„Physik und Bewusstsein“ von B. Alan Wallace (Rezension)

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Rezension von Nele Pintelon auf www.spuren.ch

Physik und Bewusstsein

Alan B. Wallace

Gebunden

€ 19,95 inkl. MwSt.
B. Alan Wallace rollt in «Physik und Bewusstsein» (Crotona, Amerang 2018) mit lebendigem Sachverstand und bereicherndem Detailwissen die Geschichte unseres materialistischen Weltbildes auf. Der eminente amerikanische Bewusstseinsforscher und Buddhist erklärt in seinem neuen Werk aber auch die Grundlagen und Ziele fernöstlicher meditativer Praxis. Wer wissen will, wie sich Geist und Bewusstsein in Zukunft wesensgerecht erforschen und erklären lassen, und wie jeder Mensch diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Verbesserung seiner Lebensqualität anwenden kann, der oder die lese dieses Buch! Wer sich für die Geschichte der Naturwissenschaften und im Speziellen für Quantenphysik begeistern kann, wird richtig zufrieden aus der Lektüre hervorgehen. Und wer verstehen möchte, wo sich eine tägliche spirituelle Praxis und Quantentheorie treffen, gewinnt ebenso. Bleibt abzuwarten, ob die klassischen Naturwissenschaften es wagen werden, Geist und Bewusstsein als relevante Forschungskategorien, ja sogar als Forschungsinstrumente einzubeziehen, und ob sich diese vernunftbasierten Forscher mit erprobten Kennern von Meditation zusammensetzen.

 

Buchauszug:

Information liegt im Kern des partizipatorischen Universums, das nach dem Prinzip des «It from Bit» daraus hervorgeht. Der Beobachter erwirbt, speichert, verarbeitet und repliziert Information semantischer Art. So wird zum Beispiel eine Wechselwirkung in der Quantenmechanik nur dann zu einer echten Messung, wenn sie für jemanden eine Bedeutung hat. Dieses Prinzip aus der Welt der Physik entspricht dem harten Problem aus der Welt der Neurowissenschaften. Wie aus geistlosen Atomen eine abstrakte Vorstellung wie Bedeutung oder semantische Information hervorgehen soll, ist ebenso schwer vorstellbar wie die Idee, dass Bewusstsein oder ein anderes geistiges Phänomen aus geistlosen Neuronen entstehen sollte. So schwierig es auch sein mag, bewusste Subjekte als aktive Teilnehmer in die Entstehung des bekannten Universums einzubeziehen, Wheeler ist entschlossen, das wissenschaftliche Bezugssystem auf das Fundament elementarer Akte der Beobachterbeteiligtheit zu verschieben.

Ein solcher Schritt erfordert eine tiefgreifende Loslösung von den metaphysischen Thesen der klassischen Physik, wonach eine Eigenschaft eines Systems bereits vor der Beobachtung sowie unabhängig von ihr existiert und Information eine nachrangige Vorstellung ist, die bemisst, was wir über die Eigenschaften eines Systems erfahren. In der Quantenphysik kehrt sich diese Situation um: Die Idee der vollständigen Information eines Systems ist ein primäres Konzept, unabhängig von den experimentellen Verfahren, die ein Experimentator wählt; eine Eigenschaft geht als sekundäres Konzept daraus hervor, nämlich als spezifische, aus einer Messung resultierende Darstellung der Information über das System. Jeder Beobachter kann jederzeit eine endliche Anzahl von Ergebnissen erzielen, und Messungen bestehen im Wesentlichen aus einem Strom von (binären) „Ja“- oder „Nein“-Antworten auf die der Natur gestellte Frage. Alle auf derartigen Messungen beruhenden Vorstellungen von der Wirklichkeit sind gedankliche Konstruktionen, die auf diesen Antworten aufbauen. Diese Konstrukte oder Theorien stellen keine rein subjektiven Erfindungen dar, aber auch keine „Wieder-Gabe“ einer unabhängigen, vorgegebenen Realität. Sie gehen vielmehr aus der Interaktion zwischen Beobachter und Beobachtetem hervor, und physikalische Objekte werden als über bestimmte Eigenschaften verfügend beschrieben, die sich bei unterschiedlicher Beobachtungs- oder Beschreibungsweise nicht ändern. Diese Eigenschaften werden als Invarianten erkannt, und Vorhersagen auf ihrer Grundlage sind für jedermann überprüfbar. Werden diese Vorhersagen von vielen Wissenschaftlern in vielen Laboren bestätigt, wird intersubjektive Einigkeit über ein wissenschaftliches Modell erzielt. Entsprechend der zutiefst menschlichen Neigung, alle Wissensinhalte – gleich ob wahrnehmend oder rein gedanklich erlangt – zu vergegenständlichen, tendieren Wissenschaftler natürlich dazu, diesen gedanklich konstruierten Objekten die Anmutung selbstständiger Realität zu geben.

Wie Anton Zeilinger in dieser Hinsicht bemerkt, sind wir versucht anzunehmen, dass es immer, wenn wir Fragen über die Natur stellen, eine Wirklichkeit gibt, die unabhängig von dem existiert, was über sie ausgesagt werden kann. Aber Fortschritte in der Quantenphysik deuten darauf hin, dass eine solche Theorie sinnlos ist, und etwas Sinnloses erreicht noch nicht einmal die Ebene des Unwahren. Eigenschaften, die wir der objektiven Welt zuschreiben, können nur auf Information aufbauen, die wir durch Messungen erhalten. Außer derartiger Information kann nichts über die Welt der Natur ausgesagt werden, das zur Bestätigung oder Widerlegung taugte. Mit anderen Worten: Naturwissenschaft ist eine Wissenschaft von der Information, nicht eine Wissenschaft von einer Welt, die vor der Information und unabhängig von ihr existiert. Die Unterscheidung zwischen Information, oder Wissen, und Wirklichkeit ist daher bedeutungslos. Der Zusammenbruch dieser Unterscheidung bedeutet eine bisher nicht gekannte Vereinheitlichung von Psychologie und Physik. Dies mag schwierig erscheinen, doch halten Sie sich vor Augen, dass Vereinheitlichung eines der wichtigsten Themen der modernen Wissenschaft und daher ein lohnendes Ziel ist.

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