„Integrale Spiritualität“ von Ken Wilber

Integrale Spiritualität

Ken Wilber

Kartoniert

€ 19,99 inkl. MwSt.
Einer der weltweit anerkanntesten Denker zu spirituell-philosophischen Fragen ist sicherlich Ken Wilber, dessen integrale Sichtweise viele Wissenschaftler und Autoren seither beeinflusste. Das wusste ich schon, und doch dauerte es eine Weile, bis ich mir eines seiner Werke vornahm – aus zwei Gründen: Wenn die ganze Welt in eine Struktur gebracht wird, von der aus dann alles mühelos erklärt und damit einkategoriert werden könne – so etwas hat mich schon immer stutzig gemacht. Und dann hatte ich einfach zu viel Respekt vor einem vielleicht zu komplexen Gedankengebäude…

„Integrale Spiritualität“ überraschte mich dann doch mit einem faszinierenden Lesevergnügen. Wenn man sich eingesteht, dass man ja nicht jeden Gedanken hundertprozentig verstehen muss, hat man eine ganze Reihe faszinierender Denkansätze, unsere Welt besser zu verstehen. Wilber schreibt sehr flüssig und überrascht zwischendurch durch eine Prise Humor.

Zunächst stellt er seine grundsätzliche Theorie und die daraus entstandene „Landkarte“ des Lebens vor – das „Integrale Betriebssystem“, kurz IBS. Dieses System ist, wie schon gesagt, recht komplex und dennoch ganz schlüssig, und Wilber vergisst nicht zu erwähnen, dass diese Landkarte, die keinesfalls mit der Wirklichkeit verwechselt werden dürfe, im Laufe vieler Jahre und unter der Mitwirkung vieler Kollegen entstanden ist.

Ausgehend davon untersucht er nun spirituelle Themen und deren Bewusstseinszustände, Ebenen, Erfahrungen. Laut Wilber sind viele wissenschaftliche, philosophische und spirituelle Betrachtungsweisen einseitig, weil sie vergessen, dass wir unsere Welt auf unterschiedlichen Ebenen betrachten können, die sich gegenseitig ergänzen. Beispielsweise gebe es die vier Quadranten Ich, Es, Wir und Sie.

Ich gebe zu, das Ganze wirkt für mich sehr kopfig – und doch kann Wilber, ausgehend von seinem Modell, auf zahlreiche falsche Entwicklungen in unserer spirituellen Geschichte hinweisen. DIESE Überlegungen nun sind hochinteressant, zumal er viele Forscher und Autoren nennen kann, die sich mit diesen unterschiedlichen Themen auseinandergesetzt haben.

Einige Gedanken und Themen des Buchs:
– Das menschliche Bewusstsein hat verschiedene Ebenen, und jeder von uns steht woanders. Wenn sich die Religionen dieser Ebenen bewusster wären, könnte man leichter beispielsweise die verschiedenen Jesusbilder nebeneinander stehen lassen.
– Vier Bedeutungen des Wortes „spirituell“
– Der „Schatten“: abgespaltene Persönlichkeitsanteile, wie beispielsweise Wut, werden oft von spirituellen Traditionen nicht erkannt und daher nicht erklärt. So kann man zwanzig Jahre lang höchste meditative Erlebnisse haben und trotzdem diesen abgespaltenen Anteil nicht ansehen, der aber verdrängt sein Unwesen treibt.
– Orthodoxe Religionen erlauben oft spirituelle Zustandserfahrungen nicht oder leugnen sie, so dass viele Menschen sich dadurch oft andere Wege und Gemeinschaften suchen müssen.

In einem praktischen Teil erfährt man, wie ein integrales Leben gelebt werden kann. Man erkennt, wo vielleicht ein zu einseitiges Leben zu Problemen geführt hat. Das kann aber auch zu Stress ausarten: Allen Ebenen gerecht zu werden, da hat man echt viel zu tun – Körper, Verstand, Geist, Schatten, Ethik, Sexualität, Arbeit, Emotionen und Beziehungen sind die Oberpunkte.

Also: Teilweise recht komplex, das Ganze, aber viele wertvolle Gedanken. Wundern sie sich nicht, wenn Ihnen der Kopf schwirrt – ein Scherz von Wilber hier und da entzerrt das Buch etwas.

Rezension von Thomas Schmelzer

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