"Der lügende Hund" von Kaddour el Karrouch (Rezension)

Rezension von Natascha Stevenson

der lügende hundDerzeit kommen wir in Deutschland um das Thema Integration nicht herum – Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, doppelte Identitäten und religiös geprägte Konflikte betreffen die Eingesessenen wie auch Neuankömmlinge. Auch fällt auf, dass sich die Fernseh-Dokus zu diesen Themen nun häufen.

Besonders eine Gruppe ist uns durch den Vorfall in Köln zur Silvesternacht negativ aufgefallen: die Marokkaner. Flüchtlinge, die keine sind, dazu noch gewalttätig oder kriminell werden, gepaart mit Respektlosigkeiten gegenüber Frauen und ungleich schlechtem Anpassungsvermögen – von Deutschkenntnissen ganz zu schweigen. Das Bild, das wir vor allem seit Anfang des Jahres von Nordafrikanern bekommen haben, ist eindeutig vollkommen negativ geprägt. Umso größer ist die Angst geworden, auch ein Opfer zu werden, sich eine Laus ins Fell zu setzen oder mit der Integrationsarbeit einfach nicht fertig zu werden.

Deshalb ist die echte Verständigung miteinander essentiell, um schwerwiegende Missverständnisse aus dem Weg zu räumen oder garnicht erst aufkommen zu lassen. Das bereits 2003 erschienene Taschenbuch „Der lügende Hund“ beschreibt sich selbst im Untertitel sehr klar:

„Geschichten eines Nordafrikaners in Deutschland“

Es ist kein Roman, sondern eine wahre Geschichte, etappenweise erzählt. Gerade jetzt ist solch ein Buch wichtiger und aktueller denn je! Der heute etwa 60 jährige Autor Kaddour el Karrouch, der mit gerade einmal 20 Jahren als fertig ausgebildeter Imam aus der marokkanischen Stadt Nador nach Hessen zur Gastarbeit kam, lebt bis heute in Deutschland. Er ist Mitglied eines Sufiordens und hat in vielen deutschen Vereinen, die schon früh den Austausch von Christen und Muslimen praktizierten, mitgewirkt.

In seinem sehr abwechslungsreichen Buch, das einer Biographie gleich kommt, beschreibt er seinen kronologischen Weg in den zwei großen Kapiteln „Marokko“ und „Deutschland„. Er greift Themen aus seinem alten, bäuerlichen und seinem neuen, luxuriösen Leben auf, analysiert, kritisiert, interpretiert und weiht uns über marokkanische Traditionen ein. All dies, um das Treten in Fettnäpfchen zu verhüten, oder zumindest die kuriosen Handlungen vieler Ausländer nachvollziehen zu lernen:

„Man muß eben doch lernen. Der Busfahrer hält nicht, obwohl wir ihn doch nach marokkanischer Art anhalten wollen. Wir gingen einfach weiter in Busrichtung. << Ahah! Der Bus hält nicht überall, sondern wohl nur an bestimmten Haltestellen mit einem gelben Schild >> , kapieren wir. An der Bustür suchte ich einen Griff, um die Tür zu öffnen, aber diese ging erstaunlicherweise von allein auf. […] << Kein Problem, wenn ein Einheimischer aussteigt, springen wir einfach mit hinaus >>, dachten wir. Von dem Knopf, mit dem man mitteilt, daß man aussteigen möchte, hatte ich keine Ahnung.“

Ebenso deckt er offen und ehrlich die Schatten- und Lichtseiten in sich und den beiden sehr unterschiedlichen Gesellschaften auf, ohne Anspruch darauf zu erheben, dass seine persönlichen Ansichten für jedermann stimmig sein müssten. So ist es eben seine individuelle Geschichte über das aufregende Schicksal eines Einwanderers, mit Tiefen und Höhen und dem eigentlich unschuldigen Wunsch, einfach seine kleine, jung gegründete Familie zu ernähren. Einen selbstkritischen Autor, der mit sich und der Welt so ehrlich ist und uns auf ausdrucksstarke Weise das Innenleben des Marokkaners in Deutschland preisgibt, ist wirklich eine Seltenheit.

„Viele sind der Meinung, Moslems seien nicht anpassungsfähig. In welcher Form wir das nicht sind, wollte uns keiner erklären. Am meisten fordert man eine unbeschränkte Anpassungs, bei der vielleicht die Reste der Kultur und der Religion aufgegeben werden sollen. Man sagt einfach: << Wenn du in Deutschland leben willst, dann mußt du versuchen, wie wir Deutsche zu leben. >> Ab und zu fügt man hinzu: << Man soll versuchen, mit den Deutschen Kontakt zu knüpfen. >> Ich glaube, wenn ich anstelle eines Deutschen wäre, dann würde ich auch nicht anders denken. Mich würde auch sehr beunruhigen, so viele fremde, anders gekleidete Frauen und Männer auf der Straße zu sehen, die unordentlich viel Brot und sackweise Kartoffeln kaufen gehen, und wenn ich einmal mit der Bahn fahre, dann muß ich fertig mit den Nerven aussteigen, weil sie sich sehr laut in einer komischen Sprache unterhalten, bis man denkt, sie seien miteinander im Streit. „

„Neben dem Niveauunterschied stellen sich dem Marokkaner noch andere Dialogschwierigkeiten entgegen: Die traditionellen Gepflogenheiten sind für beide Parteien sehr unterschiedlich. […] Wir zeigen mit dem Zeigefinder auf eine geehrte Person, und das ist gar nicht unhöflich. […] Auch die Körpersprache weicht den Kulturen entsprechend unterschiedlich ab. Zum Beispiel das Abwinken der gesamten Hand von oben nach unten heißt: ‚komm hierher‘ und nicht ‚ach Quatsch‘. […] Bei ‚der ist wohl bescheuert‘ zeigt man mit der Zeigefinderspitze auf die rechte Seite der Stirn und hält nicht die Hand vor die Augen. Und in dieser Richtung kann es endlos weitergehen.“

Wer dieses Buch liest, wird erstaunen, lachen, weinen, verweigern und annehmen, sowie Antworten auf hunderte Fragen finden, die besonders jetzt in den Köpfen vieler Menschen schwirren: Warum sind die so? Was denken muslimische Väter wirklich über das Kopftuch? Warum bleiben die, wenn ihnen hier doch so vieles missfällt? Warum geben viele Immigranten so ein schlechtes Bild von sich ab? Warum funktioniert das mit dem „Dialog“ oft einfach ganz und gar nicht?…und so weiter.

„Denn Gott ist Allah, und Allah ist Gott mit demselben Bild und nichts anderes.“

Ein wertvolles Buch für unsere Zeit und gleichzeitig eine spannende Lektüre, reich an kulturbezogener Wissensvermittlung!

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