"Das Seelenleben der Tiere" von Peter Wohlleben (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Martin Frischknecht

Das Seelenleben der Tiere

Peter Wohlleben

Gebunden

€ 19,99 inkl. MwSt.
Peter Wohlleben verblüffte vor einem Jahr mit einem Buch über das «geheime Leben der Bäume». In seinem neuen Werk über «Das Seelenleben der Tiere» schafft es der deutsche Förster wieder trefflich, Erkenntnisse aus der Wissenschaft zu verbinden mit persönlichen Erlebnissen und überraschenden Einblicken. Tiere kennen Liebe, Mitgefühl und Trauer, und es sind bei weitem nicht «bloss» Haustiere, denen man heute solche Gefühlsregungen zubilligt. In kurzen Kapiteln berichtet der Autor von der Mutterliebe eines Eichhörnchens und vom wild entschlossenen Mut eines Rehkitz’. Das ist unterhaltsam zu lesen – ein Augenöffner für Wesen, die sich als «Krone der Schöpfung» betrachten.

Textauszug aus «Das Seelenleben der Tiere»:

Altruismus

Können Tiere selbstlos handeln? Selbstlosigkeit ist das Gegenteil von Egoismus, einer Eigenschaft, die im Rahmen der Evolution (nur die Stärksten/Besten überleben) erst einmal nichts grundsätzlich Negatives ist. Lebt man hingegen in einer Gemeinschaft, dann ist ein gewisses Maß an Selbstlosigkeit Voraussetzung für deren Funktionieren. Zumindest dann, wenn diese Eigenschaft so definiert wird, dass daran nicht unbedingt ein freier Wille geknüpft sein muss. Selbstlos handeln dann sehr viele Tierarten, sogar Bakterien können das. So setzen antibiotikaresistente Individuen Indol frei, eine Substanz, die als Alarmsignal dient. Daraufhin ergreifen alle anderen Bakterien im Umkreis Schutzmaßnahmen. Selbst diejenigen, die nicht durch Mutation resistent geworden sind, können nun überleben.

Ein klarer Fall von Selbstlosigkeit, aber ob hier freier Wille im Spiel war, darf zumindest nach dem aktuellen Stand der Forschung bezweifelt werden. Für mich jedoch wird Altruismus erst dann wertvoll, wenn man eine echte Wahl hat, wenn man bewusst und aktiv Verzicht üben muss, um einem anderen zu helfen. In letzter Konsequenz wird man nicht klären können, wann das bei Tieren der Fall ist, doch wir können uns der Sache nähern, indem wir bei den intelligenteren Wesen anfangen. Vögel gehören in diese Kategorie, und bei ihnen können Sie ständig Altruismus beobachten. Wenn sich ein Feind nähert, dann stößt beispielsweise die erste Kohlmeise, die die Gefahr bemerkt hat, einen Warnruf aus. Alle anderen Meisen können nun das Weite suchen und sich in Sicherheit bringen.

Die Ruferin jedoch setzt sich dabei einer besonderen Gefahr aus, denn sie macht den Angreifer auf sich aufmerksam. Natürlich kann sie sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen versuchen, doch die Chance, dass sie und nicht eine andere Meise gefangen wird, ist in diesem Fall besonders hoch. Warum geht sie ein derartiges Risiko ein? Evolutionär macht das erst einmal keinen Sinn, denn ob sie oder ein anderer Vogel gefressen wird, ist für die Art selbst völlig unerheblich.

Doch Altruismus bedeutet langfristig nicht nur Geben, sondern auch Nehmen, und das kann dann doch wieder Vorteile für mitfühlende und großzügige Individuen bedeuten, wie Gerald G. Carter und Gerald S. Wilkinson von der University of Maryland ausgerechnet bei Vampiren beobachten konnten. Die südamerikanischen Fledermäuse beißen nachts Rinder und andere Säugetiere, um anschließend das austretende Blut aufzulecken. Um satt zu werden, müssen sie allerdings Erfahrung und Glück haben, sowohl was das Auffinden der Rinder als auch was das Stillhalten der Opfer betrifft. Glücklose oder unerfahrene Fledermäuse bleiben oft genug hungrig, doch nur so lange, bis satte Kollegen zurück in die Höhle fliegen. Dort würgen diese für die weniger glücklichen Mitbewohner Teile ihrer Blutmahlzeit wieder heraus, sodass alle etwas davon haben. Und zwar wirklich alle. Denn überraschenderweise werden nicht nur nahe Familienangehörige versorgt, sondern auch Tiere, die mit der Spenderin noch nicht einmal weitläufig verwandt sind.

Doch wozu eigentlich? Im Sinne der Evolution sollte doch nur der Stärkste überleben, und wer abgibt, schwächt sich selbst. Nahrungserwerb kostet schließlich Energie, und wer andere mitversorgt, verbraucht auch mehr und muss sich entsprechend öfter in Gefahr begeben. Zudem könnten einzelne Mitglieder der Gemeinschaft solch selbstlose Fledermäuse ausnutzen und dauerhaft deren Dienste in Anspruch nehmen. Doch so ist es nicht, wie die beiden amerikanischen Forscher herausfanden. Fledermäuse erkennen sich nämlich gegenseitig und wissen genau, wer aus der Bekanntschaft großzügig ist und wer nicht. Diejenigen, die besonders altruistische Züge aufweisen, werden ihrerseits bevorzugt versorgt, wenn sie selbst einmal eine Pechsträhne haben.

Ist Altruismus also egoistisch? Im evolutionären Sinne sicherlich, denn die Individuen, die diese Eigenschaft aufweisen, haben langfristig eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Doch noch etwas anderes kann man aus dieser Beobachtung lernen: Offenbar haben die Fledermäuse eine Wahl, einen freien Willen, sich für oder gegen das Teilen zu entscheiden. Wäre es nicht so, dann bräuchte es das komplizierte soziale Geflecht aus dem Erkennen untereinander, dem Zuordnen der jeweiligen Eigenschaften und der daraus resultierenden Handlung sicher nicht. Altruismus könnte einfach genetisch fixiert als eine Art Reflex ausgeführt werden, sodass zwischen den Tieren keine Charakterunterschiede mehr erkennbar wären. Wertvoll wird Selbstlosigkeit jedoch erst dann, wenn sie freiwillig geschieht, und offensichtlich haben Fledermäuse diese Wahlfreiheit.

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