Hollywood brutal? – Roland Rottenfußer

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© kallejipp / photocase.com

US-amerikanische Filme wie Quentin Tarantinos „Django Unchained“ vermitteln unter dem Vorwand, der Humanität und Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, ein zutiefst reaktionäres Menschenbild. Im Sinne eines „Anti-Mitgefühlstrainings“ bewirken sie – ästhetisch verbrämt – außerdem eine Gewöhnung an abstoßende Gewalt und schnoddrig-beiläufig vollzogene Grausamkeit. Auch Videospiele wie „GTA“ und sadistische Fernsehformate wie „Dschungelcamp“ bewirken eine schleichende Desensibilisierung. Anstatt dass sich kultureller Widerstand regt und die impliziten ideologischen Muster analysiert werden, huldigen selbst intelligente Medien und Zuschauermassen den Protagonisten einer gewaltpornografischen Spaßkultur. Das Massenbewusstsein gleitet bedrohlich auf einer abschüssigen Ebene in Richtung Entmenschlichung.



Vorwort von Thomas Schmelzer

Dies halte ich für einen wichtigen Artikel, weil er unsere Medienwelt hinterfragt und andeutet, was andere noch deutlicher vermuten: Sollen Hollywoodfilme oder Millionenspiele die Menschen konditionieren, bestimmte Denk- und Verhaltensweisen als völlig normal anzusehen? Wenn ich an den ersten Superman Film denke: Ein liebevoller, strahlender Held, der einfach den Menschen helfen wollte. Im neuen Film, obwohl großartig und spannend gemacht, fragt man sich: Was sind nochmal seine Motive? Während einige der bekanntesten Science Fiction Klassiker neue Denkweisen und Möglichkeiten andeuteten, wird heute überwiegend meist, wie in der gesamten zweiten Hälfte von Superman, nur noch gegen übermächtige Gegner gekämpft, ohne noch an höhere Werte zu denken. Aber ich gebe gleichzeitig zu: Mich faszinierte die TV Serie „Hannibal“. Ist ja nur ein Film. Und, wie vielleicht das Medium Anuk Claes sagen würde, ist es doch in Ordnung, jene in uns vorhandenen „ungut“ bewerteten Gefühle in solchen Filmen (oder beim Fußballspielen) auszuleben.
Wie aber ist es mit Kindern? Neulich hörte ich von Jugendlichen einer bayerischen Schule, die gemäß dem Spiel „GTA“ Mädchen diffarmierten und sich im Prinzip genau so lieblos verhielten, wie sie es in diesem Spiel gelernt hatten. Konnten oder wollten sie nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden?


Artikel von Roland Rottenfußer

Mit einem Affentempo rast Jack über die Straßen und Highways einer Großstadt von faszinierender Hässlichkeit. Immer wieder rempelt er dabei entgegenkommende Fahrzeuge an, verursacht Unfälle mit beträchtlichem Blechschaden, überfährt gar unbeteiligte Passanten, steigt nicht aus, rast einfach weiter. Schon die Art, wie Jack zu seinem Gefährt gekommen ist, weist ihn nicht gerade als sensiblen Zeitgenossen aus. Er hat den Vorbesitzer einfach am Kragen aus dessen Auto gezerrt und ihn aufs Pflaster geschleudert, ist dann selbst eingestiegen. Auch als Fußgänger zieht der passionierte Drogenhändler gern eine Spur der Verwüstung hinter sich her und verprügelt schon mal zwischendurch harmlose Obdachlose. Er kennt keine Hemmungen, verfügt über keinerlei „ethisches Koordinatensystem“. Sein Ziel: Die Vorherrschaft über die Unterwelt der Stadt.

Zum Glück handelt es sich bei den beschriebenen Szenen nicht um Realität. Aber auch die Wahrheit ist bei genauem Hinsehen erschreckend: „GTA“ (Grand Theft Auto) gehört mit 114 Millionen verkauften Kopien zu den erfolgreichsten Videospielen aller Zeiten. Es ist derzeit Kult und gilt als ungemein „cool“. „Ziel dieser Spiele ist es, mit Autodiebstahl, Auftragsmorden und gelegentlichen Botengängen vom Nobody an die Spitze der Unterwelt einer Großstadt aufzusteigen: Der pervertierte amerikanische Traum“, beschrieb es „Spiegel online“. Das besondere Markenzeichen von GTA: Es ist quasi verboten, sich gütig oder rücksichtsvoll zu verhalten. Selbst der gewaltsame Einsatz für die gute Sache ist nicht vorgesehen. Es gibt nur Böse, die gegen Böse kämpfen, in einer lichtlosen Welt voll Gewalt, Habgier und ultracooler Drohgespräche. Wer nicht hart genug ist, ja absolut gefühllos und grausam vorgeht, hat schon verloren. Immerhin kann man dem Spiel nicht vorwerfen, realitätsfern zu sein.


