"Menschenkenntnis – Der große Typentest " von Lars Lorber (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Connection. Rezension von Oliver Bartsch

Menschenkenntnis - Der große Typentest

Lars Lorber

Kartoniert

€ 19,80 inkl. MwSt.
Menschen haben schon immer versucht, andere Menschen und sich selbst besser zu verstehen und einzuordnen. Einerseits, um möglichen Gefahren zu begegnen, andererseits, um bessere Beziehungen zu führen und Menschen im Job an die passende Stelle zu setzen. Dazu wurde schon bei den alten Griechen die Temperamentenlehre aufgestellt und die Menschen in Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker eingeteilt. Natürlich sind Persönlichkeitsmodelle immer nur ein beschränktes Abbild der komplexen Persönlichkeit eines Menschen und erst reckt kein Patentrezept zur Selbstfindung. Lars Lorber hat dennoch den gelungenen Versuch unternommen, die fast 100 Jahre alte Typologie des Psychiaters C. G. Jung mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen des Big-Five-Persönlichkeitsmodells zu einem alltagstauglichen Persönlichkeitstest zu verbinden.

Welches sind die kulturübergreifenden Faktoren, die die Persönlichkeit eines Menschen ausmachen? Dazu hat der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung 1921 die gegensätzlichen Persönlichkeitseigenschaften „extrovertiert“ und „introvertiert“ in die Diskussion eingeführt. Diese beiden Pole spielen auch im 1985 eingeführten ersten standardisierten Big-Five-Test von Paul T. Costa und Robert R. McGrae immer noch eine entscheidende Rolle. Aus über 20.000 Eigenschaftswörtern destillierten die Wissenschaftler die in tausenden von Studien validierten fünf Kategorien heraus, die die Wesenseigenschaften der Menschen am besten erfassen sollen: Das Big-Five-Persönlichkeitsmodell erfasst Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus.

Das Persönlichkeitsmodell

Unter Extraversion wird gemessen, woraus wir unsere Energie beziehen. Sind wir eher zurückhaltend, vorsichtig, ruhig und wenig kontaktfreudig, ziehen wir unsere Energie aus dem Alleinsein und dem Rückzug und gelten als introvertiert. Sind wir eher kontaktfreudig, aktiv, gesellig und gern unter Menschen, ziehen wir unsere Energie eher aus der Gesellschaft mit Menschen und sind extrovertiert. Introvertiertes und extrovertiertes Verhalten lässt sich in die vier Unterkategorien Geselligkeit, Ausdrucksstärke, Aktivität und Selbstbehauptung unterteilen.

Unter Offenheit für neue Erfahrungen wird gemessen, wie wir denken. Bleiben wir lieber bei dem, was wir kennen, orientieren wir uns lieber an den eigenen Erfahrungen und suchen einfache, klare Erklärungen und dient uns die Kunst nur zur Unterhaltung, denken wir eher praktisch. Sind wir dagegen offen für vielfältige Ideen und Veränderungen, beschäftigen uns viel mit Fantasien, denken uns in komplexe Sachverhalte hinein und lassen uns von der Schönheit von Kunst und Natur emotional bewegen, denken wir eher theoretisch.

Unter Verträglichkeit wird gemessen, wie wir mit anderen Menschen interagieren. Nehmen wir mehr Rücksicht auf andere, vermeiden wir Konflikte, haben wir grundsätzlich Vertrauen zu anderen Menschen und sind mitfühlend und tolerant, verhalten wir uns kooperativ und diplomatisch. Beharren wir auf unserem Standpunkt, unterstellen anderen Menschen schlechte Absichten, sind schnell verärgert und nachtragend und gehen kritisch mit anderen Menschen um, verhalten wir uns rücksichtslos und misstrauisch.

Unter Gewissenhaftigkeit wird gemessen, ob wir eher spontan oder geplant an Aufgaben herangehen. Spontane Menschen haben wenig Selbstdisziplin, kein großes Bedürfnis nach Ordnung, halten sich nicht an Termine, sind flexibel in ihrer Zielorientierung und handeln unbesonnen. Strukturierte Menschen haben viel Selbstdisziplin, ein großes Bedürfnis nach Ordnung, halten sich penibel an Zeiten, arbeiten stetig und ausdauernd und überlegen genau, bevor sie handeln.

Unter Neurotizismus wird gemessen, wie empfindlich wir gegenüber negativen Emotionen sind. Resistente Typen sind widerstandsfähig, fürchten sich selten, machen sich kaum Sorgen, haben ein starkes Selbstvertrauen und wenig Stimmungsschwankungen. Empfindliche Typen sind schneller von Stress überfordert, haben vor vielem Angst, machen sich viele Sorgen um die Zukunft, haben ein schlechtes Selbstvertrauen und fühlen sich oft traurig, deprimiert und entmutigt.

