"Jeder Mensch ist ein Mystiker" von Abraham H. Maslow (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Martin Frischknecht

Lektüre-Einführung von David Steindl-Rast (Buchauszug)

#link text#Weltbewegende Bücher sind selten dicke Schmöcker. Von Platon bis Einstein sind es oft nur dünne Bändchen. Ihr äußerer Umfang verrät nicht ihr inneres Gewicht. Auch das schlanke Büchlein, das Sie in Händen halten, enthält mehr geistigen Explosionsstoff als ganze Bibliotheken. Es hat mit einem Schlag eine bisher ungeahnte, innige Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Religion aufgedeckt. Und doch waren diese umwälzenden Einsichten Abraham Maslows bisher niemandem in deutscher Sprache zugänglich. Großer Dank gebührt daher Erhard Doubrawa sowie dem Peter Hammer Verlag für diese erste deutsche Ausgabe. Sie ist ein gewichtiger, längst fälliger Kulturbeitrag.

Maslow drehte in der Mitte des 20. Jahrhunderts die bis dahin übliche Fragestellung der Psychotherapie völlig um. Er fragte nicht mehr, »Was macht Menschen psychisch krank?« sondern, »Was zeichnet psychisch besonders gesunde Menschen aus?« Dadurch stieß er auf eine ganz überraschende und für ihn selber als Agnostiker kaum akzeptable Tatsache: Psychisch besonders gesunde Menschen tendieren zu »mystischen Erfahrungen.«

Wie die meisten seiner Kollegen, hatte Maslow solche Erlebnisse als »pathologisch« klassifiziert; jetzt wurde ihm bewusst, dass sie zum innersten Wesen gesunden Menschseins gehören. Damit löste sich die bisher streng gezogene Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Religion in nichts auf: Religion würde von nun an anerkennen müssen, dass ihre Grunderfahrungen wissenschaftlich untersuchbar seien, und Wissenschaft war mit einem Bereich konfrontiert, der über das Materielle hinausreicht. Die Folgen dieser Entdeckung sind auch heute, ein halbes Jahrhundert später, noch kaum absehbar.

Weil Maslow ein ehrlicher und wagemutiger Wissenschaftler war, verschloss er sich seiner Entdeckung nicht, obwohl sie den Rahmen der vorhandenen Wissensstruktur sprengte. Er forschte kühn und nüchtern weiter. Dabei fand er nach und nach eine zweite überraschende Tatsache: Soweit man in der Psychologie verallgemeinern kann, darf man sagen: Überwältigend viele – vielleicht alle – Menschen machen solche mystischen Erfahrungen. Er nannte sie jetzt »Gipfelerlebnisse«, um die akademische Welt nicht durch einen religiös tönenden Begriff vor den Kopf zu stoßen, bestand aber darauf, dass es sich dabei um das handelt, was traditionell »Mystik« heisst, also um eine Ergriffenheit, die tiefere Einsicht schenkt als ein begriffliches Begreifen. Dies ist von entscheidender Bedeutung für ein Verständnis dessen, was es heisst Mensch zu sein. Es will ja sagen: Mystiker sind nicht einzigartige Menschen, sondern jeder Mensch ist ein einzigartiger Mystiker.

Je klarer wir dies einsehen und danach leben, desto psychisch gesünder – lebendiger, schöpferischer, selbstsicherer und gelassener – können wir werden. Freilich kann man Gipfelerlebnisse nicht willentlich erzeugen. Sie sind immer ein überraschendes Geschenk. Aber wir können uns durch innere Offenheit vorbereiten und das Bewusstsein der Allzugehörigkeit, das uns am Gipfel geschenkt wird, dankbar in unseren Alltag einfliessen lassen. Wer dies tut, wird im täglichen Leben anders – behutsamer, herzlicher – mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen umgehen und einfach glücklicher sein durch Ausrichtung auf echte, bleibende Werte.

Wohl die wichtigste Entdeckung Maslows entspringt nämlich einem weiteren Schritt seiner Forschung: Er deckte den Zusammenhang zwischen Gipfelerlebnis und der Erfahrung von Werten auf. Wertverlust ist, wie Maslow feststellte, unsere erschreckendste Zeiterkrankung, gefährlicher als je zuvor eine Verfallserscheinung in der Menschheitsgeschichte es war. In Gipfelerlebnissen aber werden uns »Seinswerte«, wie Maslow sie nennt, ganz spontan bewusst. Er schreibt: »Auf den Gipfeln wird die Natur des Seins oft nackt und bloß wahrgenommen; die ewigen Werte scheinen dann Eigenschaften der Wirklichkeit selbst zu sein.« Als seien wir plötzlich mit neuen Augen erwacht, sehen wir einen Augenblick lang alles, was es gibt, als ein einziges, wahres, schönes, gutes, unendlich wertvolles Geschenk, das uns mit der Freude überwältigender Dankbarkeit erfüllt. Und alle Kennzeichen des Seins, die uns da aufleuchten – Einheit, Wahrheit, Schönheit, Gutsein – leuchten uns zugleich als grundlegende, unleugbare, allgemeingültige Werte ein. In jenen Augenblicken, in denen wir ja eigentlich jede Bewertung fallen lassen, werden wir staunend gewahr: Die SeinsStruktur der Welt ist zugleich ihre innerste Wert-Struktur. »Oder« (so Maslow) »um es auf eine andere Weise zu sagen: Der Himmel ist überall um uns herum, steht im Prinzip immer zur Verfügung.«

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