„Moorhuhnjagd“ gegen Untermenschen

Da wir gerade bei Blockbustern sind: Quentin Tarantinos Film „Django Unchained“ gehört zu den erfolgreichsten des Jahrs 2013 – ein ungewöhnlich abstoßendes und fragwürdiges Werk. In mancher Hinsicht ist Tarantino sicherlich ein Genie in einem ähnlichen Sinn wie Sergio Leone eines war: grandios in Dramaturgie und Bildgestaltung, tolle Schauspielerführung, ausgefeilte Dialoge. Zudem scheint der Regisseur stets auf der Seite des Guten zu stehen, hat er sich doch in „Inglourious Basterds“ als Antifaschist und in „Django“ als Rassismus-Gegner profiliert. Es mag sein, dass er privat tatsächlich beides ist, keinesfalls ist Tarantino jedoch ein Leuchtfeuer der Humanität. Die Nazis und Sklavenhalter sind in seinen Filmen vor allem „Orks“, untermenschliche Kreaturen, deren blutige Hinrichtung Teil einer gewaltpornografischen Spaßkultur ist.

Rache ist Tarantinos Leib- und Magenthema – d.h. das Bestreben, sich dem Niveau der Täter durch Imitation ihrer Mittel quasi nach unten anzupassen. Rachedramen bieten ja stets Gelegenheit für zweifache Gewaltdarstellung, indem zuerst der Anlass für die Rache, dann die Rache selbst blutig zelebriert werden – beides unter dem Vorwand betroffenen Mitgefühls für die Opfer. Diese gutmenschliche Hilfskonstruktion funktioniert in „Basterds“ noch besser, weil dort mit der schönen Jüdin Shosanna (Mélanie Laurent) eine sympathische Identifikationsfigur zur Verfügung steht und weil die Ermordung Hitlers selbst unter Pazifisten gelegentlich als Option gehandelt wird. In „Django Unchained“ wird jede Identifikationsmöglichkeit allerdings von vornherein zunichte gemacht. Die beiden „Helden“ Django (Jamie Foxx) und Dr. King Schultz (Christoph Waltz) üben den Beruf von Auftragsmördern aus.


Coole Kult-Gemetzel

Django als befreiter Sklave kann die Sympathie des Zuschauers anfangs auf sich ziehen, bis er unter der Anleitung von Schultz eine Kopfgeldjäger-Ausbildung absolviert. Eine Art Anti-Mitgefühlstraining, das es ihm möglich macht, Fremde aus der Ferne ohne Skrupel abzuknallen. Dies wird besonders deutlich und abstoßend gezeigt in einer Szene, in der Django zögert, einen Fremden in Gegenwart seines kleinen Sohnes aus dem Hinterhalt abzuknallen. Lehrmeister Schultz erklärt ihm aber, da müsse man als Kopfgeldjäger durch. Das durch gemeinsames Morden zusammengeschweißte Helden-Duo macht sich nun im Finale auf, die schöne Frau Djangos (Kerry Washington) aus den Klauen eines berüchtigten Sklavenhändlers (Leonardo diCaprio) zu befreien.

Schultz und der Sklavenhändler liefern sich nun ein Duell sadistisch-langgezogener, gestelzter Dialoge. Das hat seinen Reiz, zumal bei zwei so guten Schauspielern. Dialogkunst hat bei Tarantino aber immer nur die Funktion eines retardierenden Moments vor dem Ausbruch von Gewaltexzessen. Die werden dann vor allem durch das Stilmittel spritzenden Blutes ausagiert, so als träfe die Kugel jedes Mal nicht menschliches Fleisch, sondern prall gefüllte Farbbeutel. Die Kultiviertheit der Sprache, speziell von Christoph Waltzs Figur, hilft dabei, der Gewalt den Anstrich kultfähiger Coolness zu verleihen. Im Kern wird eine Ideologie transportiert, die menschlichem Leben nicht mehr Wert beimisst als computergenerierten Moorhühnern, die von Computer-Kids zu dutzenden virtuell abgeknallt werden.


