den Fesseln traditioneller Religionen befreit haben, verschlingen Suchende Bücher über fernöstliche Religionen, erforschen die Meditation und interessieren sich zunehmend für ganzheitliche Heilverfahren, was der Gesundheitsfürsorge ganz allgemein eine spirituelle Dimension hinzugefügt hat. Der zeitgenössische Esoteriker hat die reiche innere Natur der Esoterik mit den modernen Werten des spirituell Suchenden verbunden und ist dabei zu einem Archetypus geworden, der beides miteinander verknüpft – das Ewige des menschlichen Geistes mit dem, was unserer Zeit als wesentlich scheint. Gemeinsam definieren die beiden Archetypen Esoteriker und spirituell Suchender die Essenz des spirituellen Weges neu.
In unserer heutigen Welt ist das globale Dorf selbst das Kloster – ein heiliges Feld des Lebens, das wir alle gemeinsam bestellen müssen. Deshalb ist der spirituell Suchende mit seiner Hinneigung zur äußeren Welt der ideale Partner für den Esoteriker, den Archetypus, der die Aktivitäten unseres inneren Seins steuert. Der spirituell Suchende zieht die vom Ego dominierte Welt vor, der Esoteriker fühlt sich von allem angezogen, was am Menschen ewig ist. Doch was genau ist für diese drei Formen – Esoteriker, spirituell Suchender und die Mischform aus beidem – typisch? Und falls die spirituelle Welt auch nach Ihnen ruft, wo ist Ihr Platz im Spektrum zwischen diesen beiden Polen? 

Der spirituell Suchende
Bei einigen von Ihnen war es vielleicht eine persönliche Krise oder ein gesundheitliches Problem, das Sie veranlasst hat, eine Buchhandlung aufzusuchen und nach irgendeinem Selbsthilfebuch zu greifen oder aber sich einen Vortrag über das menschliche Bewusstsein oder über Spiritualität anzuhören. Für andere war es möglicherweise ein Aufflackern intuitiver Intelligenz oder ein Augenblick transzendenter Klarheit, der ihnen nahelegte, dass es in dieser Welt mehr gibt als das, was das Auge sieht. Der Archetypus des spirituell Suchenden entstand, als Menschen wie Sie anfingen, sich für die nichtmaterielle Welt zu interessieren. Und dieser Archetypus vergrößert ständig sein Gravitationsfeld, da Unruhe und Unsicherheit in unserer Welt mehr und mehr Menschen veranlassen, »am stillen Mittelpunkt der bewegten Welt«, wie T. S. Eliot es ausdrückt, zu suchen.
Doch dieser Archetypus heißt spirituell Suchender, nicht Findender. Ein Suchender findet per definitionem immer noch etwas, nach dem er suchen kann. Ein solches Etwas präsentiert sich in der Regel im Gewand irgendeiner Störung in seinem Leben. Etwas Unerwartetes geschieht, und mit einem Mal steht er mit seinem Leben an einer Wegscheide. Möglicherweise kommt die Herausforderung in Gestalt einer Scheidung oder finanzieller Schwierigkeiten oder eines tragischen Verlusts oder einer schwerwiegenden Krankheit – was immer es ist, mit einem Mal scheint ihm der Weg, dem er bisher gefolgt ist, nicht mehr als der richtige. Wenn Ihnen so etwas widerfährt und Sie so sind wie die meisten Suchenden, dann ist dies der Augenblick, in dem Sie nachzudenken beginnen und sich vielleicht zum ersten Mal fragen: Was könnte der Sinn und Zweck meines Lebens sein? Gibt es noch mehr als das, was mich bisher angetrieben hat? Tatsächlich ist die Frage: »Was könnte der Sinn und Zweck meines Lebens sein?« weniger eine Frage als eine Anrufung, ein Gebet, in dem Sie darum bitten, ein tieferes und authentischeres Leben gezeigt zu bekommen, das Sie führen könnten. Sie bitten darum, dass das von Ihrem Ego erschaffene Leben durch eines ersetzt wird, das Sie als bewusster Mensch führen können. Der tibetische Buddhist und spirituelle Meister Chögyam Trungpa Rinpoche hat seine Schüler gewarnt: »Ich rate euch, nicht den spirituellen Weg zu wählen. Er ist zu schwierig, zu lang und hat zu hohe Anforderungen … Doch falls ihr ihn dennoch beschreitet, dann ist es am besten, ihn bis zum Ende zu gehen.« Einst bereiteten sich Mönche und Nonnen jahrelang vor, ehe sie die Frage stellten: »Wozu wurde ich geboren?