"Es ist nicht egal, wie wir geboren werden" von Michel Odent (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Nele Pintelon

Es ist nicht egal, wie wir geboren werden

Michel Odent

Kartoniert

€ 19,95 inkl. MwSt.
«Es ist nicht egal, wie wir geboren werden» (Mabuse Verlag, Frankfurt a. M. 2015) von Michel Odent ist ein Klassiker, ein kleines Buch mit Sprengkraft. Der ehemalige Pionier für Kaiserschnitte hat in seiner langen Berufserfahrung alle Feinheiten und Kombinationen von Empfehlungen und Eingriffen in Schwangerschaft und Geburt untersucht und differenziert. Natürlich gebären kann das grösste Glück auf Erden sein; ein Kaiserschnitt, richtig erwogen, Leben retten. Die Lektüre dieses Buches kann zu massiven Oxytocinausschüttungen führen. Ungestört lesen und möglichst ungestört unter Vermeidung von schlechten Nachrichten zum eigenen Körpergeschehen schwanger sein und gebären, das ist die Quintessenz dieses kleinen Lexikons der medizinischen Missverständnisse.

Original Textauszug:

Fragwürdige Indikationen

Absolute Indikationen für den Kaiserschnitt liegen äußerst selten vor, und die üblichen für den Eingriff angeführten Gründe werden durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst wie etwa Persönlichkeit, Alter und Erfahrung von Hebamme und Arzt. Aber auch das Land, in dem die Geburt stattfindet, die ortsüblichen Gepflogenheiten im Krankenhaus, Persönlichkeit und Lebensstandard, Herkunft und Freundeskreis der werdenden Mutter, die neuesten Studien, über die in den Medien berichtet wird, die Informationen, die auf populären Websites zu finden sind, spielen hier eine Rolle. Aus diesem Grund schwanken die Kaiserschnittraten je nach Geburtshelfer, Krankenhaus und Land enorm.

Eine Narbe in der Gebärmutter (die in der Regel von einem vorhergehenden Kaiserschnitt herrührt) ist ein aufschlussreiches Beispiel für eine relative und strittige Indikation, verbunden mit steigenden oder fallenden Kaiserschnittraten, je nachdem, in welchem Abschnitt der Geschichte der Geburt wir uns befinden. Heute hat sich die Aufmerksamkeit auf die Gefahr einer möglichen Totgeburt verlagert, obwohl die absoluten Risiken äußerst gering sind.2 Dass die Mutter bereits einen Kaiserschnitt hinter sich hat, kommt so oft vor und ist ein so aktuelles Thema, dass wir es getrennt betrachten werden.

Geburtsstillstand ist ein häufig angegebener Grund für einen Kaiserschnitt beim ersten Kind. Dass die Geburt nicht vorangeht, hängt aber meist mit den herrschenden Missverständnissen im Hinblick auf die Geburtsphysiologie zusammen. Es wird wohl noch Jahrzehnte dauern, bis man endlich begreift, dass Menschen Säugetiere sind, deren Grundbedürfnis es ist, bei der Geburt ungestört zu sein.

Ebenso lange wird es dauern, bis man einsieht, dass die Hebamme ursprünglich eine Mutterfigur war, dass heißt eine Frau, bei der sich die Gebärende gut aufgehoben, nicht aber beobachtet und beurteilt fühlt. Im gegenwärtigen Kontext wäre es gefährlich, als Hauptziel eine Reduzierung der Kaiserschnittrate anzustreben. Die unmittelbare Folge wäre eine Zunahme riskanter Eingriffe bei der Vaginalgeburt und eine wachsende Zahl von Babys, die in kinderärztliche Behandlung kommen. Bis zu einer entscheidenden Wende in der Geschichte der Geburt müssen wir uns wohl damit abfinden,

dass ein Großteil der Schnittentbindungen im Zeitalter der industrialisierten Geburt unumgänglich ist und der Geburtsstillstand die amhäufigsten gestellte Indikation darstellt. Ein Schädel-Becken-Missverhältnis (CPD) bedeutet, dass der Kopf des Babys zu groß für das Becken der Mutter ist. Dabei handelt es sich um eine recht vage Angelegenheit, weil die Frage, ob ein Kind durch das Becken der Mutter passt, weitgehend von der genauen Lage des Babys und von dem Grad der Verformung des Kopfes während der Geburt abhängt. Falls man sich während derWehen für eine Schnittentbindung entscheidet, sind Schädel-Becken-Missverhältnis und Geburtsstillstand kaum voneinander zu trennen. So wird den Frauen bei sonst gleichen Umständen entweder der eine oder der andere Grund genannt.

