Das Herz des Schweigens – Dr. Karl Heinz Rauscher im Interview mit Doris Iding

AutorTexttext„Die Dämonen kamen über Nacht.“ So beginnt der fiktive Roman „Das Herz des Schweigens“ von Karl Heinz Rauscher. Er erzählt von der Bäuerin Madeleine, die „über Nacht“ verrückt wurde, und er erzählt von ihrem Mann, der, über den bäuerlichen Kontext hinausgehend, alles ihm Mögliche – innerlich wie äußerlich – dransetzt, seiner Frau bei ihrer Gesundung zur Seite zu stehen. Die dramatische Reise Madeleines führt über die Psychiatrie in München und eine Familientherapie in Zürich zu einer Begegnung mit einem berühmten Schamanen in Kanada.

Von Doris Iding


Der Roman erzählt vom Wissen eines Medizinphilosophen, der für die Heilung Madeleines letztlich das Zünglein an der Waage bereitstellt – nämlich die Erkenntnis, dass die Welt nur zu verstehen ist, wenn wir wissen, dass alles mit allem zusammenhängt. Die Reise der Genesung geht, je weiter sie sich örtlich vom bäuerlichen Dorf entfernt und schließlich am Ende wieder dorthin zurückführt, immer erfahrbarer und tiefer in die Essenz der wechselseitigen Bezogenheit aller Dinge – etwa Vergangenheit und Gegenwart, Wissen und Handeln, Sichtbares und Unsichtbares.

Der Leser kann sich entflammen lassen von dem, was er liest – geht es doch von Vertrautem aus und eröffnet ihm eine Welt, die seine innere Stimme anklingen lässt und ihm sagt: Ja, es gibt eine größere Wahrheit, die umfassender ist als unser Alltagskosmos. Alles ist mit allem verbunden. Doch es bedarf des Mutes, den alle Protagonisten des Buches – jeder auf seine Weise – aufbringen, um sich darauf einzulassen, diese größere Wahrheit wahrzunehmen und sie zu spüren.

Das Buch hat mit uns zu tun. Der Autor vermittelt ein ganzheitliches Medizinverständnis und, weitergedacht, auch ein ganzheitliches Gesellschafts- und Weltverständnis. Damit trifft der Autor, selbst Arzt, einen wesentlichen – man muss sagen: entscheidenden – Nerv der Zeit aus der Perspektive eines Heil-Werdens. Lassen Sie sich auf das Abenteuer dieser Lektüre ein; es wird Sie packen, berühren, nachdenklich stimmen und möglicherweise innehalten lassen, um zu prüfen, wo Sie in Bezug auf den Umgang mit sich (und damit auch der Welt) stehen.


Wie ist die Idee zum Buch entstanden?

Ich wachte morgens um 5 Uhr auf und hatte einen Satz auf den Lippen: „Die Dämonen kamen in der Nacht.“ Wow, dachte ich, starker Satz. Könnte auch ein Romantitel sein. Damit ich ihn nicht vergesse, stand ich auf, startete den Laptop und schrieb den Satz nieder. Sofort kamen weitere Sätze. Ich schrieb weiter, bis zwei Seiten voll waren, und ging wieder zu Bett. Am Nachmittag las ich die beiden Seiten wieder und dachte, gut, wirklich gut, und schrieb weiter, zwei Jahre lang, immer wieder. Die beiden ersten Seiten stehen heut unverändert am Beginn des Romas.


Lässt sich der Inhalt des Buches in drei Sätzen zusammenfassen?

Die Bauersfrau Madeleine Haftbauer wird verrückt. Durch den Mut ihres Ehemannes und das Wissen eines Medizinphilosophen bestärkt begibt sie sich auf eine dramatische Reise durch ihr Inneres, die sie durch die lähmende Wirkung starker Medikamente in München, über eine erhellende Familienaufstellung in Zürich zu einem berühmten indianischen Schamanen auf einen heiligen Berg in Kanada führt. Dabei wird ein altes Familiengeheimnis gelüftet, was selbst die Dämonen, die Madeleine besetzten, überrascht.


