Die Kunst und ich – Melanie Meier

MMeierTextDie junge Schriftstellerin verfasste mit diesem kleinen Essay ein Bekenntnis, den Weg der Kunst zu gehen – immer auch ein Weg, zu sich selbst zu stehen und trotz mancher widriger Umstände weiter zu machen. Eine Ermutigung, sich selbst treu zu bleiben.

Von Melanie Meier

Dieses Jahr werde ich 31 Jahre alt. In den vergangenen 30 Jahren habe ich vieles erlebt, vieles versucht, vieles getan. Vor allem aber habe ich eines versucht, nämlich mich anzupassen.
Es hat nicht geklappt.

Kunst. Das ist es, was ich bin, was mich ausfüllt, was mich am Leben hält. Die Kunst.
Ich bin ein Übertragungsmedium – ich sehe in die Welt hinaus, der Input läuft über meinen ganz individuellen Filter, und schließlich gebe ich wieder, was ich sehe.
Das bin ich.

Ich wäre gerne anders. Ich hätte gerne ein regelmäßiges, fixes Einkommen. Ein, zwei Urlaubsreisen pro Jahr. Einen besseren Computer, ein schickes Auto, ein Haus. Ich würde meinen Freunden zu ihren Geburtstagen gerne größere Geschenke machen. Und meinen Eltern hätte ich die Sorge, die sie um ihre Tochter haben, gerne erspart.
Aber all das kann ich nicht bieten. Weder ihnen noch mir.

Vor drei Jahren erlitt ich einen Unfall und verfiel damit in eine ausgedehnte persönliche Krise. Um wieder auf die Beine zu kommen, zog ich so ziemlich alle Hilfsmittel zurate. Darunter war ein Buch. In diesem Buch stand, man müsse seinen Weg gehen, ganz gleich, worin dieser Weg auch bestehe. Wenn man ein Talent hat, so müsse man dieses Talent einsetzen. Das tue man nicht nur für sich selbst sondern auch für die Mitmenschen, die davon profitierten. Man dürfe nicht Ruhm, Ehre und/oder Erfolg erwarten. Doch was wäre dies für eine Welt, so stand es in diesem Buch, hätten beispielsweise andere Künstler ihre Kunst zurückgehalten, aus welchen Gründen auch immer?

Ich schaue mich seither immer wieder um. Ich betrachte die Kunstwerke, die hervorgebracht wurden. Ich höre Mozart, Beethoven, Rock, Hip Hop und Techno. Ich lese Goethe, Zafón, Mankell, Juli Zeh, Stephen King und vieles andere. Ich betrachte Gemälde. Ich gehe spazieren und staune über die Natur.
Und ich sehe meine Mitmenschen. Die, die sich angepasst haben und ihren blinden Frust über dieses angepasste Leben hinter verschlossenen Türen und Fenstern ausleben. Die, die sich nicht angepasst haben und mit den Widrigkeiten kämpfen, die ein solches Leben unter den Angepassten nach sich zieht.

Ich bin ein Übertragungsmedium. All das schaue ich an. Und dann setze ich mich hin, lege die Finger auf die Tastatur und beginne, zu tippen. Ich, Melanie, bin nicht da. Ich schlafe. Meine Finger tippen, der Text fließt aus mir heraus.

Wenn ich mir das nicht erlaube, werde ich krank. Ich verkümmere wie ein ungeliebtes, ungegossenes Pflänzchen. Mein Lebensweg ist kein Weg per Definition; es ist ein elementares Bedürfnis, so wie Hunger.

Ein kreativer Prozess ist etwas sehr, sehr Schönes. Er verbindet mit dem Jetzt, mit dem Augenblick. Man spürt jeden Windhauch, der einem ums Gesicht weht, riecht den Schnee, die Sonne, den Asphalt, sieht jede Bewegung wie in Zeitlupe, erkennt hinter jeder Geste und jedem Wort eine individuelle Absicht.
Man erkennt abertausend Möglichkeiten, die sich aus einem einzigen Augenblick hervortun. Und man entscheidet sich letztlich für nur eine, für nur eine einzige der Möglichkeiten, greift nach ihr, lässt sie durch den eigenen Filter laufen – und bringt sie in die Realität.

Wer mir all dies aufzeigt und letztlich die passenden Worte findet – ich weiß es nicht. Manchmal lese ich später, was ich geschrieben habe und wundere mich. Vieles erschließt sich mir erst Jahre danach.

Mit 17 Jahren beendete ich einen Roman. Der letzte Satz lautete: ›Ich kann nicht hassen, wie ihr seid, weil ich weiß, was ihr seid.‹ Ich löschte den Satz, schrieb ihn erneut nieder, löschte ihn wieder. Er beschäftigte mich über Jahre hinweg. Ich verstand ihn nicht.
Woher ist er gekommen? Wer hat ihn mir diktiert? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur eines mit Bestimmtheit: Es ist nicht einfach, den eigenen Weg zu gehen. Man erfährt den Widerstand der Angepassten (zu denen man selbst ebenso zählt), und die sich davon angegriffen fühlen. Man muss auf einem schmalen Grat wandeln, muss sowohl körperliche Bedürfnisse mit finanziellen Mitteln befriedigen als auch die seelischen und geistigen mithilfe dessen, was einen innerlich erfüllt.

Aber hat man diesen Weg eingeschlagen und ein paar Meter weit beschritten, dann wundert man sich, wie schön und ebenerdig er ist. Er ist um so viel leichter zu begehen. Und manchmal, ja manchmal ist sogar jemand da, ein unsichtbarer, unerwarteter Helfer, der einen ein Stück weit trägt.

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