Die Azidose, also der akute Gefahrenzustand für den Fötus wegen mangelnder Sauerstoffversorgung vor oder während der Geburt, ist eine ebenso vage Indikation, weil nicht alle Ärzte dieselben Kriterien für diese Diagnose anwenden. Azidose während der Wehen hängt häufig mit dem Geburtsstillstand zusammen. Aus diesem Grund ist eine Unterscheidung zwischen den beiden Problemen künstlich. Heute ist die Geburtseinleitung ein Risikofaktor, der häufig zu Schwierigkeiten führt, die anschließend den Kategorien Geburtsstillstand, Schädel-Becken-Missverhältnis oder Azidose zugeordnet werden.

Gebärmuttermyome oder Eierstockzysten stellen keine absolute Indikation dar, es sei denn, sie sind sehr groß und liegen tief, sodass sie den Geburtskanal blockieren. Ein vorhergehender Dammriss ist ebenfalls eine strittige Indikation für den Kaiserschnitt. Einer amerikanischen Untersuchung zufolge sind lediglich zwei Kaiserschnitte erforderlich, um einen Fall von analer Inkontinenz bei Frauen zu verhindern, die zuvor einen Dammriss hatten.

Die Beckenend- oder Steißlage liefert ein typisches Beispiel für die Auswirkungen, die eine einzige veröffentlichte Studie über Nacht weltweit nach sich ziehen kann. Ohne grob zu vereinfachen, können wir behaupten, dass die Wende in der Geschichte der Entbindung bei Steißlage am 21. Oktober 2000 eintrat. An diesem Tag erschien in Lancet – einer der angesehensten medizinischen Fachzeitschriften der Welt – ein Bericht über einen Großversuch, an dem 121 Krankenhäuser aus 26 Ländern teilgenommen hatten. Diese Studie hatte insofern einen hohen wissenschaftlichen Wert, als sie mit Kontrollgruppen arbeitete; das heißt, die Forscher teilten nach

dem Zufallsprinzip eine Population von schwangeren Frauen in zwei Gruppen auf. So konnte die Gruppe, bei der ein Kaiserschnitt geplant war, mit der Gruppe verglichen werden, die primär vaginal entbinden sollte. In die Untersuchung einbezogen wurden nur Kinder in der reinen Steißlage und in der Steiß-Fuß-Lage. Die reine Steißlage bedeutet: Zuerst kommt der Po; die Hüftgelenke sind gebeugt und die Knie gestreckt, sodass die gestreckten Beine wie Schienen das Abbiegen des Rückens verhindern. Bei der Steiß-Fuß-Lage sind Hüften und Knie gebeugt, aber die Fü.e befinden sich nicht unterhalb des Pos. Die reine Fußlage, bei der ein Fuß oder beide unterhalb des Pos liegen, wurde in der Studie nicht berücksichtigt.

Die Autoren der Untersuchung fassten ihre Ergebnisse folgendermaßen zusammen: »Der geplante Kaiserschnitt am Termin ist für das Kind in Steißlage besser als die geplante vaginale Geburt; schwere Komplikationen bei der Mutter treten bei beiden Gruppen gleich häufig auf.«

Infolge dieser Studie ist es heute schwierig, einen Geburtshelfer zu finden, der die Verantwortung für eine vaginale Entbindung bei Steißlage übernimmt. Inzwischen sieht das übliche Verfahren so aus, dass man drei bis vier Wochen vor dem Geburtstermin versucht, das Kind zu drehen. Wenn das nicht gelingt, rät man der Mutter zu einem geplanten Kaiserschnitt.