« Ihnen war klar, dass das Aussprechen dieser mächtigen Anrufung der Aufforderung gleicht: »Befreie mein Leben von allen Illusionen. Lass mich sehen, wer ich wirklich bin, meine dunkle und meine lichte Seite. Verleihe mir den Mut, bedingungslos zu lieben und dem Teil von mir die Stirn zu bieten, der die Kraft hat, andere Menschen zu zerstören.« Wozu wurden Sie geboren? Ihr Ego würde jetzt vermutlich gern etwas hören wie: für eine glamouröse Position oder eine  perfekte Ehe oder die Erfüllung irgendeines anderen Traumes. Doch Sinn und Zweck sind mystische Kräfte, keine kommerziellen. Sinn und Zweck werden uns niemals einfach nur gegeben. Vielmehr beginnen diese Geschenke in unserer Seele zu pulsieren, weil wir einen Weg des Dienens akzeptieren, auf dem wir unsere angeborenen Fähigkeiten entdecken, das Leben für andere ebenso wie für uns selbst zu verbessern. Die Angst, dass uns ein spiritueller Weg obdachlos oder arm oder einsam machen könnte, ist weit verbreitet. Doch sie sind Alpträume des Egos, die auf Illusionen beruhen. Allerdings sind diese Alpträume mächtig genug, um manchen Suchenden nach einem Weg forschen zu lassen, der Sinn und Zweck hat und zugleich einen materiellen Gewinn verspricht. Bis eine Krise dazwischenkommt und in ihm das Bedürfnis weckt, im Inneren nach Antworten zu suchen.

Der Esoteriker
Der Esoteriker als moderne Form des Mystikers ist das älteste, komplizierteste und in vielerlei Hinsicht das faszinierendste Mitglied der spirituellen Familie. Dieser Archetypus ist wie ein Prisma mit vielen Facetten. Er lässt sich nicht definieren, weil er sich jedem Einzelnen durch seine persönliche innere Erfahrung kundtut. Der Esoteriker in uns wird durch unsere innere Führung erweckt und vertraut ihr bedingungslos. Trungpa Rinpoche lehrt seine Schüler: »Erster Gedanke, bester Gedanke.« Einem Esoteriker leuchtet das sofort ein: Er reagiert instinktiv auf den blitzgeschwinden Treffer der Intuition als seinem Wissensfundament. Wenn es unserer inneren Führung gelingt, aus der reinen Luft der Seele in unser Bewusstsein zu wechseln, verliert sie sich bei den meisten von uns in den Kontrollmechanismen unserer Ängste und Unsicherheiten und in den Illusionen unserer fünf Sinne, die uns darauf reduzieren, was wir sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken können, statt unserem inneren Wissen  um die Wahrheit zu vertrauen. Der auf der Mystik gründende Esoteriker hingegen weiß um die Autorität seiner inneren Stimme und arbeitet bewusst daran, sich von den Illusionen der mentalen und physischen Welt zurückzuziehen. Das gelingt ihm aber nicht immer, denn er ist mit den gleichen alltäglichen Angelegenheiten konfrontiert wie jeder andere Mensch. Doch der mystische Weg oder das mystische Bewusstsein bietet ein Gespür für die authentische innere Wahrheit darüber, was im Leben wirklich ist und was nicht. Außerdem sind mystische Erfahrungen keineswegs nur dem Esoteriker vorbehalten. Jeder Mensch erlebt Augenblicke, in denen er sich aus Zeit und Raum hinausgehoben und in ein weites Reich höheren Bewusstseins hineinversetzt fühlt. Doch Esoteriker scheinen sich vorrangig vom Aussichtspunkt dieses erweiterten Bewusstseins aus auf das Leben einzulassen. Als Esoteriker haben Sie keine Angst davor, wie Begegnungen mit der Wahrheit Ihr Leben verändern könnten. Vielmehr suchen Sie die Wahrheit, statt vor ihr davonzulaufen. Archetypische Esoteriker wie die Dichterin Maya Angelou oder die Wissenschaftler Albert Einstein und Stephen Hawking oder der Astronaut Edgar Mitchell haben die Grenzen des gewöhnlichen, von Ängsten überschatten Denkens durchbrochen und sich ihrem intuitiven Intellekt geöffnet. Für diese Menschen wie für viele andere archetypische Esoteriker bedeutet die Ausführung einer Arbeit, die der Verbesserung des Lebens der Menschheit gewidmet ist, ein Sprungbrett zur Wahrheit.