Abfall der Epoche vom Humanen

Es wird nie zu vermeiden sein, dass solche Filme entstehen und dass sie gesehen werden. Höchst bedenklich finde ich es allerdings, dass in der Presse gegen den Film kaum Vorwürfe im Sinne meiner Ausführungen erhoben wurden. Ich muss es so deutlich sagen: „Django Unchained“ ist kultureller Ausdruck einer kollektiven Psyche, die schwer erkrankt ist. Dies gilt natürlich in erster Linie für das Urheberland, die USA, aber auch für uns, die „Satellitenstaaten“, und alle, die einer derartigen Entmenschlichungskultur Eintritt zahlend, Popcorn kauend, feixend und fiebernd huldigen.

Unlängst habe ich mir bewusst einige Mainstream-Filme angeschaut, die ich sonst eher vermeide. Darunter waren der Zombie-Streifen „World War Z“ mit Brad Pitt, „Man of Steel“, der jüngste Superman-Film, sowie „Star Trek: Into Darkness“, in dem die Kirk-Spock-Crew mit jungen Darstellern wiederbelebt wird. Meine ohnehin schon geringen Erwartungen wurden noch unterboten, vor allem was Ethik und politische „Subbotschaften“ betrifft. Alle drei Filme sind Dokumente eines Phänomens, das Thomas Mann einmal besorgt den „Abfall der Epoche vom Humanen“ genannt hat. Der Zombie-Film thematisiert den gerechtfertigten Genozid an einer Untermenschen-Spezies zum Zweck der Selbstverteidigung. Der Feind, die Zombies, wird als Ekel erregend wimmelnd dargestellt. In einer besonders drastischen Szene überrennt er die Mauern der Zivilisation durch die pure Masse des zum Einsatz kommenden Untermenschenmaterials. Erkennbar schürt der Film vor allem die Angst, der „Ersten Welt“ von den Menschenmassen der armen Länder überrannt zu werden.


Stählerne Männer und Heilige Kriege

„Man of Steel“, ein tricktechnisch aufgeblähtes, ohnehin erwartungsgemäß seichtes Machwerk, spiegelt erkennbar die Angst des US-Bürgers vor der Übernahme seiner Kultur durch das bedrohlich Fremde, dem wiederum nur durch Gewalt begegnet werden kann. Die Unholde von Supermans Heimatplaneten „Krypton“ setzen eine Megamaschine, den „Weltenwandler“ ein, der die Erde in kurzer Zeit den Lebensbedürfnissen der Aliens anpasst. Nach vollzogener Wandlung wäre die Erde für „einheimische“ Menschen unbewohnbar und könnte von den Ausländer, äh: Außerirdischen „übernommen“ werden. Zum Glück gibt es da den wohlmeinenden Übermenschen, hart wie Kruppstahl, der sich der Überfremdung im Alleingang entgegen stemmt.

„Star Trek: Into Darkness“ ist eine Parabel auf den Terrorismus und auf das Recht einer Nation, zur Selbstverteidigung auch auf das Territorium anderer Länder überzugreifen. Hier ist es Bösewicht Khan, der sich nach vollendetem Bombenanschlag auf eine hochrangige Sternenflotten-Konferenz im Luftraum der Klingonen versteckt. Die allen Star-Trek-Fans bekannte „Oberste Direktive“, also das Gebot, sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Planeten einzumischen, wird im Film durch die autokratischen Space-Heroen massiv in Frage gestellt. Sie repräsentieren somit auch die USA und die ihr ergebene westliche „Wertegemeinschaft“, die beansprucht, jeden Winkel der Welt nach Belieben mit werteorientierten Kriegen zu überziehen. Die Rüstungsfirmen freuts.