Ist die Persönlichkeit veränderbar?

Insgesamt gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die fünf Persönlichkeitseigenschaften im Lauf des Lebens relativ stabil bleiben und sich nur graduelle Veränderungen einstellen: Aus einem introvertierten Einzelgänger wird kein Partylöwe und Eventveranstalter werden, aber vielleicht ein sozial engagierter Vorkämpfer für mehr Klimaschutz.

Die Ergebnisse aus der Gehirnforschung lassen aber den Schluss zu, dass der Mensch dank der Neuroplastizität des Gehirns sich ein Leben lang verändert. Kein Persönlichkeitsprofil ist in Stein gemeißelt. So hat man beispielsweise herausgefunden, dass die Punktwerte der Bereiche Neurotizismus, Extraversion und Offenheit zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr deutlich abnehmen (das heißt, wir werden zunehmend weniger labil, sozialisierbar und neugierig) und dass die Werte Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit in derselben Periode ansteigen (das heißt, wir werden zunehmend teamorientierter und ehrgeiziger).

Jede Ausprägung ist weder gut noch schlecht, sondern hat ihre Stärken und Schwächen. Die vermeintlichen Schwächen der Introvertierten (zu still, zu emotionslos, zu passiv) können sich schnell als große Stärke herausstellen, denn Introvertierte können sich meist besser konzentrieren, besser zuhören, lassen dem Gegenüber mehr Freiraum und sind nicht ständig davon getrieben, eine neue Sau durchs Dorf zu treiben. Also sollten wir nachsichtig sein mit unserem Persönlichkeitsprofil und uns erstmal so akzeptieren, wie wir sind. Das ist schon der erste Schritt zur Veränderung, wenn wir unzufrieden mit uns sind. Zu den möglichen Veränderungsschritten gibt uns Lars Lorber in jeder Kategorie konkrete Tipps an die Hand, die sehr hilfreich sind.

Die im Persönlichkeitsmodell gemessenen Eigenschaften sind aber längst nicht alles, was eine Persönlichkeit ausmacht.

Welche Rolle spielen soziale Faktoren?

Die im Persönlichkeitsmodell gemessenen Eigenschaften sind aber längst nicht alles, was eine Persönlichkeit ausmacht. Dazu kommen noch jede Menge soziokulturelle Faktoren wie Geschlecht, Kultur und die persönliche Lebensgeschichte. Wie stark soziale Faktoren beim Verhalten von Menschen eine Rolle spielen, wurde beim Milgram-Experiment deutlich. 1961 führte der Psychologe Stanley Milgram ein psychologisches Experiment durch, bei dem den Teilnehmern erklärt wurde, sie würden an einem wichtigen psychologischen Forschungsprogramm teilnehmen. Die Teilnehmer sollten anderen angeblichen Mitspielern (eingeweihte Personen) Fragen stellen und sie mit (vorgetäuschten) Elektroschocks für falsche Antworten bestrafen. Dabei wurde nach und nach die Spannung erhöht. Kamen den Teilnehmern Zweifel an der Strafmaßnahme, wurden sie von der Leitung darauf hingewiesen, dass sie bitte die Regeln befolgen sollen. Das erschreckende Ergebnis: 70 Prozent der Teilnehmer waren bereit, bis zur maximalen (tödlichen) Spannung von 460 Volt zu gehen.

Das Milgram-Experiment zeigt, dass Menschen bereit sind, aus Pflichtbewusstsein und Autoritätsgläubigkeit heraus anderen Menschen zu schaden. Das grausame Verhalten im Experiment wurde also sehr viel stärker durch die Bereitschaft zu regelkonformem Verhalten geprägt als durch sadistische Züge. Sozialer Druck durch Mehrheiten oder Autoritäten üben gerade auf gewissenhafte, harmoniebedürftige und konservative Menschen einen starken Einfluss aus. Dadurch werden das eigene Gewissen, eigene Wertevorstellungen oder Mitgefühl zugunsten konformen Verhaltens unterdrückt.

Fazit: Der Test im Buch ist schnell gemacht. Ich fühle mich gut beschrieben und halte auch die Kategorien für gut nachvollziehbar. Im Gegensatz zum Autor glaube ich jedoch, dass das Persönlichkeitsprofil im Laufe eines Lebens durch soziokulturelle Faktoren (Erziehung, soziales Umfeld, Unfälle, Schicksalsschläge etc) stark beeinflusst wird. Das ist eine gute Nachricht für alle psychischen Störungen, denn auch die tiefsten Prägungen lassen sich durch Coaching und Therapie wieder verändern.

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