Kranke Organe behandeln wie ein Kind – Mirsakarim Norbekov

kindkranktextIn dem aberwitzig-provokanten, letztlich aber erstaunlich informationshaltigen Bestseller „Eselsweisheit“ des russischen Doktors und Medizinphilosophen gibt es ein Kapitel, in dem er gewohnt humorvoll beschreibt, wie es ihm als frischgebackenen Vater ging. So, meint er, sollten wir unser krankes Organ hegen und pflegen, damit es gesund wird.

von Mirsakarim Norbekov


Der Mechanismus der Entstehung eines zweiten Kraftschubes auf der Flucht vor einer wilden Horde manisch-sexueller Mäuse

Oder:

Wissenschaftliche Begründung der Anwendung eines Mechanismus zur Behandlung des Verschwindens der Augen hinter Sehkrücken, sprich Brillen

In unserem Organismus gibt es Bereiche, die die Rolle eines Akkumulators spielen, der den energetischen Impuls sammelt und bereithält. Ihn kann man mit einer zusammengedrückten Metallfeder oder mit einem Katapult in Kampfbereitschaft vergleichen. Ein plötzliches Rascheln, ein Schrecken, die Hand erzittert und der Stein fliegt los. Der Körper hat die entsprechende Pose eingenommen, das Muskelkorsett hat sich verändert.

Die erste Phase der Eingewöhnung geschieht über einen blitzartigen Nervenimpuls. Er ähnelt einer Explosion und wirkt nur kurze Zeit. Die Stabilitätsreserve des Organismus ist in diesem Fall gering. Als Beispiele mögen Sprinter dienen, welche sich auf kurze Distanzen wollständig verausgaben.

In dem Moment schüttet das Hormonsystem Reserven aus seinen Speichern aus. Es kommt zu der zweiten Anpassung des Organismus an die Umwelt. Das ist zu vergleichen mit Mittelstreckenläufern. Sie laufen anfangs langsamer als im Sprint und verausgaben ihre Kräfte schrittweise. Bei ihnen ist die Intensität der Einwirkung gering, aber hält länger an.

Wenn die Hormone schon das ihre geleistet haben, kommt es in unserem Organismus zur »allgemeinen Mobilmachung«, über das Blut. In dem Moment bekommt man einen neuen Kraftschub oder, wie man sagt, den »zweiten Atem«. Der Organismus ist dadurch längeren erhöhten Belastungen bereit. Das ist vergleichbar mit dem Marathonlauf.

Es stellt sich heraus, dass eine nicht unwichtige Rolle in der Anpassung des Organismus an neue Bedingungen die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, spielen.

Ist das für Sie eine Neuigkeit? Ertappt!

Wir haben ja davon schon gesprochen, als die Rede war von brangebundenen Azetylcholinesterase der Erythrozyten und Chloroblasten von biologischen Systemen bei ihrer Anpassung an die innere und äußere Umwelt. Also gut! Das ganze noch einmal in verständlicher Sprache!

Dass die roten Blutkörperchen den Gasaustausch vollführen, das weiß sogar das Schulkind. Aber sie arbeiten auch noch als Briefträger und Kuriere zur Übergabe von langfristigen Befehlen über Veränderungen auf allen Ebenen, die vom zentralen Nervensystem ausgehen.
Die Erhöhung der emotionalen Stimmung, die wir durch Willensanstrengung auslösen, wirkt auf das Zwischenhirn (Thalamus, Hypothalamus), welches mit dem emotionalen Zentrum verbunden ist. Es ist für die einfachsten Funktionen des Organismus nach folgendem Schema verantwortlich:
»Mir ist heiß, mir ist kalt, ich bin traurig, ich bin fröhlich, ich will essen…« Diese elementaren Befehle werden dem gesamten Organismus über das Blut weitergereicht – vom Hirn zur Peripherie. Wenn sich also ein Mensch freut oder ärgert, erfahren davon augenblicklich alle Zellen des Organismus. Der Gedanke wirkt auf das emotionale Zentrum, und die Anpassung aller inneren Prozesse geschieht über das Blut. Das heißt, die Emotionen werden ebenfalls über das Blut übertragen.

Und jetzt die Fangfrage!
Wenn Ihnen was wehtut, wie verhalten Sie sich da?
Merken Sie sich bitte Ihre Antwort.

Mein Lehrer sagte:
»Du musst dich zu einem kranken Organ verhalten wie zu einem Baby.«

Aber ich war doch ledig! Und ich hielt mich für besonders klug. Erst mit den Jahren und mit der Erfahrung erlebte ich die ganze Tiefe des Gefühls, welche damals meine Nieren benötigt hätten.

