"Religion ohne Religionen" von Adrian Naef (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Martin Frischknecht

Religion ohne ReligionenWie leicht fällt es doch, sich über Religion zu streiten. Der eigene Glaube, die für sich gewonnene religiöse Überzeugung, liegt einem am Herzen, und man tut sich schwer, wenn andere das nicht auch so sehen. Christen geraten sich in die Haare mit Muslimen, das sogenannt Heilige Land wiederum machen sich gleich alle drei abrahamitischen Religionen streitig. Innerhalb der einzelnen Glaubensbekenntnisse liegen sich die verschiedensten Strömungen und Gruppen in den Haaren. Sunniten und Schiiten sprengen sich im Mittleren Osten gegenseitig in die Luft, Katholiken dürfen mit Evangelischen nicht gemeinsam das Abendmahl feiern, und innerhalb vieler Familien gehen die Überzeugungen derart weit auseinander, dass man dem Thema vorsichtig aus dem Wege geht.

Wie leicht ist es doch, sich über Religion einig zu sein: Man sollte sie abschaffen, ohne Wenn und Aber. Dieses absurde Zeug macht keinen Sinn, und es hat keine Zukunft. Wozu sich damit noch herumschlagen? Wo immer einer etwas Bestimmtes glaubt, findet sich garantiert ein Zweiter, der überzeugt ist vom Gegenteil. Heilige Kühe, Jungfrauengeburt, Märtyrertod mit ewigem Leben im Paradies – wie blöd muss man denn sein, um so was für wahr zu halten?

Und tatsächlich wenden sich bei uns immer mehr Menschen vom Betrieb der Religionen ab. Wenn sie in einer Kirche aufgewachsen sind, treten sie als Erwachsene aus; junge Menschen, die in ihrer Kindheit damit verschont wurden, kommen schon gar nicht in Versuchung, sich einer Religion anzu­schliessen. Trotz medialem Getöse um charismatische Freikirchen und fanatisierte junge Muslime führt der allgemeine Trend bei uns eindeutig und rasant in Richtung Abkehr von den Religionen.

Womit wir sie keineswegs loswerden. Denn das, wofür Religionen stehen, gründet tiefer und sucht nach neuen Formen. Das Bedürfnis nach Religion im Sinne einer Rück- und Einbindung in etwas Umfassendes, Ganzes ist heute vielleicht grösser denn je. Wir wissen bloss nicht recht, wohin damit. Das Alte wollen wir nicht mehr, etwas Neues, das zu überzeugen vermag, scheint nicht in Griffweite.

Vor diesem Hintergrund postuliert Adrian Naef eine Religion ohne Religionen. Der Zürcher Dichter meint damit keine Forderung oder eine Vision, vielmehr geht es ihm um eine Besinnung auf das Wesentliche. Und damit die gelingt, muss erst mal aufgeräumt werden: «Ein Buddhismus, der noch die Erde als Scheibe lehrt, ein Christentum, das noch an Wunder glaubt, ein Islam, der einem Allah die ganze Verantwortung delegiert, ein Judentum, das von Auserwähltheit ausgeht, und eine Esoterik, die sich narzisstisch um sich selbst dreht – sie alle sind nicht nur unfähig, zeitgemässe Antworten auf unsere spirituellen Fragen zu geben, sondern sie sind zu einer echten Gefahr für das Überleben der menschlichen Rasse geworden.»

Wie gesagt, dem zuzustimmen, fällt leicht. Wie aber soll es weitergehen, durch welche Einsichten und Praktiken lässt sich dem Rechnung tragen, was dem Religionsbetrieb im Äussern als genuinem Bedürfnis des Menschen in seinem Innern entspricht? Adrian ­Naef liefert dazu keine abschlies­senden Antworten. Eher lässt der einstige Religionslehrer und Körpertherapeut in seinem Vorgehen den Bauernsohn erkennen, der er auch ist: Er zieht aus, schreitet über die Felder und sieht da und dort zum Rechten, ohne dass dabei ein umfassender Plan oder eine neue Theorie erkennbar würde.

Das ist gut so, denn hier geht es um eine Ermächtigung und Anstiftung des Lesers zu eigenen Gedanken auf einem Gebiet, das wohl viele in ihrem Leben längst als Minenfeld ausgezäunt und nicht mehr betreten haben. Adrian Naef verschafft sich einen neuen Zugang durch eine überraschende Definition von Seele. Im Gegensatz zum Betrieb der Religionen, in dem mit Seele als einer Art fester Grösse gerechnet und gehandelt wird, versteht der Autor diese schwer greifbare Substanz des Lebendigen als ein Kompass, der uns in den Wirren des Lebens auf Kurs hält.

So wir auf die Seele denn hören. Leihen wir unser Ohr den Vorgaben einer Religion, tun wir das gerade nicht, egal, wie oft darin von Seelenheil und Seelsorge die Rede sein mag. Denn was diese innere Instanz uns zu sagen hat, wie sie das tut und wohin sie einen Menschen führt, das ist höchst individuell. In hehren Momenten erlauschen wir Botschaften der Seele in der Meditation. Falls wir jedoch nicht auf sie hören wollen, kann sie uns auch grob kommen. Dann macht sie sich durch Unfälle, Krankheiten und andere sogenannte Wechselfälle des Lebens bemerkbar. Von nichts anderem handelt manch eine Geschichte in den Heiligen Schriften, nur dass dort meist von den Interventionen eines Gottes die Rede ist statt von Botschaften der Seele.

Dies ist nur einer von vielen Gedankenanstössen, welche dieser lebenskluge Autor durch sein neues Buch erteilt. Und da wäre noch weit mehr, hätte Verleger Bernd Zocher nicht eine Auswahl getroffen und Adrian Naefs Religionstexte lektoriert. Der Untertitel weist dieses Werk aus als Essay über das «Was wir vergessen – was wir mitnehmen wollen». Demnach befinden wir uns punkto Religion in einer Karawanserei und sind damit beschäftigt umzuladen, bevor die Reise weitergeht. Wer eine Wüste durchqueren will, tut gut daran, sich von unnötigem Ballast zu befreien und aufs Nötige zu beschränken. Hier ist dieses Not-Wendige zu finden.

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