"Der Biophilia-Effekt" von Clemens G. Arvay (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von „MF“

Der Biophilia-Effekt

Clemens G. Arvay

Gebunden

€ 22,90 inkl. MwSt.
Es ist eine Eigenart unserer Zeit, dass es einen wissenschaftlichen Zugang braucht, um eine Sache, die uns eigentlich allen vertraut ist, hieb- und stichfest zu beweisen: Sich draussen in der Natur aufzuhalten, tut rundum gut. Eine natürliche Umgebung nährt unsere Seele, erquickt den Geist und stärkt den Körper. Muss das bewiesen werden? Nein, aber es kann. Und der Beweis hat Folgen. Stellen Sie sich vor, Sie leiden an einer Depression und werden von Ihrer Krankenkasse dafür bezahlt, dass Sie regelmässig im Wald spazieren gehen, statt zu Hause zu sitzen und Tabletten zu schlucken. Oder Sie haben dringenden Grund zur Krebsprophylaxe und legen sich dazu einen Garten an, statt sich in technisch hochgerüsteter Umgebung diagnostischen Tests zu unterziehen. Clemens G. Arvay hat es unternommen, zahlreiche Studien zu diesem Zusammenhang zu sammeln und sie zu einer klaren Aussage zu bündeln. Der junge österreichische Biologe spricht in seinem gleichnamigen Buch vom «Biophilia-Effekt» (Verlag edition a, Wien 2015). Gemeint ist jene Wechselwirkung zwischen Natur und Gesundheit, die uns weit stärker bestimmt, als wir uns das meist eingestehen. Ein sehr anregendes Buch, am besten diesen Sommer im Wald zu lesen.

Textauszug:

Pflanze an Immunsystem: »Mehr Killerzellen und Anti-Krebs-Geschütze« 

»Wir sind mit der überraschenden Tatsache konfrontiert, dass es sich beim Immunsystem um ein Sinnessystem handelt, das fähig ist, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln.«
Joel Dimsdale, Professor für Psychiatrie an der Universität von Kalifornien, San Diego

Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Wissenschaftler finden eine bahnbrechende Neuigkeit nach der anderen über un­ser Immunsystem heraus. Nach und nach wird klar, wie sehr der Mensch mit seiner Umwelt verbunden und vernetzt ist. Wir sind längst dahintergekommen, dass es ein fataler Fehler war, den menschlichen Organismus aus Sicht der Wissenschaft als isoliert von seinem natürlichen Lebensraum und wie eine Maschine zu be­trachten. Dieses Menschenbild steht vor dem Kollaps. Die Immunologie wird einen wesentlichen Beitrag zu diesem Wandel leisten.

»Nahezu jeder Erkrankung, nicht nur Infektions- oder Immunkrankheiten, sondern auch Arteriosklerose, Krebs und Depressionen, können immunologische Einflussfaktoren zugeschrieben wer­den«, schrieb der US-amerikanische Mediziner und Psychiatrieprofessor an der Universität von Kalifornien, Joel Dimsdale.

Das Immunsystem ist der Schlüssel zur Gesundheit.

Das wahrnehmende, kommunizierende und handelnde Immunsystem, das sich dank aktueller Forschungsergebnisse mehr und mehr als Sinnesorgan entpuppt, ist so komplex und gibt uns der­art viele Rätsel auf, dass es mir schwer fällt, zu entscheiden, wo ich anfangen möchte. Also beginnen wir einfach in Japan: Fangen wir mit «Shinrin-yoku» an. So nennt sich eine japanische Tradition. Aus dem Japanischen übersetzt bedeutet Shinrin-yoku «Waldbaden». Damit ist nicht etwa das Baden in einem Waldsee gemeint. Der Vergleich passt allerdings: Ähnlich wie in einen See, so können wir auch in einen Wald mit allen Sinnen regelrecht eintauchen. Japanische Autoren übersetzen Shinrin-yoku meistens als »Einatmen der Wald-Atmosphäre«. Im Jahr 1982 schlug die staatliche Wald-Behörde Japans vor, Shinrin-yoku öffentlich zu bewerben und zu fördern. Heute ist das Einatmen der Wald-Atmosphäre eine in Japan offiziell anerkannte Methode zur Vorbeugung gegen Krankheiten sowie zu deren unterstützender Behandlung. Shinrin-yoku wird vom staat­lichen Gesundheitswesen gefördert und an Japans medizinischen Universitäten und Kliniken erforscht und durchgeführt.