Das Kind kann selbstständig nur atmen, saugen, schlucken, die Körpertemperatur halten, die Muttermilch verdauen, pissen und kacken. In allem Übrigen ist es vollständig abhängig von uns. Jede Unzufriedenheit, Beschwerde oder Bitte kann es nur durch Weinen ausdrücken.
Ein krankes Organ ist wie dieses hilflose Kind, welches vollständig von uns abhängt. Wenn irgendwas nicht stimmt, kann es seinen Zustand durch Missbehagen, Unwohlsein und Schmerz mitteilen. Das Kind weint, was tun Sie? Jetzt wiederholen Sie die Antwort, die Sie sich gemerkt haben. Das heißt, das Kind weint, und Sie…

Führen wir eine Analyse Ihrer Antwort durch und vergleichen wir unsere Beziehung zum kranken Organ mit der Beziehung zum Säugling. Wenn bei Ihnen etwas wehtut, gehen Sie in die Apotheke und holen ein Schmerzmittel.

Das »Kind« hat begonnen zu klagen – Schmerzen sind aufgetreten, aber uns stört das und lässt uns keine Ruhe. Wir haben Analgin und geben es dem »Kind«. Wir haben den Schmerz runtergeschluckt, man hört keinen »Schrei« mehr, es ist Ruhe im Haus.

Sie wissen, dass das nicht gut ist, aber Sie machen so weiter. Sicher ist es einfacher und geht schneller. Aber das »Kind« ist vollständig abhängig von Ihnen. Es hat auch so schon lange durchgehalten, aber als seine Kräfte versiegten, hat es geschrien – es musste einfach um Hilfe rufen. Sie sagen zu ihm: »Schweig!« Aber das Kind weint trotzdem.
Merken Sie die Absurdität Ihres Verhaltens zu sich selbst?

Ich überprüfe zum Bespiel als Erstes, wenn das Kind schreit, ob es nicht nass ist. Oder vielleicht liegt es unbequem, oder die Windel drückt irgendwo. Vielleicht ist es hungrig, oder der Bauch tut weh oder…

Das heißt, erst suche ich nach einem Grund für das Unwohlsein, und dann beseitige ich ihn, und das Kind beruhigt sich augenblicklich.

Was immer Sie tun, wie auch immer Sie mit Ihrem kranken Organ umgehen, es ist immer das gleiche Verhältnis wie zu einem Säugling, weil das Organ in Teil von Ihnen selbst ist, Ihre Zukunft die auch nur von Ihnen abhängt.
Wenn Sie Ihre Augen heilen wollen oder ein beliebiges anderes krankes Organ, müssen Sie mit den Gesetzen der Natur vorgehen und nicht gegen sie: den Grund des »Weinens« finden und ihn beseitigen, dem »Kind« das geben, was ihm fehlt.

Ein entfernter Verwandter, der in unserer Nachbarschaft wohnt, hatte jahrelang keine Kinder. Mit vierzig bekam er einen Sohn. Seine Frau und seine Mutter verwöhnten das Kind dermaßen, dass sie es sogar im Sommer warm kleideten.

Schließlich erkrankte das Kind und starb. Sie bekamen noch ein Kind, aber auch dieses starb. Es kam fast zur Scheidung. Die Frau beschuldigte den Mann, und der Mann beschuldigte die Frau.

Meine Mutter sagte: »Ich habe sieben Kinder und 35 Enkel großgezogen. Das nächste Kind nehme ich in meine Obhut.«

Es kam das dritte Kind. Meine Mama betreute es. Sie setzte den nackten Säugling den Sonnenstrahlen aus und dem Wind. Die anderen protestierten und sagten: »Was machen Sie da? Das Kind wird sich erkälten!«

Sie schützte das Kind vor der blinden und, wie die Erfahrung zeigte, tödlichen Liebe der Eltern.
Jetzt ist der Junge 15 Jahre alt. Bis fünf ging er sommers wie winters nackt, weil er sich nichts anziehen ließ. Er zog jede Kleidung wieder aus.

In unserem Haus zieht man die Kinder bis fünf nicht an, und wir leben in den Bergen. An alles kann sich der Organismus gewöhnen.

Also, was muss man diesem »Kind« geben?
Man muss dem Organismus und das kranke Organ stählen.

Nicht ständig warm einwickeln, denn auch in das wachsamste Auge fällt einmal ein Staubkorn. Und vollwertige Nahrung geben.

Bei den Übungen, wenn Sie das »Kind« beruhigen, gehen Sie zärtlich, liebevoll, gefühlvoll mit ihm um.

Mein Lehrer sagte: »Stelle das Gefühl väterlicher Liebe her!«

Heute ist mir klar: In etwas hatte er sich geirrt. Er hatte schon zu viele Jahre auf dem Buckel und vergessen, was ein lediger junger Mann fühlt.

Ich »verstand« und rief irgendwelche Gefühle und Empfindungen hervor, und die Sache ging voran, freilich sehr langsam. Aber als ich zum ersten Mal das Gefühl der Vaterschaft erlebte, war das etwas Unbeschreibliches.