„Hast du dein Leben verdient?“

In diesen und vergleichbaren Filmen zeigt sich das ur-amerikanische Dilemma, das schon im grandios gespielten, aber rechtslastigen Drama „Die Fremde in mir“ mit Jodie Foster angedeutet war: Inwieweit ist das Gesetz zur Abwehr des Bösen hilfreich, und inwieweit ist es nur ein lästiger Hemmschuh, der von moralisch überlegenen Einzelkämpfern abgestreift werden darf oder sogar muss? Arbeiten die Mühlen des Gesetzes nicht allzu langsam und ineffizient? Müssen ganze Kerle das Gesetz des Handelns nicht unter Berufung auf eine gefühlte höhere Gerechtigkeit selbst in die Hand nehmen? Gehören Verbrecher nicht einfach abgeknallt, anstatt ihnen in zähen Gerichtsverhandlungen auch noch die Gelegenheit zu larmoyanter Selbstdarstellung zu bieten? Wer aufpasst, wird dieses implizite Argumentationsmuster in vielen, vor allem US-amerikanischen Filmen wiederentdecken.

Man kann und sollte von hier auch eine gedankliche Brücke schlagen zu der unerträglichen Mode der so genannten „Torture Porns“, Streifen wie „Saw“, die das explizite und anhaltende Quälen von Menschen kult- und mainstreamfähig gemacht haben. Wer hier nicht abschaltet oder das Kino verlässt, sieht sich unvermeidlich einem Anti-Mitgefühlstraining ausgesetzt. Er muss seine Emotionen abschalten, muss leugnen, mit dem publikumswirksam Gefolterten Teil ein und derselben fühlenden, leidensfähigen Spezies zu sein, um das Gezeigte überhaupt ertragen zu können. Da Mitgefühl nicht aushaltbar wäre, muss es eben auch ohne Mitgefühl gehen. „Hast du dein Leben verdient?“, heißt der Untertitel im Film „Saw III“. Das wirkt wie eine Karikatur auf die von neoliberalen Politikern gern propagierte Eigenverantwortungsethik. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, gab Ex-SPD-Chef Müntefering zum Besten.


Dschungel-Zicke im Kakerlakenbad

Man kann und sollte schließlich auch eine Verbindung herstellen zu dem wirklich schwer erträglichen „Dschungelcamp“ auf RTL. Erschreckend ist dabei nicht nur die bloße Existenz dieses sadistischen Torture-Big-Brother-Formats. Auch überrascht es nicht, dass sich ein geschmacks- und ethikfernes Publikum für dergleichen findet. Wirklich schockiert bin ich, wie viele willfährige Zubringermedien „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ durch kritiklose PR hofieren – dabei den gleichen schadenfroh-gefühlskalten Ton anstimmend, der in der Sendung selbst vorherrscht. Auf Seiten wie t-online.de oder web.de werden Neuigkeiten aus dem Dschungelcamp mit gleicher Frequenz und Selbstverständlichkeit vermeldet wie Fußball-News zu WM-Zeiten. Auch leidlich intelligente Medien, versuchen ihren Frieden mit dem „angesagten“ TV-Format zu machen, kuschen vor der voyeuristischen Lust, Menschen entwürdigt zu sehen. Larissa im Kakerlakenbad – Dschungel-Zicke versagt bei Ekel-Prüfung.

Betrachtet man das ganze Panorama der hier beschriebenen Filme, Spiele und Sendungen, so kann einen freilich das Grauen packen. Aber es ist kein wohliges Gruseln mehr, wie es von gut gemachten Mystery-Filmen erzeugt wird. In „linken“ und kultivierten Milieus reagiert man gern mit biederen Entrüstungsroutinen, wenn jemand mal Spaß an einem Action-Film hat; bei „Rechten“ dagegen erhebt sich – einem Pawlow’schen Reflex gleich – unvermeidlich der Ruf nach Verboten. Beides kann man auch übertreiben. Sicher ist es falsch, die Schuld an realen Gewaltausbrüchen vornehmlich bei deren „künstlerischen“ Spiegelbildern zu sehen. Es wäre aber entscheidend, die gefährlichsten Desensibilisierungsmechanismen aufzudecken und dagegen eine geistige Brandmauer zu errichten. Das wirkungsvollste Mittel gegen die eskalierende Online- und Filmgewalt wäre freilich eine weniger gewalttätige Welt – offline.

Von Roland Rottenfußer


Der Artikel erschien erstmals in „Matrix 3000“

Roland Rottenfußer, Jg. 1963, wurde in München geboren. Nach dem Germanistikstudium Tätigkeit als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage. Von 2001 bis 2005 Redakteur beim spirituellen Magazin „connection“. Momentan u.a. für Konstantin Weckers Webmagazin www.hinter-den-schlagzeilen.de und für den Schweizer „Zeitpunkt“ tätig.

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