Im Wald trifft das kommunikationsfähige Immunsystem des Menschen auf die kommunizierenden Pflanzen. Sie können sich ausmalen, dass dies nicht ohne Folgen bleibt. Das gesundheitliche Potenzial, das bei diesem Zusammentreffen entsteht, ist so groß, dass im Jahr 2012 an japanischen Universitäten ein eigener medizinischer Forschungszweig gegründet wurde: »Forest Medicine« oder »Waldmedizin«. Innerhalb kurzer Zeit begannen Wissenschaftler überall auf der Erde, sich an dieser Forschung zu beteiligen.

Betrachten wir den Wald für ein paar Augenblicke etwas anders als gewöhnlich. Betrachten wir ihn als einen großen, hoch komplexen Lebensraum, in dem tausende und abertausende Lebewesen miteinander kommunizieren. Die Kronen der Bäume sind dann Sendestationen, die Pflanzenbotschaften in die Luft hinaus fun­ken. Die Blätter der Sträucher, Büsche, Ranken und Kräuter senden Pflanzenvokabeln aus, die von anderen Pflanzen und von Tieren aufgenommen werden. Im Erdreich geben Wurzeln Stoffe ab, die ebenfalls Botschaften enthalten und sie geben klickende Laute von sich, die das menschliche Ohr nicht hören kann. Die Pflanzen nehmen diese Laute als unterirdische physikalische Schwingungen wahr. Der Wald, so wie jeder andere natürliche Lebensraum, ist ein Ort der regen Unterhaltungen, der dichten Kommunikation. Überall schwirren Moleküle umher, die Information enthalten und andere Lebewesen entschlüsseln sie. Darunter befinden sind die unzähligen Terpene, die Pflanzenvokabeln, die ich bereits beschrieben habe.

Stellen Sie sich nun vor, sie betreten mit ihrem achtsamen, aufmerksamen und ebenfalls ständig kommunizierenden Immunsystem diesen Wald, einen Hot-Spot der Kommunikation. Ihr Immunsystem kommuniziert nicht nur mit anderen Organen und Systemen ihres Körpers und mit ihrem Gehirn, sondern auch mit der Außenwelt. Es ist ein Sinnesorgan, das dazu gemacht ist, Information wahrzunehmen, die Sie selbst nicht bewusst wahrnehmen können. Eine der Aufgaben Ihres Immunsystem ist es, Reize aus der Außenwelt einzuschätzen, zu erkennen und darauf zu reagieren. Das können Viren und Bakterien sowie alle möglichen Substanzen sein. Das Immunsystem ist also die unsichtbare Antenne Ihres Körpers, mit der Sie den Wald betreten.

Erweitern wir unsere Vorstellung nun ein wenig: Sie spazie­ren nicht nur mit Ihrem kommunizierenden Immunsystem durch die Welt der kommunizierenden Pflanzen, sondern Sie haben auch einen Wissenschaftler an Ihrer Seite. Der möchte natürlich etwas messen – das haben Wissenschaftler so an sich. Es würde ihm nicht reichen, wenn Sie ihm sagen würden, dass Sie sich auf Ihrem Waldspaziergang wohl und entspannt fühlen, dass Sie sich vielleicht we­niger gestresst fühlen als sonst oder sogar kreativ beflügelt durch die idyllischen Eindrücke sind. Nein, das stellt ihn nicht zufrieden, er will Zahlen und handfeste Messwerte. Er möchte wissen, wie Ihr Immunsystem reagiert. Deswegen nimmt er Ihnen nach einiger Zeit im Wald Blut ab. Und er stellt fest:

