"Diagnose: unheilbar. Therapie: selbstbestimmt" von Sven Böttcher (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Martin Frischknecht

Diagnose: unheilbar. Therapie: selbstbestimmt

Sven Böttcher

Kartoniert

€ 19,99 inkl. MwSt.
Das Wichtigste gleich vorweg: Ein Mann leidet an einer unheilbaren Krankheit, er hat Humor, und er kann gut schreiben. Das ist ein Glücksfall. Für den Leser. Aber auch für seine Kinder. Um denen nicht als dahinsiechender Kranker in Erinnerung zu bleiben, entschliesst sich der Leidende, seinen drei Töchtern eine Zusammenfassung seiner Lebenserkenntnisse zu hinterlassen. «Quintessenzen» (Ludwig Verlag), die Buchausgabe seiner zunächst auf einer Website veröffentlichten «Überlebenskunst für Anfänger», erreicht eine breite Leserschaft und verschafft ihm weitum Anerkennung. Das Allerwichtigste dazwischen: Sven Böttcher lebt, und zwar gut. Die niederschmetternde Diagnose MS liegt bald zehn Jahre hinter ihm. Er hat sich trotz erheblicher Symptome und entsprechend schlechten Aussichten nicht an den Rat der Mediziner gehalten. Das heisst, er hat kaum je Pillen geschluckt, hat keine «Stosstherapie» mit Kortison gemacht und liess keine medikamentöse «Basistherapie» über sich ergehen. Er stand Verschlechterungen seines Gesundheitszustands durch – die ersten Jahre ging’s steil bergab –, und er änderte einiges an seinem Lebensstil. Das hat ihn davor bewahrt, nach und nach gelähmt im Rollstuhl zu landen. «Es geht mir nicht immer gut, aber oft», beschreibt er seine Verfassung heute in seinem Erfahrungsbericht «Diagnose: unheilbar, Therapie: selbstbestimmt» (Ludwig Verlag, München 2015). Wer so etwas durchgemacht hat, könnte anklagen, auf den Tisch hauen, Kurse anbieten, eine eigene Heilmethode propagieren. Sven Böttcher tut das nicht. Er berichtet betont unaufgeregt, ja souverän, was seinem Wortsinn nach ja nichts anderes heisst als «selbstbestimmt». Sein Buch ist eine Wucht und jedem zu empfehlen, egal in welchem Spital sie oder er grad krank ist.

Aufmerksamkeit
Leseprobe aus «Diagnose: unheilbar, Therapie: selbstbestimmt» von Sven Böttcher

Gesundheit bekommt man nicht im Handel, sondern durch den Lebenswandel.(Sebastian Kneipp)

Allem Nutzen zum Trotz wird zu Änderungen des Lebenswandels oft nicht geraten. Das liegt zum Teil daran, dass medikamentöse Therapien massiv von Pharmaunternehmen beworben werden, die sehr gut fahren, wenn ihre Medikamente flächendeckend verordnet werden, aber es liegt auch daran, dass wir, als Ärzte, so oft die Fähigkeiten unserer Patienten unterschätzen, gesunde Änderungen ihres Lebenswandels überhaupt vorzunehmen.
(Prof. George Jelinek)

Der Arzt muss nicht nur selbst bereit sein, das Erforderliche zu tun, sondern auch der Kranke, seine Umgebung und die äußeren Umstände müssen dazu beitragen.(Hippokrates)

Zugegeben, was wir im Folgenden verhandeln, kostet etwas Mühe. Es kostet etwas Geld. Und es kostet etwas Zeit. Schon die Lektüre dieser Zeilen kostet Sie Zeit – und Zeit ist alles, was wir haben, deshalb sind wir gut beraten, sie nicht zu verschleudern.

Aber diese Zeitinvestition, die unsere Erkrankung, unsere Gleichgewichtsstörung, von uns verlangt, kann uns nicht lästig sein. Sondern ist der Sinn des Ganzen. Wir sind aufgefordert, uns neu zu orientieren, eine neue Position einzunehmen und uns auf uns selbst zu besinnen. Aufgefordert von unserem Körper und unserer Seele, die ohnehin untrennbar verbunden sind, jedenfalls im Rahmen der für uns wahrnehmbaren Zeit.

Viele wollen das nicht. Viele MS-Kranke wollen weder über ihre Erkrankung nachdenken noch über die Gründe für diese Erkrankung, noch sich die Mühe machen, eine neue Haltung ihrem eigenen Leben gegenüber einzunehmen oder gar Änderungen vorzunehmen – und verlegen sich stattdessen auf diffuse, retrospektive Schuldzuweisungen (Schicksal, Eltern, Gene, frühe Virenexposition) sowie die ausdrückliche Forderung an ihren Arzt, ihnen eine Pille oder Spritze zu verschreiben, die das Problem löst. Dass diese Spritze selbst den kühnsten Herstellerwerbeversprechen zufolge gar nichts heilt, lässt sich ja mit dieser Grundeinstellung ebenfalls vortrefflich ignorieren.

