"Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit" von Anna K. Zschocke (Rezension)

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Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Sagita Lehner

Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit

Anne K. Zschocke

Gebunden

€ 19,99 inkl. MwSt.
«Bakterien sind schlecht und gehören ausgerottet», so dachte man früher und gab mit Antibiotika und übertriebener Hygiene nicht nur Krankheitserregern, sondern auch gleich der eigenen Gesundheit den Gong. Seither hat sich zum Glück vieles verändert – nur angekommen ist es noch nicht überall. So ist es weitgehend unbekannt, dass Alzheimer, ADHS, Autismus und viele weitere Erkrankungen auf eine ins Ungleichgewicht geratene Darmflora zurückzuführen sind. Dr. Anna Katharina Zschocke erklärt in «Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit» (Knaur Verlag, München 2014) anschaulich, was uns krank macht und wie jeder mit einfachsten Mitteln sein Mikroben-Team beim Wiederaufbau unterstützen kann. Dieses Buch dürfen Sie übrigens sorglos herunterschlingen, und Sie tun dabei sogar Ihrer Verdauung noch etwas Gutes.

 

Leseprobe aus «Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit»

Autismus und Mikrobiota

Bestimmten Bakterienwirkungen ist man bei Autismus-Spektrum-Störungen auf die Spur gekommen. Darunter fasst man verschiedene Krankheitsbilder zusammen, die landläufig «Autismus» genannt werden. Er ist durch eine Vielzahl von Auffälligkeiten charakterisiert, die in der Regel mit einer veränderten Kommunikation mit den Mitmenschen einhergehen und Schwierigkeiten in Verständigung und sozialem Miteinander mit sich bringen. Sinneswahrnehmungen und Sinnesverarbeitung sind außergewöhnlich. Angewohnheiten, die autistische Menschen haben, wie das ständige Wiederholen derselben Handlungen, können auf andere befremdlich wirken, und sie scheinen in ihrer eigenen Welt zu leben, zu der andere Menschen nur bedingt Zugang finden.

Unter ihnen gibt es Persönlichkeiten, die man als geistig behindert betrachtet, und Menschen, die man hochbegabt nennt, mit zum Teil außerordentlichen Fähigkeiten in einzelnen Gebieten wie Musik, Zeichnen, Kopfrechnen oder Gedächtnisleistung. Rückblickend schreiben manche Menschen auch Wolfgang Amadeus Mozart und Albert Einstein autistische Züge zu.

Wenn dem so ist, verdanken wir die Zauberflöte womöglich einem Bakterium der Gattung Clostridium. Denn durch Stuhluntersuchungen autistischer im Vergleich zu nichtautistischen Personen stellte man fest, dass sich bei allen Autisten ein Übermaß gewisser Clostridien im Darm findet, darunter neun Arten, die man nur im Darm von Autisten und nirgendwo sonst gefunden hat. Bei einer Studie war die Menge der Gesamtclostridien bei Autisten 46-mal höher als die der Kontrollgruppe.

Clostridien bilden Neurotoxine aus, also Nervengifte. Und sie überleben, wenn andere Bakterien bereits sterben, zum Beispiel nachdem ein Mensch die Antibiotika Trimethoprim-Sulfamethoxazol geschluckt hat. Es wurde beobachtet, wie Kinder auf die Gabe dieser Antibiotika hin Autismussymptome entwickelten. Gab man dann das Antibiotikum Vancomycin, das Clostridien tötet, besserte sich die autistische Symptomatik. Bald danach traten die Symptome allerdings wieder auf, wahrscheinlich weil Clostridien, indem sie sich in einen Sporenzustand begeben, überleben und sich anschließend wieder in die aktive Form zurückverwandeln können.

Als Forscher der Columbia-Universität New York Kindern Biopsien der Enddarmschleimhaut entnahmen, fanden sie Bakterien der Gattung Sutterella, die nur bei autistischen Kindern, aber nicht im Darm einer Kontrollgruppe vorkamen. Sie waren ungewöhnlicherweise die häufigsten Bakterien im autistischen Darm. Urin und Blut waren voll ihrer Stoffwechselprodukte. Auch das Verhältnis der Firmicutes zu Bacteroidetes war bei autistischen Kindern im Vergleich zu normalen gestört.

Welche Untersuchungen auch immer gemacht wurden: Immer fand sich bei autistischen Menschen eine Mikrobiomstörung im Darm, und mittlerweile macht man diese für die veränderten Verhaltensmuster verantwortlich.

Ob das gezielte Schlucken von Bakterien dabei einen Unterschied macht, wollten Forscher des California Institute for Technology wissen, und fütterten autistische Mäuse mit Bacteroides fragilis, einem Bakterium, das bei Mäusen als Probiotikum gilt. Tatsächlich verbesserte sich die Darmproblematik, und auch einige der hauptsächlichen autistischen Verhaltensweisen verschwanden. Dabei entdeckte man, dass autistische Mäuse einen leaky gut und dass die Darmbakterien Metaboliten gebildet hatten, die durch die löchrige Schleimhaut ins Blut und auch ins Gehirn gelangen konnten.

Die Forscher planen derzeit die Entwicklung von Probiotika für Neugeborene, deren Mutter in der Schwangerschaft einen Virusinfekt oder eine Immunschwäche hatte. Allerdings erwarten sie, dass Bacteroides fragilis allein nicht allen Autisten in gleicher Weise hilft.

Andere Forscher wollten wissen, ob Menschen im Nervensystem generell positiv auf das Schlucken von Bakterien reagieren. Dazu gab ein Forscherteam der University of California in Los Angeles einem Drittel von 36 Frauen zwischen 18 und 55 Jahren Joghurt mit vier verschiedenen Bakterienstämmen als probiotischen Mix, einem zweiten Drittel Joghurt ohne diese Bakterien und dem dritten Drittel gar keinen Joghurt, welchen sie zweimal täglich über vier Wochen zu sich zu nehmen hatten.

Davor und danach untersuchte man mit Magnetresonanztomographie die Gehirne der Frauen und sah voller Verblüffung, dass es tatsächlich Unterschiede darin gab. Dann gab man den Frauen einzelne Aufgaben zu lösen, während ihre Gehirne beobachtet wurden, man ließ sie zum Beispiel Bilder von angstvollen oder wütenden Gesichtsausdrücken nach Emotionen ordnen. Tatsächlich zeigten sich signifikante Unterschiede bei der Aktivierung verschiedener Hirnareale und deren Verknüpfungen untereinander, und bei den Frauen, die probiotische Bakterien geschluckt hatten, reagierten bestimmte Hirnregionen weniger stark auf negative Reize als bei den anderen.

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