  1. Die Anzahl der natürlichen Killerzellen Ihres Immunsystems ist deutlich angestiegen.
  2. Ihre natürlichen Killerzellen sind nicht nur mehr geworden, sondern sie sind auch aktiver. Diese erhöhte Aktivität der Killerzellen wird noch viele Tage lang anhalten.
  3. das Niveau der Anti-Krebs-Proteine, mit denen Ihr Immunsystem Krebs vorbeugt oder im Falle einer Krebserkrankung den Tumor bekämpft, ist ebenfalls deutlich gestiegen.

Ich werde noch darauf zurück kommen, was diese Ergebnisse konkret bedeuten und worin der Nutzen für Ihre Gesundheit liegt. Sie fragen sich aber bestimmt, wodurch der Wald die Verbesserung dieser wichtigen Immunwerte auslöst. Das wiederum hat mit der Kommunikation der Pflanzen zu tun.

Wenn Sie die Luft in einem Wald einatmen, dann atmen sie einen Cocktail aus bioaktiven Substanzen, die von Pflanzen an die Waldluft abgegeben werden. Darunter befinden sich auch die Terpene. Wenn wir durch den Wald gehen, kommen wir vor allem mit jenen Terpenen der Pflanzenkommunikation in Kontakt, die gasförmig sind. Wir nehmen sie teils über die Haut, vor allem aber über die Lungen auf. Die Terpene aus der Luft stammen aus den Blättern und Nadeln der Bäume. Sie strömen aus den Baumstämmen und aus der dicken Borke mancher Bäume. Büsche, Kräuter und Sträucher im Unterholz sowie Pilze, Moose und Farne geben sie ebenfalls ab. Sogar die Streuschicht aus Laub und die darunter liegende modrige Humusschicht, in der es vor Leben nur so wimmelt, geben Terpene ab. Seit ich das weiß, hat sich meine Wahrnehmung des Waldes verändert. Wenn ich durch den Wald gehe, habe ich das Gefühl, in einen riesengroßen, atmenden Organismus einzutauchen, der mit mir kommuniziert. Ich selbst bin dann ein Teil davon und atme und kommuniziere mit.

Und jetzt kommen wir zur Quintessenz: Einige unter den Terpenen interagieren auf höchst gesundheitsfördernde Weise mit unserem Immunsystem. Nennen wir sie »Anti-Krebs-Terpene«9. Waldluft ist wie ein Heiltrunk zum Einatmen.

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Anti-Krebs-Terpene aus der Waldluft alte Bekannte für unser Immunsystem sind. Sie entstammen zwar der Kommunikation der Bäume, Pilze und Kräuter untereinander, aber auch unser Immunsystem kann sie entschlüsseln. Und das Faszinierende daran ist: Es entschlüsselt sie sogar auf ähnliche Weise, wie es die Pflanzen selbst tun. Pflanzen reagieren auf Terpene häufig mit einer Steigerung ihrer Abwehrkräfte. Unser Immunsystem reagiert ebenfalls mit einer Stärkung der Abwehrkräfte. Waldmediziner wissen, dass die Anti-Krebs-Terpene sowohl direkt auf das Immunsystem einwirken, als auch indirekt über das Hormonsystem, zum Beispiel über die Senkung von Stresshormonen.

Die bedeutendsten Veränderungen, die Anti-Krebs-Terpene in unserem Immunsystem verursachen, betreffen die natürlichen Killerzellen und eine Reihe von Anti-Krebs-Geschützen unseres Körpers. Vergessen Sie sündteure Tropfen und Brausetabletten aus der Apotheke, um Ihr Immunsystem zu stärken. Rücken Sie mit Waldluft gegen Viren an!