Der spirituell suchende Esoteriker
Die Verschmelzung des modernen spirituell Suchenden mit dem auf den mystischen Lehren gründenden Esoteriker entstand, weil wir in unserer modernen spirituellen Praxis Elemente beider Archetypen benötigen. Es reicht nicht aus, immer nur zu suchen und niemals wirklich etwas an der eigenen Lebensführung zu verändern, die inneren Werte nicht anzupassen, nicht wirklich in Demut auf heiliger Erde zu gehen. Und zugleich leben wir in einer Welt, in der es kaum noch einen Platz gibt für Mönche und Nonnen. Nur noch wenige fühlen sich zu einem zurückgezogenen Leben in Gebet und Stille innerhalb der schützenden Mauern eines Klosters oder Ashrams berufen. Zugleich stellen wir uns gegenwärtig im Zuge unserer Sinnsuche Fragen, die den Esoteriker in uns zum Leben erwecken. Nicht zufrieden damit, nur nach dem Weg zum Glück zu fragen, stellt sich irgendwann jeder spirituell Suchende bedeutende Fragen, welche die Barrieren zwischen Ego und Seele niederreißen. Falls Sie den archetypischen spirituell Suchenden in sich spüren und dieser Augenblick bisher nicht gekommen ist, machen Sie sich keine Sorgen – ich versichere Ihnen, er wird kommen.
Der Lebensweg des spirituell suchenden Esoterikers ist auf die Verpflichtung ausgerichtet, eine bewusste Einheit von Körper, Geist und Seele zu leben. Die Aufforderung »Lass den Worten Taten folgen!« könnte das Mantra dieses Archetypus sein, da er danach strebt, in Übereinstimmung mit der Wahrheit zu leben. Ein in sich stimmiger Mensch sagt nicht das eine und tut etwas anderes oder kompromittiert seine Integrität, indem er seine Gefühle verleugnet. Kongruenz oder Übereinstimmung verlangt, dass Gefühle und Überzeugungen im Einklang zueinander stehen. Mit der Wahrheit in Harmonie zu leben bedeutet, keine Geheimnisse zu hüten, sich nicht hinter alten Verletzungen zu verbergen und sich oder andere nicht zu betrügen. Doch findet man nicht über Nacht zur Kongruenz, und sie ist auch nicht das Ergebnis eines Wochenendworkshops. Nach Kongruenz muss man ein Leben lang engagiert streben. Der spirituell suchende Esoteriker ist der ideale Archetypus, um uns auf unserer Lebensreise zu leiten, damit wir zu einem in sich stimmigen Menschen werden. Der Suchende in Ihnen will mehr darüber erfahren, warum Sie so sind, wie Sie sind, und will Ihnen bei der Beantwortung von Fragen helfen wie etwa: Wonach suche ich wirklich? Und: Was macht mich wirklich glücklich?
Verborgen hinter der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz oder irgendeiner anderen Veränderung, von der Sie meinen, dass sie Sie glücklich macht, pulsiert die Kraft der Mystik, die Sie immer weiter und tiefer auf den Weg zu Ihrer persönlichen Wahrheit zieht. Schließlich wird der spirituell Suchende in Ihnen Ihren inneren Esoteriker anerkennen, und der wird Sie zuverlässig immer wieder daran erinnern, dass Sie nur dann ein bleibendes Glück finden können, wenn Sie sich mutig damit konfrontieren, wer Sie sind, was Sie empfinden, woran Sie glauben und wie Sie Ihr Leben wirklich führen wollen.

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