Bedenkt man die weit verbreiteten falschen Vorstellungen von den physiologischen Vorgängen bei der Geburt, müssen wir uns damit abfinden, dass es heute in der Regel für besser befunden wird, ein Kind in Steißlage durch Kaiserschnitt zur Welt zu bringen, statt mit einem kundigen Geburtshelfer den vaginalen Weg zu wagen. Dies wird so lange gelten, wie die Grundbedürfnisse gebärender Frauen, insbesondere ihr Verlangen nach Privatsphäre, noch nicht wieder entdecktwurden.

Es gibt Frauen, die eine Schnittentbindung akzeptieren, aber intuitiv oder aus Vernunftgründen zu dem Schluss kommen, dass es günstiger wäre abzuwarten, bis die Wehen einsetzen. Diesen Standpunkt vertreten auch viele Kinderärzte, die hervorheben, dass nach einem Eingriff während der Wehen seltener Problememit der Atmung des Babys auftreten.Wir dürfen nicht vergessen, dass der Vorteil einer Krankenhausentbindung in der Möglichkeit liegt, jederzeit, bei Tag oder Nacht, eine Operation durchführen zu können. Oft wird behauptet, der Notfallkaiserschnitt führe häufiger zu Komplikationen bei der Mutter als der geplante Eingriff. Aber der Kaiserschnitt während der Wehen, der ja durchaus vorher geplant werden kann, darf hier nicht mit der Notoperation verwechselt werden.

Heutzutage gilt es, auch an die Frauen zu denken, die trotz gegenteiliger Tendenzen den Kaiserschnitt vermeiden und eine vaginale Geburt versuchen wollen. Mir erscheint es hilfreich, hier einige einfache Regeln weiterzugeben, die ich im Verlauf von etwa 300 von mir betreuten vaginalen Geburten mit Steißlage (darunter zwei Hausgeburten) entwickelt habe:

– Die beste Umgebung ist in der Regel ein Zimmer, in dem niemand anwesend ist außer einer erfahrenen, mütterlichen, schweigsamen und zurückhaltenden Hebamme, die keine Angst vor einer Steißgeburt hat.

– Die erste Phase der Wehen ist das Versuchsstadium. Wenn alles glatt, unkompliziert und schnell verläuft, ist eine Vaginalgeburt möglich. Falls sich die erste Phase als langwierig und schwierig erweist, sollte man sich rasch für einen Kaiserschnitt entscheiden, bevor es für eine Neuorientierung zu spät ist.

– Weil die erste Phase das Versuchsstadiumdarstellt, sollte sie nicht künstlich erleichtert werden, sei es durch Medikamente, sei es durch ein Bad.

– Nachdem der Punkt erreicht ist, an dem es kein Zurück mehr gibt, heißt das Motto: Privatsphäre. Es geht nun

ausschließlich darum, die Geburt so leicht wie möglich zu machen. Auch das Abhören der Herztöne ist in diesem

Stadium unnötig und kann sogar eine kontraproduktive Ablenkung darstellen. Das Hauptziel muss es sein, die Bedingungen für einen kraftvollen Fötusejektionsreflex zu schaffen.

– Bei einer Steiß-Fuß-Lage darf man mutiger sein als bei anderen Varianten der Steißlage.

Die bei der Steißgeburt üblichen Verfahren haben erheblichen Einfluss auf die gesamte Kaiserschnittrate, weil Steißlagen gut drei Prozent aller Geburten ausmachen. Immer häufiger werden auch Zwillinge durch Kaiserschnitt

entbunden. Einer der Gründe für diese neue Entwicklung ist, dass sich bei 40 Prozent aller Zwillingsgeburten eines der Babys in Steißlage präsentiert und in 8 Prozent der Fälle beide Kinder diese Lage einnehmen. Ein Kaiserschnitt wird immer öfter auch dann geplant, wenn eines der Babys erheblich größer ist als das andere, was für das kleinere Kind eine Gefahr darstellen könnte, insbesondere wenn beide das gleiche Geschlecht haben.