Was ist die Hauptaussage Ihres Buches?

Wir verstehen die Welt nur, wenn wir wissen, daß alles mit allem zusammenhängt.


Ihr Roman ist zwar fiktiv, aber wie weit fließen hier Ihre Erfahrungen aus Ihrer langjährigen medizinischen und therapeutischen Arbeit ein?

Meine Erfahrungen als Arzt und systemischer Familientherapeut fließen breitgefächert in den Roman ein. Im Roman entfaltet sich ein ganzheitliches Medizinverständnis, das den Menschen als Teil eines großen Zusammenhangs sieht.


Wann sind Sie als Arzt zum ersten Mal damit in Berührung gekommen, dass es Phänomene gibt, die für das Auge unsichtbar sind, und dass diese Phänomene für die Heilung eine wesentliche Rolle spielen?

Für Psychologie habe ich mich schon während des Medizinstudiums interessiert. Die rein körperliche Sichtweise der Krankheiten war mir schon damals zu wenig. Ich spürte, dass da mehr sein musste. In den ersten Jahren meiner Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin im Stadtkrankenhaus Memmingen bin ich durch einen Oberarzt mit der psychosomatischen Klinik in Bad Grönenbach in Berührung gekommen. Die Fortbildungen dort interessierten mich brennend. Neben den Methoden der humanistischen Psychotherapie wurden dort auch spirituelle Aspekte in das Fortbildungsprogramm aufgenommen.


Wie sehr hat diese Erfahrung Ihre Arbeit als Arzt beeinflusst?

Sehr. Ich wechselte nach der Facharztprüfung in die Psychosomatische Klinik in Bad Grönenbach, wurde dort zum  Gruppentherapeuten weitergebildet und sah ab diesem Zeitpunkt immer auch den seelischen Aspekt einer Krankheit. Die nächste Erweiterung meines medizinischen Denkens erfolgte durch den Kontakt zur systemischen Familienaufstellung Bert Hellingers. Plötzlich war der Mensch kein Einzelwesen mehr, sondern auch Teil des Familiensystems und noch größerer Systeme. Diese Einsicht brachte ganz neue Möglichkeiten der Behandlung.  


Wäre Ihr Buch eine ideale Lektüre für Medizinstudenten, um ihnen eine neues Verständnis, nämlich das Prinzip „Alles ist miteinander verbunden“ zu vermitteln?

Der Roman wäre tatsächlich eine ideale Lektüre für Medizinstudenten.


Welche Leserschaft wünschen Sie sich sonst noch?

Ich wünsche mir eine möglichst breite Leserschaft in der Bevölkerung. Jeder Mensch sollte wissen, in welchen Zusammenhängen er selbst und seine Gesundheit steht. Eine Journalistin, die den Roman reszensiert hat, drückte es so aus: „Ich habe mich bisher nie für Psychologie interessiert. Doch nach der spannenden Lektüre Ihres Romans bin ich um einiges klüger.“


Welche Auswirkungen hätte die Aussage „alles ist mit allem verbunden“ auf Ärzte und ihre Arbeit?

Es wäre eine große Bereicherung. Die medizinische Forschung und die Ärzte vor Ort könnten endlich den rein körperlichen Blick auf die Krankheiten aufgeben und den Menschen in seiner Gesamtheit erfassen. In der Forschung wären ganz andere Fragestellungen und Arbeitshypothesen möglich. Die Studiendesigns könnten auf den neuen Denkrahmen umgestellt werden. Völlig neue Entdeckungen wären möglich. Das käme einem Quantensprung in der Medizin gleich.


Werden Sie von Ihren ärztlichen Kollegen ernst genommen oder eher als Spinner abgetan, wenn es um den Einheitsgedanken geht?

