Das ganz normale Leben – Peter Zettel

Wenn unser Leben ganz normal verläuft, dann machen wir eben dies oder das, manches gelingt uns, manches gelingt uns nicht, wir verfolgen unsere Ziele und Absichten, denken uns Strategien aus, die manchmal funktionieren und manchmal eben nicht. Das ganz normale Leben.Irgendwann aber einmal kommen wir an einen Punkt, wo das Leben nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen und wie wir es gerne hätten. Wir beginnen zu kämpfen und uns mit den Situationen, in denen wir uns befinden, auseinanderzusetzen. Manchmal gelingt uns das, manchmal nicht.

Eben das ganz normale Leben.

Manchmal aber passiert es dann, dass wir scheitern mit unserem Vorhaben und unseren Strategien. Wir merken, dass wir die Dinge nicht mehr unter Kontrolle haben. Manchmal reagieren wir so darauf, dass wir es mit Gewalt versuchen, manchmal reagieren wir so darauf, dass wir aufgeben und uns treiben lassen. Manchmal entscheiden wir uns auch, in die Psychiatrie zu gehen, weil wir das Leben einfach nicht mehr aushalten.

Wie ich schon gesagt habe: Das ganz normale Leben.
Wir lassen uns tragen

Manche beginnen an dieser Stelle die Dinge etwas aufmerksamer zu betrachten und sie merken, dass sie »eigentlich« nie irgendetwas unter Kontrolle hatten. Sie fangen an zu verstehen, dass sie so wie das Eichhörnchen im Nacken des Elefanten waren, das meint, den Elefanten zu reiten und ihn delegieren zu können. Das Eichhörnchen tanzt voller Stolz auf dem Hals des Elefanten herum und freut sich, dass der Elefant macht, was es ihm sagt. Oder es ist zutiefst betrübt, wenn er es nicht macht. Dabei macht der Elefant schon immer nur das, was er will, er merkt das Eichhörnchen in seinem Nacken nicht einmal.

Auch das ist das ganz normale Leben. Eine Illusion.

Wenn wir dann aufhören, gegen die Dinge anzukämpfen, so wie sie sich uns zeigen, wenn wir uns in unser Schicksal fügen ohne dabei fatalistisch zu werden, wenn wir die Dinge annehmen als das, was sie sind und aufhören zu glauben, wir könnten sie unter Kontrolle bekommen, dann beginnt ein neues Leben für uns. Natürlich kein wirklich neues, aber für uns neu, weil anders. Wir sind dann zwar immer noch wie das Eichhörnchen auf dem Hals des Elefanten, aber wir bilden uns nicht mehr ein, wir wären es, die den Elefanten reiten, sondern wir lassen uns von dem Elefanten dahin tragen, wo er eben hingeht.

Und wir merken: Das ist das ganz normale Leben.

Je länger wir uns so von den Elefanten dahin tragen lassen, desto klarer wird uns, dass dieses Sache mit dem Eichhörnchen nicht wirklich stimmt. Wir fangen an zu begreifen, dass auch das Eichhörnchen eine Illusion ist, dass wir uns nur vorgestellt haben, dieses Eichhörnchen zu sein, tatsächlich existiert es nur als eine Einbildung, eine Illusion. Nun beginnen wir darüber nachzudenken, wer oder was wir wirklich sind, wenn wir doch kein Eichhörnchen sind. Wir stellen zu unserem Erstaunen fest, dass wir tatsächlich der Elefant selbst sind.

Und wir merken: Das ist wirklich das ganz normale Leben.

 

Wir haben keine Kontrolle

Das geht auch eine ganze Weile gut, bis wir merken, dass wir über den Elefanten keine Kontrolle haben. Wir beginnen, mit ihm zu kämpfen, versuchen, Kontrolle über ihn zu bekommen, bis wir auch das aufgeben, weil wir merken, dass uns das einfach nicht gelingt. Wir beginnen an uns selbst, an unseren Einsichten und Vorstellungen vom Leben zu zweifeln. Wir beginnen zu verzweifeln und wir fragen uns, ob das wirklich das ganz normale Leben sein kann. Kann das wahr sein, dass wir einfach keine Kontrolle über das Leben bekommen? Wenn wir dies genau betrachten, dann dämmert in uns die Einsicht, dass wir doch wieder zu einem Eichhörnchen geworden sind. Doch jetzt ist es nicht mehr das rote Ego-Eichhörnchen, sondern das weiße Ich-bin-ja-so-spirituell-Eichhörnchen.

Und wir merken: Auch das ist das ganz normale Leben.

 

Wir sind das Leben

Das ist der Punkt, wo wir uns dann entscheiden ernsthaft zu praktizieren. Und wir merken: Wir sind das Leben.

Dann hören wir auf irgendetwas sein zu wollen oder irgendetwas erreichen zu wollen und wir hören auf, den Dingen ihren Lauf zu lassen, weil wir erkannt haben, dass beides nicht stimmig ist. Weder geschehen uns die Dinge noch lassen wir sie geschehen. In dem Moment, in dem wir das verstanden haben, sind wir bereit uns ganz in den (noch eigenen) Geist zu versenken, das wahre Wesen zu schauen.

Und dann leben wir das ganz normale Leben.

Aber dann passiert es manchmal, dass wir uns doch wieder einmal als Eichhörnchen im Nacken des Elefanten wiederfinden. Und wir merken, dass auch das das ganz normale Leben ist und beginnen erneut von vorne damit, Einsicht in das Wesen der Dinge zu praktizieren. Das Dumme ist nur, dass das leichter zu verstehen als zu praktizieren ist.
Autor: Peter Zettel, J. 51, ehemals Anwalt, lebt jetzt als Autor und Berater in Forchheim.

Mentor des Zen-Zentrums www.innere-stille.org

www.texte.offene-weite.de

 

Der Text erschien zunächst in der Connection 4/2011, www.connection.de

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