Waldluft erhöht die Anzahl der natürlichen Killerzellen

Die natürlichen Killerzellen sind eine spezielle Form der weißen Blutkörperchen. Sie entstehen im Knochenmark und schwimmen in unserem Blut, wo sie wichtige Aufgaben erfüllen. Sie können erkennen, wenn Blutzellen oder Körperzellen mit einem Virus infiziert sind und töten diese Zellen dann einfach durch Zellgifte. Somit sterben auch die Viren, von denen diese Zellen befallen sind. Viren können nämlich ohne eine Wirtszelle nicht überleben. Dasselbe stellen die natürlichen Killerzellen mit entarteten Zellen an, die später zu Krebs führen könnten. Und sie gehen auf diesel­be Weise gegen bereits bestehende Tumorzellen vor. Das heißt, die natürlichen Killerzellen unseres Immunsystem leisten lebenswichtige Dienste an unserer Gesundheit. Sie entfernen Viren aus unse­rem Körper, verhindern die Entstehung von Krebs und bekämpfen den Tumor im Falle einer Krebserkrankung.

Aus zahlreichen Studien erfahren wir, dass die Anzahl der na­türlichen Killerzellen deutlich ansteigt, wenn wir die Anti-Krebs- Terpene aus der Waldluft einatmen. Wir wissen, dass es tatsäch­lich die Terpene aus der Pflanzenkommunikation sind, die uns auf diese Weise gesünder machen. Das wiederum wissen wir, weil die Forscher entsprechende Versuche gemacht haben. Sie experimen­tierten nicht nur direkt im Wald, sondern reicherten auch die Luft in Hotelzimmern, in denen Versuchspersonen schliefen, über ei­nen Zerstäuber mit Anti-Krebs-Terpenen aus dem Wald an. Und siehe da: Auch im Hotel, so ganz ohne Wald, stieg die Zahl der na­türlichen Killerzellen deutlich an, wenn auch nicht so, wie unter natürlichen Bedingungen10. Es sind also wirklich die Terpene aus der Waldluft, die wirken.

An der Nippon Medical School, einer medizinischen Universität in Tokyo mit eigenem Krankenhaus, lehrt und forscht der Medizinprofessor Qing Li. Seine Studien führt er unter anderem in ei­nem Waldgebiet in der Präfektur Nagano durch. Falls Ihnen diese Ortsangabe bekannt vorkommt: In Nagano fanden 1998 die olympischen Winterspiele statt. Die Region ist reich an Wäldern und Bergen. In mehreren groß angelegten wissenschaftlichen Studien konnte Professor Li nachweisen, dass der Effekt aus der Waldluft sogar nachhaltig anhält. Bereits ein einziger Tag in einem Waldgebiet steigert die Zahl unserer natürlichen Killerzellen im Blut durchschnittlich um fast vierzig Prozent. Wenn Sie zwei Tage hintereinander in einem Waldgebiet verbringen, können Sie die Anzahl Ihrer natürlichen Killerzellen um mehr als fünfzig Prozent steigern.

Wer nur einen Tag in einem Wald verbringt, hat immerhin sie­ben Tage lang mehr natürliche Killerzellen im Blut als üblicherwei­se, auch ohne in dieser Zeit nochmal in den Wald zu gehen. Nach einem kleinen Urlaub von zwei bis drei Tagen in einem Waldgebiet bleibt die Anzahl der natürlichen Killerzellen sogar noch dreißig Tage lang erhöht. Um diese Effekte zu erreichen, ist es nicht nötig, sich im Wald körperlich anzustrengen. Es geht also nicht um Sport! Wir müssen nur da sein, anwesend sein. Und wir müssen atmen. Die Kommunikation mit den Bäumen läuft dann auch ohne unser bewusstes Zutun ab.

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