"Schlüssel zum Verständnis des Koran" von Kerem Adigüzel (Rezension)

Rezension von Natascha Stevenson

Schlüssel zum Verständnis des koranChristen haben die Bibel als Buch des Glaubens, Juden die Thora und Muslime den Koran plus die menschgemachten Hadithbücher, welche die sogenannte „Sunna“ Mohammads enthalten. Gibt es im Islam also wirklich noch andere Bücher neben dem Koran, denen man unbedingt Glauben schenken muss und sollte? Reicht denn nicht das direkte Wort Gottes aus? Welch berechtigte Frage!

Der überzeugte Muslim Kerem Adigüzel, schweizerisch türkischer Rationalist, zeigt in seinem Buch den Islam von einer ganz ungewohnten Seite. Er versteht sich klar als Muslim, doch die Mehrheit der muslimischen Welt würde ihn wohl nur als einen gerade mal halben Muslim betrachten, da er den Hadithbüchern (die die Aussprüche des Propheten Mohammad enthalten sollen) keine Bedeutung beimisst, ja diese sogar ablehnt. Viele Muslime würden schon in dieser Tatsache einen „Ableugner“ oder „Ungläubigen“ in ihm sehen, denn für sie existiert kein Islam ohne diese Sammlung von Aussprüchen durch die alten Religionsgelehrten. Kerem Adigüzel ist somit ein junger monotheistischer, aufklärerischer Autor, Übersetzer und Freigeist, der sich traut kritisch zu hinterfragen. So liest man schon auf dem Buchcover…

„Möchten Sie beispielsweise und unter anderem unabhängig von den Gelehrtenmeinungen wissen, ob die Hände von Dieben tatsächlich abgehackt werden müssen (5:38)? Dann ist dieses Buch so Gott will genau das Richtige für Sie!“

…und dem Untertitel…

„Die Selbstbefähigung der Muslime im theologischen Verständnis durch die koranische Hermeneutik.“.

Denn der Mathematiker aus Zürich möchte vor allem Muslime ansprechen, die ihren Glauben aufgrund von Verfälschungen missverstehen, und mit den Widersprüchlichkeiten durch bestimmte Hadithtexte aufräumen. So soll es seinen Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern die Augen für eine klare, ursprüngliche, humane und universelle Religion öffnen, die einzig und allein im Koran deutlich und vollständig erklärt ist. Selbstverständlich ist der „Schlüssel zum Verständnis des Koran“ aber auch für Nicht-Muslime sehr interessant und wichtig, in einer Zeit in der sich diese bereits immer öfter fragen müssen, ob dieses oder jenes „muslimisch“ und Teil des Islams ist, oder nicht. Bei all den aktuell weltbewegenden Geschehnissen drängt sich ja förmlich die Frage auf: Ist dieser oder jener ein echter, richtiger Muslim, oder ein falscher Muslim? Wie und was ist denn letztlich ein Muslim und was genau ist tatsächlich Teil seiner Religion?

Viele Missverständnisse scheinen also in der verbreiteten, strengen Einbeziehung der sog. „Sunna Mohammeds“, also Hadithe, begründet zu sein, wobei die Hadithsammlung des bekannten und allgemein anerkannten sunnitischen Gelehrten Buchari schon als solche von Kerem Adigüzel auf folgende mathematische Weise als unglaubwürdig eingestuft wird:

„[…]dass Buchari, der insgesamt 60 Jahre glebt haben soll (810-870), aus 600.000 Aussprüchen seine Auswahl getroffen habe. […] für die nötige Beurteilung der Überlieferer, so rechnen wir pro Klassifizierung eines einzelnen Ausspruchs insgesamt eine Stunde. Bei 600.000 Stunden ergäben dies 25.000 Tage oder ungefähr 68,5 Jahre. […] Selbst wenn wir nur von der Hälfte ausgehen, also 300.000 Aussprüchen, so reicht das gesamte Leben des Buchari immer noch nicht aus, um sein Werk zu begründen.“

Der Autor hat sich, als in einer christlichen Umgebung aufgewachsener Muslim, mit seiner eigenen Identitäts- und Glaubensfrage auseinandersetzen müssen. Da ihm damals vieles aus seiner eigenen Religion unlogisch, widersprüchlich oder einfach grausam erschien, wagte er den Schritt in die offene Konfrontation mit den Inhalten von Koran und prophetischer Sunna, durchlief ein  jahrelanges Studium des Hocharabisch, und setzte schließlich den eigenen Verstand ein. Was er schreibt, leuchtet ein wird von ihm mit Zitaten, Transkriptionen, Übersetzungen und Verweisen gut verständlich erklärt. Er regt und leitet zu einer Selbstbefähigung in der Koranauslegung an, die sogar ohne besondere Arabischkenntnisse möglich ist:

„Es ist unter anderem das ausdrückliche Ziel dieses Buches die „Entarabisierung“ dieser ethischen Hochreligion des „Islam“ zu bewirken. Unsere gemeinsame Sprache ist die deutsche Sprache, in welcher wir uns auch unterhalten möchten.“

Somit vereint er auf 330 Seiten eine ausführliche Erläuterung der Voraussetzungen, der Theorie und dem Rüstzeug für ein korrektes Koranverständnis, mit konkreten Beispielen in der Umsetzung. Dabei werden vor allem die Themen Hermeneutik, Logik und Vernunft, traditionelle Barrikaden, Autorität und Gelehrte, sowie das Thema Beigesellung untersucht. Abschließend verfügt das Buch über ein übersichtliches Wortverzeichnis, Wörterbuchverzeichnis, eine Transkriptionserläuterung, Literaturangabe zur Hadith-Diskussion und zuletzt Fußnoteninhalte. Korrekterweise fordert uns der Autor auch auf, eben weder islamischen „Gelehrten“ noch ihm selbst blind zu glauben oder zu folgen, sondern immer eigenverantwortlich zu prüfen: „[…] und fordere die Leserinnen und Leser auf, meine Aussagen als „Behauptungen“ aufzufassen, die sie erst noch überprüfen müssen (17:36).“

Ein sehr zu empfehlendes, vielleicht derzeit einzigartiges Buch – spannend & hilfreich für ein breites Lesepublikum aus dem deutschsprachigen Raum, von gläubigen Muslimen bis hin zu Islamkritikern!

Sie können dieses Buch über die Webside des Autors hier bestellen oder kostenlos online lesen!

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