Der geplante Kaiserschnitt bei Zwillingsgeburten mag all jene überraschen, die wissen, dass bei Zwillingen vor allem das Risiko der Frühgeburt besteht. Gelegentlich gibt es auch Fälle, in denen man den zweiten Zwilling

durch Kaiserschnitt retten muss, nachdem der erste vaginal zur Welt gekommen ist. Die Geburt des zweiten Kindes gilt allgemein als riskanter als die des ersten. Einer der Gründe, warum sich die Geburt des zweiten Kindes mitunter als schwieriger erweist, liegt in der völlig irrationalen Aufregung, die meist im Geburtszimmer herrscht, nachdem das erste Kind geboren ist, also ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, an dem es so wichtig wäre, die quasi-heilige Atmosphäre mindestens bis zur zweiten Geburt und der Ausstoßung der Plazenta zu wahren.

Auch hier sind die gegenwärtigen Entwicklungen darauf zurückzuführen, dass die Bedeutung der Privatsphäre verkannt wird.

Drillinge kommen heute fast ausschließlich durch Kaiserschnitt zur Welt, obwohl dieses Vorgehen gelegentlich auch in Frage gestellt wird und es durchaus verbürgte Berichte über Spontangeburten gibt – darunter auch die Hausgeburt von Drillingen nach einemvorhergehenden Kaiserschnitt!

Auch HIV-infizierte Frauen werden heute vermehrt durch Kaiserschnitt entbunden. Angestrebt wird dabei, das Risiko der Virus-Übertragung von der Mutter auf das Kind zu vermindern. Diese Indikation ist ebenfalls ein Beispiel dafür, wie sich im Zeitalter der Wissenschaftsmedizin das Vorgehen praktisch über Nacht ändern kann. Von 1994 bis 1998 lagen die Kaiserschnittquoten bei HIV-infizierten Frauen in den Vereinigten Staaten konstant bei etwa 20 Prozent. 1998 erschienen Untersuchungen, die feststellten, dass sich das Ansteckungsrisiko durch die Vermeidung des vaginalen Wegs erheblich reduzieren lässt. Daraufhin schnellten die Kaiserschnittraten zwischen

1998 und 2000 auf etwa 50 Prozent hoch. Wahrscheinlich werden sie mit dem Aufkommen einer verbesserten Technik, die das Baby vor jeglichem Kontakt mit dem Blut der Mutter schützt, noch weiter ansteigen.

Der Herpesvirus kann bei der vaginalen Geburt ebenfalls auf das Baby übertragen werden. In den meisten Fällen tritt Herpes allerdings periodisch auf. Das bedeutet, dass die Mutter vor der Schwangerschaft bereits mehrmals daran erkrankt war. In diesem Fall ist das Infektionsrisiko praktisch gleich Null, weil die Mutter inzwischen längst Antikörper gebildet hat, die durch die Plazenta auf das Kind übergehen (IgG) und es schützen. Höher ist das Risiko, wenn die Infektion bei der Mutter erstmals während der Schwangerschaft auftrat, denn in diesem seltenen Fall besitzt sie nur solche Antikörper, die die Plazentaschranke nicht durchdringen können (IgM). In einem solchen Fall kann ein Kaiserschnitt das Übertragungsrisiko mindern.

Und was ist mit den empfindlichen Babys, vor allem mit den Frühchen und denen, die zum errechneten Geburtstermin zu klein sind? Zu diesemThema sind so vielewidersprüchliche Erhebungen erschienen, dass jeder Arzt Studien findet, die seine Meinung unterstützen. Und wie verhält es sich mit dem »besonderen« Baby, das infolge einer ausgeklügelten künstlichen Befruchtung zur Welt kommt? Und was ist mit jenem anderen »besonderen« Baby, das kurz nach einer unerklärlichen Totgeburt empfangen wurde?

Wenn in Zukunft die Grundbedürfnisse gebärender Frauen nicht schnellstens berücksichtigt werden und wenn die vaginale Geburt weiterhin so häufig als Risikofaktor für eine Vielzahl vom körperlichen Schäden und Krankheiten dargestellt wird, frage ich mich, obman sich nicht bald leichter tun wird, die verbleibenden Gründen für eine vaginale Entbindung zu betrachten, als den Versuch zu wagen, die 1000 Indikationen für den Kaiserschnitt zu analysieren.

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