Die meisten Ärzte beschäftigen sich kaum mit seelischen und geistigen Zusammenhängen. Natürlich gibt es viele Ausnahmen. Schließlich ist die Psychosomatik heute ein längst anerkanntes Fachgebiet. Aber zahlenmäßig sind die meisten Ärzte diesem neuen Wissen wenig aufgeschlossen. Dennoch habe ich das Gefühl, daß sich der Zeitgeist ändert und das Interesse am Thema „Prinzip der Einheit“ in der Bevölkerung und auch bei Medizinern wächst.


Diese Geschichte berührt auf sehr tiefgreifende Weise den Kern des Menschen. Gleichzeitig könnte man darin auch einen Spiegel der momentanen gesellschaftlichen Situation sehen. Besteht hier ein Zusammenhang?

Ganz sicher. Die Geschichte Madeleines kann durchaus als Spiegel der aktuellen Situation der Menschheit oder einzelner Gesellschaften betrachtet werden. Auch als Volk, als Europäer oder als Menschheit könnten wir plötzlich vor einer Katastrophe stehen. Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und Russland ist in Polen einmarschiert, was hoffentlich nie geschehen wird. Aber 1939 haben das viele Deutschland auch nicht zugetraut. Plötzlich ist Krieg. Das Land ist im Schock. Der Wahnsinn ist ausgebrochen.
Wir würden an den Lippen der Politiker hängen wie Wolfgang, Madeleines Mann, an den Lippen des Psychiatrieprofessors, um zu hören, was jetzt zu tun sei. Bis wir erkennen, daß die Politiker auch nicht verstehen, was geschehen ist. Sie verstehen das Wesen des Krieges nicht, so wie im Roman der Psychiater das Wesen der Schizophrenie nicht versteht. Wolfgang ist auf sich selbst gestellt und wir wären es im beschriebenen Kriegsfall ebenso.
Wolfgang hat kompetente Helfer. Im Spiegel des Romans zeigen sich die Hintergründe.
Die Katastrophe kann auch anders aussehen. Sie brauchen sich nur vorzustellen, die Seuche Ebola hätte sich auf dem gesamten Erdball ausgebreitet und gestern ihren Ort erreicht, was hoffentlich nie geschehen möge. Über Nacht ist alles anders. Auch andere Szenarien sind denkbar.
In Teilen dieser Welt sind bereits viele Menschen diesen und anderen Katastrophen ausgesetzt. In den Flüchtlingsströmen dieser Tage haben sie bereits unser Land erreicht und müssen abgeschieden in Lagern kampieren. Viele finden das noch normal. Der Gedanke der Trennung und Abtrennung herrscht in unseren Köpfen noch vor. Bis die Katastrophe auch uns erreicht. Aber so lange müssen wir nicht warten. Das Prinzip der Einheit – die Anerkennung der Tatsache, daß alles miteinander verbunden ist – gibt uns andere Möglichkeiten.
Madeleine durchlebt all die Abenteuer, die warten, wenn man sich auf den Weg macht.


Wenn Sie drei Wünsche hätten, hinsichtlich Ihres Buches. Wie sähen sie aus?

Erstens, dass es möglichst viele Menschen erreicht und gefällt. Zweitens, das es viele Menschen hilfreich finden. Drittens, dass es in viele andere Sprachen übersetzt wird.

Ein Interview von Doris Iding


Dr. Karl-Heinz Rauscher schreibt seit zwanzig Jahren. Entstanden sind Romane, Drehbücher, Theaterstücke und Sachbücher. Nach Jahrzehnten als Arzt und Familientherapeut ist Rauscher zum Geschichtenerzähler geworden. Seine Geschichten berühren den Kern des Menschseins. „Das Herz des Schweigens“ ist sein Debütroman.


Infos zum Buch:

RauscherCover

Dr.Karl-Heinz Rauscher: „Das Herz des Schweigens“

Verlag: Iatros Verlag 2014
Umfang: 364 Seiten
Preis: 19,95 €
ISBN: 978-3869632650




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