"Die schönere Welt" von Charles Eisenstein (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Martin Frischknecht

Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich

Charles Eisenstein

Kartoniert

€ 18,99 inkl. MwSt.
Die schönere Welt – Dieses Werk hat sich bei mir gleich mehrfach angekündigt. Nun, da es vorliegt, wundere ich mich fast ein wenig, wie sporadisch ich auf die vielen Hinweise und Ahnungen vorab geachtet habe.

Mit einem kleinen Traktat meldete sich Charles Eisenstein vor zwei Jahren im deutschen Sprachraum zu Wort und stellte die Occupy-Bewegung in einen erweiterten Zusammenhang: Keine Forderung kann gross genug sein. Im vergangenen Jahr hörte ich dem amerikanischen Mathematiker und Philosophen zu, als er erstmals in der Schweiz referierte und ein Publikum aus Studenten, Ökoaktivisten und Spirituellen gleichermassen in Bann zog. Da war das Monumentalwerk des Yale-Absolventen Die Renaissance der Menschheit bereits erschienen und hatte viel Zustimmung gefunden (Rezension in SPUREN Nr. 104).

Vor einiger Zeit beteiligte ich mich an einer kleinen Konferenz mit Verlegern und Redaktoren befreundeter Medien. Längst nicht in allen Punkten waren wir Pioniere und Individualisten uns einig, schliesslich reicht unser Spektrum vom Engelsmagazin bis zu einer kommerziell erfolgreichen TV-Station. Doch als die Rede auf Charles Eisenstein kam, herrschte rundum Zustimmung, und die Profis kamen ins Schwärmen.

Zur rechten Zeit

Jetzt weiss ich warum. Dieser Autor ist der rechte Mann zur rechten Zeit. Eisenstein formuliert die Vision unserer Tage, er verkündet eine Botschaft, auf die wir gewartet haben – ohne dass wir uns dessen bewusst waren. Nach Fritjof Capras Wendezeit, Ken Wilbers integraler Gesamtschau menschlicher Entwicklung und Eckhart Tolles Eine neue Erde ist so etwas wie eine Lücke entstanden. Die grossen Linien sind benannt und bekannt. Jetzt geht es darum, sich im Kuddelmuddel des Übergangs zurechtzufinden und sich nicht zu verlieren in den Widersprüchen des Alltags. Charles Eisenstein liefert dazu den passenden Kompass.

Das Offensichtliche

«Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der die Menschen noch nicht wissen, was die Probleme sind. Das war in den 1970ern. Damals wussten wenige Menschen von den globalen Umweltbedrohungen», schreibt Eisenstein. «Wir leben auch nicht mehr in Zeiten, in denen die Menschen nicht wussten, was die Lösungen sind. Das war in den 1980ern oder 90ern. Heute gibt es viele Lösungen, auf allen Ebenen, von der persönlichen bis zur globalen, aber auf jeder Ebene setzen wir sie nicht um. Und wir können sie mit unseren gewohnten Strategien nicht umsetzen. Ist das mittlerweile nicht offensichtlich?»

Allerdings. Ich fürchte, viele sind darüber längst resigniert, oder sie sind zu Zynikern geworden. Das heisst, wir sind stecken geblieben. Und gerade davon handelt sein neues Buch Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich. Wobei der Autor keineswegs suggeriert, er habe eine Erleuchtung oder eine neue Erfindung, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Gerade das tut er nicht.

Das ist das wahrhaft Unwiderstehliche an diesem klugen, herzensguten Visionär: Er bezieht sich mit ein, berichtet nahbar und glaubwürdig aus dem eigenen Leben und zeigt damit, wie sehr er selber noch befangen ist in der Wiederholung der alten Geschichte, also in Endlosschlaufen der alten Verhältnisse, und wie herausfordernd es ist, sich etwas Neuem zuzuwenden, dem der geballte innere Widerstand von Generationen entgegensteht.

Das Grundübel

Knappheit, Angst, Hoffnung – vieles kommt hier in kurzen Kapiteln zur Sprache. Zunächst aber wird das Grundübel benannt, an dem wir leiden seit je, und dessen Ausbreitung wir nichtsdestotrotz täglich fördern: Separation. Für diesen Anglizismus gäbe es auf Deutsch wohl eine ganze Reihe anschaulicher Begriffe: Abspaltung, Trennung, Vereinzelung, Fragmentierung und Atomisierung seien hier genannt Als würde unsere Welt der allgemeinen Ausdehnungstendenz des Universums folgen und sich unablässig zersplittern.

Gegen dieses Übel könnte, müsste und sollte man sich stellen, im Namen der Liebe zu Heilung und Versöhnung aufrufen, für das Gute zum Kampf gegen das Böse antreten. Eben nicht. Denn das hiesse, dem alten Fehler zu verfallen und die Spaltung weiter voranzutreiben. Diesen Kampf hatten wir schon, und wir haben ihn noch. In der Gesellschaft, in den Beziehungen, in uns selbst. Damit kennen wir uns aus, es ist die Wiederholung der alten Geschichte.

Was tun?

Was aber können wir tun, um die neue Geschichte des «Intersein» voranzubringen? «Nicht-Tun» lautet eines der Kapitel. Es handelt von dem Paradox, dass sich zwar dringend etwas ändern muss, wir aber, solange wir dem Nicht-Tun in unserem Leben keinen Platz einräumen, dazu verurteilt sind, auf Teufel komm raus die alten Fehler zu wiederholen. Der Ausstieg in etwas Neues geht einher mit einer Rückbesinnung auf urtümliche Rhythmen und Abläufe des Lebens. Wir brauchen uns das anstehende «Zeitalter der Wiedervereinigung» nicht zu erarbeiten oder zu erstreiten. Charles Eisenstein sieht die Sache eher darin befördert, dass wir uns neue Geschichten erzählen und uns gegenseitig dabei fördern, die neuen Mythen mit Leben zu füllen: Geschichten von der wechselweisen Verbundenheit, von der Welt als Geschenk und vom Menschen als Wundertäter.

Unversehens macht dieser sperrige, scheinbar naive Titel Sinn. Und erweist sich als präzise Botschaft: «Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich». Genau. Bitte weitersagen.

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