Aber da Sie dies lesen, gehören Sie nicht zu den vielen. Sondern wissen, dass Sie eine Menge tun können – für sich selbst. Indem Sie etwas tun, das die meisten verweigern, nämlich ihre Nase in ihre eigenen Angelegenheiten zu stecken.

Damit sind wir, Sie und ich, in Gedanken und Bereitschaft verbunden. Nämlich der Bereitschaft, uns selbst Aufmerksamkeit zu widmen, also uns mit einer der wichtigsten Energien im gesamten Kosmos zu versorgen. Denn es ist nicht nur oder immer die Aufmerksamkeit anderer, die uns lebensnotwendige Energie verschafft, gelegentlich benötigen wir diese Aufmerksamkeit auch von uns selbst. Sogar in ungeteilter Form, als echte verbindliche Selbstverpflichtung, nicht bloß als interessiertes »Irgendwie-Mitmachen«. Den Unterschied zwischen diesem »Mitmachen« und »voll dabei« hat Ajahn Brahm höchst treffend anhand eines Bauernfrühstücks beschrieben, und da wir gleich zum Essen kommen, wollen wir den Vergleich als Vorspeise zulassen: Das Huhn macht beim Bauernfrühstück mit (indem es Eier beisteuert), das Schwein ist voll dabei (indem es Schinken beisteuert, also tatsächlich alles investiert). In Sachen unseres eigenen Genesungsversuchs sollten wir also Schweine sein. (Und, nein, die Metapher bedeutet nicht, dass Sie sich verstümmeln oder umbringen sollen.)

Alle im Folgenden aufgezeigten Anregungen und gangbaren Lösungswege verbindet, dass sie unsere ganze Aufmerksamkeit für Körper, Geist und Seele erfordern, und Sie selbst müssen herausfinden, wie und wo Sie die am besten herstellen können, ob umfassend oder nur mit höchster Hingabe in bestimmten Lebensbereichen, ob nun mittels Qigong oder Vergleichbarem, eines minutiösen Speise- und Ernährungsergänzungsplans oder eines gründlichen und ehrlichen Dialogs mit sich selbst – oder eben einer Kombination aus allem. Mischformen sind hierbei nicht nur möglich, sondern höchstwahrscheinlich, denn Sie suchen ja nicht meinen Weg – sondern Ihren eigenen.

Aber ohne Aufmerksamkeit und die sprichwörtlich aufgestellten feinen Antennen kann uns all das nicht gelingen. Was sogar dem Skeptiker einleuchten dürfte, wenn er sich klarmacht, wie schlecht man mit einem Anrufer telefonieren kann, wenn man sein Handy auf stumm geschaltet hat oder einfach nicht rangeht.

Wenige Binsenweisheiten vorab will ich uns nicht ersparen, sicherheitshalber: Es gibt ein paar ganz generelle und überhaupt nicht MS-spezifische Faktoren, die auf unsere Gesundheit wirken und die wir problemlos in die Abteilungen »schädlich« und »schützend« sortieren können. Um Schadfaktoren machen wir also spätestens jetzt einen großen Bogen, vorrangig um negativen Stress, Elektrosmog, Luftverschmutzung, Zigarettenrauch, Strahlung, Pestizide und Herbizide, Lacke und Lösungsmittel und belastetes Trinkwasser. Dafür integrieren wir in unser Alltagsleben möglichst viele Schutzfaktoren: von Sonnenlicht bis zu Sauerstoff, von Bewegung bis reinem Wasser, von Stille bis sinnhafter Arbeit, von sozialer Bindung bis Musik, vom richtigen Atmen bis zum richtigen Denken. Und behalten MS-spezifisch überdies im Sinn, welche der harten, fassbaren Faktoren nachweislich großen Einfluss auf den Verlauf unserer Erkrankung haben (siehe unten).

Dass wir uns im Folgenden zunächst den groben, physischen Aspekten der Schad- und Schutzfaktoren widmen, hat einen simplen Grund: Diese Aspekte kann tatsächlich jede(r) umgehend beeinflussen. Was wir neben Hingabe brauchen, ist allenfalls ein stabiles Halsband für unseren inneren Schweinehund.

Hier bestellen!

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Gefällt ihnen den Beitrag? Bewerten Sie in jetzt!)
Loading...

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


*