Körper und Seele im Ramadan

200200

Ramadan ist für Muslime und deren direktes Umfeld ein Monat, in dem die Welt ein wenig kopfüber zu stehen scheint. Statt tagsüber isst man in der Dunkelheit, und Feinde werden plötzlich zu Freunden. Der Fastenmonat hat positive gesundheitliche sowie zwischenmenschliche Effekte, ganz unabhängig vom religiösen Hintergrund. Beim nicht-muslimischen Beobachter oder auch nicht-praktizierenden Muslim mag da doch innerlich erstmal ein großes „ABER“ aufkommen: Wie und warum denn positive Effekte? Ist das auch wissenschaftlich belegt, oder alles reine Glaubenssache?

von Natascha Stevenson

Kurzzeitfasten

Ruediger Dahlke

Kartoniert

€ 17,00 inkl. MwSt.
Intervallfasten

Periodisches Fasten, intermittierendes Fasten, Intervallfasten oder, so wie es der Arzt Rüdiger Dahlke in seinem neuen Buch bezeichnet, Kurzzeitfasten – es geht immer um die eine selbe Sache! Dieser neue Trend stellt ein so ganz anderes und so ganz neuartiges Fasten-Konzept vor. Doch es scheint noch niemand darauf gekommen zu sein, dessen Parallelen zum Ramadan-Fasten aufzudecken. Kurzzeitfasten ist nämlich weder die Erfindung eines Ernährungs-Experten, noch eine neue, westliche Errungenschaft. Es ist eine Gesundheitsweisheit, die seit der Existenz menschlicher Evolution in jedem einzelnen Körper schlummert. Nicht ohne Grund ging 2016 der Medizin-Nobelpreis an den japanischen Forscher Yoshinori Ohsumi, der zum ersten Mal in der Geschichte wissenschaftlich beweisen konnte, dass sich Körperzellen durch „Autophagie“ selbstständig reinigen. Zahlreiche Arten von Reinigungskuren, Entschlackungs-Mitteln und Detox-Produkten werden heutzutage beworben – obwohl das Reinigen unserer Körper ganz anders funktioniert! Nämlich mit kurzen Fastenzeiten, die der Mensch schon vor Jahrtausenden unfreiwillig einhalten musste, als er sich nicht an tägl. 5 Malzeiten  bedienen konnte, sondern nur ab und zu etwas Essbares aufspürte. So wurde den Zellen automatisch die nötige Regenerierungsphase gegönnt, auf die unsere Zellen auch noch heute programmiert sind.

Von 24 Stunden 16 fasten und 8 essen – so sieht es das sogenannte Intervallfasten bzw. Kurzzeitfasten vor, identisch mit dem islamischen Fastenplan. Nach heutigem Wissensstand kann es also keine Glaubensfrage mehr sein, ob man dem Fastenmonat Ramadan, der als solcher schon seit dem 7. Jahrhundert nach Christus existiert, eine gesundheitsfördernde Wirkung zugesteht.

Jetzt im Mai geht es für Muslime wieder los mit dem jährlichen Fasten – jeder, der sich aus gesundheitlichen Gründen einklinken will um das Experiment zu wagen, wird laut Experten wie Dahlke & Co. nicht enttäuscht werden.

 

Miteinander und Mitgefühl im Ramadan

Aber nicht nur der physische Leib spielt eine Rolle im Fastenmonat. So, wie man es auch von traditionellen und modernen Fastenkuren kennt, spielt zugleich die mentale und emotionale Ebene eine sehr wichtige Rolle. Ähnlich dem, wie auch in Kur-Zentren dafür gesorgt wird, dass die Fastenden Entspannung finden und sich „Eins“ mit allem fühlen, rät auch die islamische Religion den Fastenden zu einer bewusst positiven, herzlichen Gesinnung während der Fastenperiode. Denn eine innerliche Reinigung auf Körperebene zieht letztlich auch die Notwendigkeit einer seelischen Entsprechung nach sich. Sich „Eins“ mit der Welt, den Mitmenschen, und schließlich auch mehr mit sich selbst zu fühlen ist das Ziel. Tiefe Ausgeglichenheit ist ein Zustand, den man nur durch ein bewusstes Miteinander und den liebevollen Umgang mit der eigenen Umwelt erfahren kann.

Die heilende Kraft der Begegnung

Beyhan Yücel Wechsler

Gebunden

€ 17,99 inkl. MwSt.
Dieser Aspekt einer jeden ernstgemeinten Fastenzeit ist wissenschaftlich nicht in dem Sinne erforscht, doch anders als auf medizinischer Ebene können wir hier einfach intuitiv erfühlen, was gut tut oder nicht. Die schweizer Autorin mit muslimischen Wurzeln Beyhan Yücel Wechsler widmet sich – nicht nur zum Anlass des Ramadan – dem Thema zwischenmenschlicher Begegnungen. Wahre Aufmerksamkeit, Austausch und echtes Mitgefühl sind aus ihrer Sicht die Geschenke, die wir uns alle gegenseitig machen sollten, ungeachtet religiöser oder kultureller Standpunkte, um uns und späteren Generationen ein Leben in Freude, Fülle, Frieden, Wertschätzung und Würde zu ermöglichen. In Bezug auf die beispielhafte Atmosphäre im Ramadan erzählt sie aus persönlicher Erfahrung:

„Im Ramadan wird ein besonderes Augenmerkt nebst Familie auch auf Ältere, Schwächere, Bedürftige sowie untereinander verkrachte Menschen gelegt. Das Umfeld unterstützt sie, damit zwischen diesen Menschen ein Frieden stattfinden kann. Diejenigen, die in Not sind werden mit einem kleinen finanziellen Beitrag unterstützt. Die, die normalerweise weniger Besuch bekommen, haben an diesen Tagen deutlich mehr Besuch. Viele die sonst nicht die Gelegenheit haben, sich zu sehen, haben jetzt die Gelegenheit, sich gegenseitig zum Essen einzuladen. Der Gast ist willkommen, darf ungeniert mit leeren Händen kommen, jedoch nehmen die einen oder anderen Selbstgebackenes, bzw. je nach Saison etwas eigenes aus dem Garten oder auch Baklava mit.

Wenn ich an das Fest des Fastenbrechens „Ramazan Bayrami“ denke, kommen mir die Kindheitserinnerungen in den Sinn, in denen wir Bayram-Kleider angezogen haben und von Freude erfüllt waren. Zuerst warteten wir zu Hause auf unsere Gäste und anschliessend gingen wir selbst zuerst ältere Angehörige besuchen, wo zur Begrüßung die obere Handfläche respektvoll geküsst und leicht an die Stirn gelegt wurde. Als Kinder bekamen wir Süsses, Nüsse und in späteren Jahren auch Geld als Geschenk. Viel wichtiger war für mich aber, dass das Feld der Freude, Liebe und des Miteinanders sehr stark spürbar war. Auch auf den Strassen wünschten sich die Menschen gegenseitig ein frohes Fest, umarmten sich und tauschten sich aus.

Das Miteinander und Mitgefühl im Ramadan habe ich erfahren. Aber in der Türkei nicht nur in dieser besonderen Zeit, sondern auch im Alltäglichen und überall. Das ist etwas, was uns allen gut tut und die wichtigsten Säulen einer Gemeinschaft bildet, die in grossen Städten leider vermehrt abhanden kommen.“

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Gefällt ihnen den Beitrag? Bewerten Sie in jetzt!)
Loading...

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


*