Ich hatte mich natürlich darauf vorbetetet, bald Vater zu werden, aber trotzdem traf mich das Ereignis unerwartet. Einmal, als ich gerade von einer Dienstreise zurückgekommen war, wurde ich mit den Worten begrüßt: »Ich gratuliere zum Sohn!«

Ich lauschte meinem Herzen – da war gar nichts. Ich dachte: »Seltsam, wo bleibt den das väterliche Gefühl?« Man drückte mir ein Bündel in die Hand.

Als ich im Auto die Spitzendecke aufschlug, erschrak ich anfangs sogar. Da lag ein roter, runzeliger kleiner Greis.

Mein erstes Gefühl war: »Werden alle Kinder so geboren?«

Wr kamen nach Hause. Ich spürte ihn: keine Gefühle. Es fiel mir nur auf, dass niemand mich beachtete. Alle, die junge Mama und meine Eltern standen um diesen Schreihals herum.

»Na ja«, dachte ich, »die väterlichen Gefühle kommen wohl am nächsten Tag.« Aber stattdessen kamen neue Gerüche hinzu. Zwei Wochen später musste ich wieder auf Dienstreise gehen.

ich kam nach drei Monaten zurück. Das Weinen hatte sich in ein Schreien verwandelt. Der Geruch der Windel war heftig. Die Nächte waren ohne Schlaf. Mit einem Wort, nichts als Ärger!

Und einmal kam ich nach Hause, ging zu meinem Sohn und entdeckte, dass er aus dem Körbchen, wohin wir ihn gelegt hatten, verschwunden war.

Es stellte sich heraus, dass er zu dieser Zeit bereits begonnen hatte, sich selbstständig zu bewegen, kriechen oder sonstwie. Ich durchsuchte das ganze Haus – von ihm keine Spur. Ich schaute in die Vorratskammer. Da standen noch nicht geschlossene Marmeladegläser – die Frauen des Hauses waren beim Einkochen.

Ich schaute mich um und mir war klar: Mein Sohn war hier gewesen. Zwei Dreilitergläser lagen umgestürzt in einer riesigen Pfütze aus Marmelade, die Feder, die für ein Federbett gesammelt worden waren, waren über den ganzen Boden verteilt, dien frische Spur führte unter das Bett, und von dort blicken mich zwei Augen schlau blinkend an. Alles andere war voller Marmelade, Daunen, Federn, Staub und Schmutz, und wie es den Anschein hatte, war dies alles aus sämtlichen Vorratskammern unseres Wohnviertels zusammengetragen. Ich nahm ihn an der Hand und trug ihn ins Band.

In dem Augenblick, als ich begonnen hatte, ihn zu waschen, kam in mir ein neues, unerklärliches, aber sehr angenehmes Gefühl hoch. Das war gleichzeitig eine zitternde Zärtlichkeit und ein jubelnder Stolz.

Es kann wohl niemand mit Worten elterliche Gefühle beschreiben. Als ich ihn an mich drückte, fühlte ich auf der Brust sein Knilchen und im Gesicht den Atem aus einer frischen Quelle, und mir wurde wo wohl ums Herz, so leicht und gelassen, dass ich glaubte, ich fliege.

Ich hatte so ein Gefühl, als wären mir im Rücken Flügel gewachsen: »Das ist mein Sohn!«

Lieber Leser, Sie haben wohl auch zumindest einmal im Leben etwas Ähnliches erlebt.

Und wenn Sie Ihr Kind und seine Größe betrachten, denken Sie darüber nach, wie es ihm wohl einmal gehen wird. Sie sorgen sich über seine Zukunft und sind gleichzeitig stolz.

Also, noch einmal!

Mit den Augen und mit jedem anderen kranken Organ muss man mit der gleichen Zärtlichkeit und Sorge arbeiten, mit der Sie Ihr krankes Kind pflegen. Und gleichzeitig, während Sie Ihren inneren Blick dorthin richten, müssen Sie sich die Zukunft stolz wie die Zukunft Ihres Kindes vorstellen: Morgen werden Ihre Augen etwas besser sehen als heute. Und das jeden Tag.

Heute geben Sie ihnen eine Art »Vorschuss«, und morgen bekommen Sie unbedingt so einen Dank, von dem Sie nicht zu träumen wagten. Darin liegt auch das Prinzip: anfangs, das Gefühl und dann das Ergebnis. Mit jedem Tag besser, besser und besser.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch:

EselbuchCover

Mirsakarim Norbekov:
„Eselsweisheit. Der Schlüssel zum Durchblick oder wie Sie Ihre Brille loswerden“
Paperback, 352 Seiten, 100 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-442-21776-2
€ 12,50

Hier finden Sie weitere Infos zum Buch

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