"Geschichten aus Marrakesch" von Geert-Ulrich Mutzenbecher (Rezension)

Rezension von Natascha Stevenson

geschichten-aus-marrakeschKennen Sie den Marktplatz Jamaa lFna im Zentrum der marokkanischen Metropole Marrakesch? Der bunte Platz ist voll von Farben, Gerüchen und Touristen, die diesen berühmten Ort als wahre Attraktion nordafrikanischer Kultur wertschätzen. Auf dem weiten Platz finden sich traditionell auch einheimische Geschichtenerzähler oder Künstler, die ihre weisen Märchen und Kunststücke laut und öffentlich vortragen. Die mündliche Überlieferung dieser regionalen Volksmärchen verdanken wir  also den alten Männern, die dort ihren Lebensunterhalt als Erzählkünstler verdienen. Aber kaum jemand kam bisher auf die Idee, diese Geschichten auch schriftlich für die kommenden Generationen festzuhalten, damit diese zusammen mit der allmählig  verloren gehenden Erzählkultur nicht verschwinden. Das vorgestellte Buch hat genau dies getan – die besten  Geschichten aus Marrakesch für uns zusammengetragen und festgehalten! Wunderbar daran ist, dass diese Geschichten aus dem marokkanischen Arabisch, der originalen Vortragssprache, für uns ins Deutsche übersetzt wurden und somit auch unserer westlichen Kultur zugänglich gemacht sind. So tut sich für uns ein weiterer Schatz weiser und exotischer Erzählungen auf – aus erster Hand!

Das Taschenbuch umfasst ca. 120 Seiten mit 53 Kurzgeschichten, die zwischen 1 – 4 Seiten lang sind. Darin spielen religiöse und historische Figuren wie Jesus und Moses, Könige und Prinzessinen, Gelehrte oder Bauern, sowie Tiere in Fabeln eine Rolle. Die Themen sind bunt gemischt, es geht um Frieden und Krieg, Hass und Liebe, Glauben und Unglaube, Engel und Teufel, Geld und Hunger. Meist lassen die Titel schon ein wenig vermuten, um was es in der Geschichte geht, wie zum Beispiel „Der Selbstmord„, „Die Flucht„, „Vertragsuntreue“ oder „Unser Ego„. Jedes Märchen hat seinen eigenen Charakter, doch meistens sind sie belehrend.  Genauso wie in den uns ganz vertrauen Märchen sind diese hier zwar alle  kindgerecht, bedienen sich jedoch auch manchmal starker Bilder, um den Unterschied zwischen Gut und Böse deutlich herauszustellen. Die meisten Geschichten regen sehr zum eigenen nachdenken und reflektieren an, während andere dem europäischen Leser auf den ersten Blick nicht so schnell einleuchten können, wie vergleichsweise einem arabisch-muslimisch geprägten Nordafrikaner. Dazu wird in der Einleitung kurz beschrieben:

„Durch ihn erfuhr ich, dass die Gabe, Geschichten zu erzählen, ungebrochen in der arabischen Welt erhalten geblieben ist. (…) Für ihn als gläubigen Moslem ist natürlich der Islam die Quelle seiner Berichte. Das soll aber nicht über deren weitreichende Bedeutung täuschen, denn die erzählten Weisheiten und Beobachtungen sprechen jeden Menschen an, gleichgültig welcher Nation oder welchem Glauben er angehört. Ein friedvolles Zusammenleben der Menschen kann es aber nur geben, wenn wir bereit sind, uns an die für alle gültigen moralischen Grundsätze zu halten.“

Das Buch bring also nicht nur auf spielerische Weise viele Themen des Lebens zusammen, sondern auch verschiedene Religionen und Menschen, und ist dabei noch unterhaltsam und lehrreich. Die Erzählungen eignen sich sicher prima als Gutenacht-Geschichten für spirituelle Denkanstöße, oder als kulturweisende Begleiter für einen Marrakesch-Besuch! Diese wertvolle Sammlung an Geschichten darf sehr wohl als Kulturgut betrachet werden, das bis heute auf dem Marktplatz in lebendiger Form anzutreffen ist.

Abschließend noch ein Textauzug mit einer ausgewählten Kurzgeschichte aus „Geschichten aus Marrakesch“ von Geert-Ulrich Mutzenbecher:

Das Taubenpaar

Ein Bauer hatte sein Weizenfeld abgeerntet. Die liegengebliebene Streu kehrte er am Rande des Feldes zusammen. Der abendliche Tau ließ die Halme aufquellen, und so war ein ansehnlicher Haufen entstanden. Diesen entdeckte ein Taubenpaar, das noch genügend Körner als Futter fand. Bevor der Täuberich am frühen Morgen fortflog, sagte er seiner Gefährtin, sie solle dort bleiben, weil er sich auf der Suche nach weiterer Nahrung in der Umgebung umsehen wolle. Am Mittag, zur heißesten Tageszeit, kehrte er zurück. Er sah, daß der Streuhaufen kleiner war als vorher. Aufgebracht beschuldigte er seine Gefährtin, der Haufen sei nun kleiner geoworden, weil sie ihm die Nahrung weggefressen hätte. „Das ist nicht wahr!“ verteidigte sich die Taube. „Der Tag war so heiß, daß die Halme ausgetrockneten und zusammensackten.“ „Du lügst und betrügst mich!“ griff der Täuberich in besinnungsloser Wut die Taube an und tötete sie mit hartem Zuschlagen seines Schnabels. Danah flog er davon. Von innerer Unruhe getrieben kerhte er am späten Abend an den Ort der Tat zurück. Inzwischen hatte es geregnet. Als er den Streuhaufen sah, erstarrte er. Durch die aufgequollenen Halme war der Haufen so groß wie an dem Tage, als sie ihn entdeckten!

„Aus dieser Geschichte erfährst du, wie ungezügelte Rachegefühlte ein schuldloses Leben töteten“, sagte der Erzähler in Marrakesch zu dem Jüngling.

Sie können dieses Buch direkt beim Verlag bestellen!

 

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