"Spirituelle Ökologie" hrsg. von Llewellyn Vaughan-Lee (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Sagita Lehner

spirituelle ökologieImmer mehr Menschen fühlen ihn, den Schmerz unserer Not leidenden Erde. In mehreren Essays von «Spirituelle Ökologie» (Verlag Neue Erde, Saarbrücken 2015) wird diese Sensibilität für die Mitwelt als Öffnung des begrenzten Egos gegenüber dem Ganzen betrachtet. Aber ist das Ganze am Rand der Scheibe schon zu Ende? Andere Autoren wiederum sehen sich als Hüter des Planeten – in der heutigen Lage eine schier untragbare Verantwortung. Persönlichkeiten aus Religion, Wissenschaft und Spiritualität, darunter Joanna Macy, Wendell Berry, Sandra Ingerman, Thich Nhat Hanh und Herausgeber Lewellyn Vaughan-Lee, haben für dieses Buch nachgedacht und ihre Antwort gefunden.

Dies ist ein Buchauszug aus «Spirituelle Ökologie»:

Das »Ergrünen« des Selbst (von Joanna Macy)

»Mögen wir uns nach innen wenden und dabei stolpern über unsere wahren Wurzeln in der beziehungsreichen Biologie dieses vortrefflichen Planeten. Mögen Nahrung und Kraft durch diese Wurzeln fließen und die wilde Entschlossenheit, den Milliarden Jahre alten Tanz weiter zu tanzen.« John Seed

In unserer Welt geschieht derzeit etwas sehr wichtiges, über das aber nichts in den Zeitungen steht. Ich empfinde es als die faszinierendste und hoffnungsvollste Entwicklung unserer Zeit, was einer der Gründe dafür ist, dass ich mich glücklich schätze, gerade jetzt zu leben. Es hat damit zu tun, wie wir uns selbst sehen – oder unser Selbst.

Das ›Selbst‹ – oder ›Ich‹ – ist der Begriff, mit dem wir das Zentrum unserer Identität und unseres Handelns bezeichnen. Es ist eine Metapher, ein hypothetisches Stück Land, auf dem wir unsere Überlebensstrategien konstruieren, eine Idee, an der sich unser Selbsterhaltungsinstinkt ausrichtet, unser Bedürfnis nach Selbstbestätigung und von wo aus wir die Grenze unseres Eigeninteresses definieren. Und hier ist etwas im Umbruch. Die uns allen von Kind auf geläufige Vorstellung vom Selbst, die uns anerzogen wurde und die unsere Gesellschaft uns immer wieder bestätigt, verliert allmählich an Boden. Was Allan Watts »das hautum-schlossene Ego« und Gregory Bateson »den größten erkenntnistheore-tischen Irrtum der abendländischen Zivilisation« genannt hat, beginnt sich abzuschälen, wie eine zu eng gewordene Haut. Darunter kommt ein erweitertes Verständnis von Identität und Eigeninteresse zum Vorschein, das der norwegische Philosoph Arne Naess als das ›ökologische Selbst‹ bezeichnet. Demnach wird sich unser Verständnis vom Selbst so weiten, dass es andere Lebewesen und letztlich das Leben unseres Planeten mit einschließt. Ich möchte in diesem Zusammenhang vom ›Ergrünen des Selbst‹ sprechen.

Bodhisattvas in Schlauchbooten

Vor einigen Jahren erläuterte ich Studenten in einer Vorlesung anhand von Beispielen, was heute zum Schutz des Lebens auf der Erde unternommen wird. Ich berichtete über Aktionen, bei denen Menschen auf alle Bequemlichkeit verzichteten und sogar ihr Leben aufs Spiel setzten, um andere Lebensarten zu schützen. In Nordindien etwa gibt es die Chipko-Bewegung der ›Baum-Umarmer‹, Menschen aus den um-liegenden Dörfern, die die noch verbliebenen Wälder gegen das Abhol-zen schützen, indem sie ihre Körper zwischen Baum und Bulldozer bzw. Äxte stellen. Auf hoher See intervenieren Greenpeace-Aktivisten, um das Abschlachten der Meeressäuger zu verhindern. Nach dieser Vorlesung erhielt ich einen Brief von einem Studenten, den ich Michael nennen möchte. Er schrieb:

»Ich stelle mir die Baum-Umarmer vor, wie sie meinen Stamm umarmen, die Kettensägen mit ihren Körpern abwehren. Ich spüre, wie ihre Finger sich in meine Rinde krallen, den Stahl an seiner Arbeit hindern, damit ich atmen kann. Ich höre die Bodhisattvas in ihren Schlauchbooten, mit denen sie sich zwischen die ›Harry Truman‹ und meinen Körper manövrieren, damit ich in die Tiefen des Meeres abtauchen kann. Ich sage Dank für euer Leben und für meines und für das Leben selbst. Ich bin dankbar für die Erkenntnis, dass auch ich die Kräfte der Baum-Umarmer und der Bodhisattvas habe.«

Das erstaunliche an Michaels Worten ist die Ausweitung seiner Identifikation. Er ist fähig, sein Selbst-Empfinden auf den Baum auszudehnen und auf den Wal. Baum und Wal sind nicht länger ferne, getrennt existierende, entbehrliche Gegenstände, die zu einer Welt ›dort draußen‹ gehören. Vielmehr sind sie Teil seiner eigenen Lebendigkeit. Kraft seiner Anteilnahme weitet sich seine Selbst-Erfahrung und nimmt eine Größe an, die das hautumschlossene Ego bei weitem übersteigt. Wenn ich Michaels Worte hier zitiere, dann nicht, weil sie so außergewöhnlich sind. Im Gegenteil, sie drücken ein Verlangen und eine Befähigung aus, die heute mehr und mehr aus den Kerkerzellen des alten Selbst-Verständnisses befreit werden. Dieses Sehnen und diese Ressourcen werden heute in immer mehr Menschen wach, wenn sie aus tiefer Sorge über das, was mit unserer Welt geschieht, für die Erde sprechen und handeln.

Einer von denen, die die alten Vorstellungen vom Selbst wie eine alte Haut oder eine zu eng gewordene Schale abstreifen, ist John Seed, der Leiter des Rainforest Information Centre in Australien. Auf einer Wanderung durch den Regenwald in New South Wales, wo sich auch sein Büro befindet, fragte ich ihn einmal: »Du sprichst vom Kampf gegen die Holzfällerindustrie und Politiker, um den noch vorhandenen Regenwald in Australien zu retten. Wie gehst du dabei mit deiner Verzweiflung um?«

Er sagte: »Ich bemühe mich, nicht zu vergessen, dass nicht ich es bin, John Seed, der hier versucht, den Regenwald zu schützen. Vielmehr bin ich ein Teil des Regenwaldes, der sich selbst schützt. Ich bin der Teil des Regenwaldes, der sich in jüngster Zeit zu menschlichem Denken entwickelt hat.« Das ist es, was ich mit Ergrünen des Selbst meine. Es handelt sich um eine Verbindung des Mystischen mit dem Pragmatischen, in der wir das Getrenntsein, die Entfremdung und die Vereinzelung überwinden. Diese Veränderung, die John Seed selbst als einen spirituellen Wandel bezeichnet, weckt in uns ein Gefühl tiefer gegenseitiger Verbundenheit mit allem Leben.

Das ist alles andere als neu, wurden vergleichbare Gedanken doch schon immer von Dichtern und Mystikern geäußert. Heute aber hören wir solche Dinge von Menschen, die auf den Barrikaden stehen und für gesellschaftlichen Wandel kämpfen. Heute wird das Empfinden eines allumfassenden Selbst, einer tiefen Identität mit Lebensräumen, die weit mehr als nur den menschlichen umfassen, zu einer Triebkraft des Handelns. Daraus lässt sich Mut schöpfen, der uns hilft, denen entgegenzutreten, die – nicht zuletzt gefangen in Trägheit und Gewohnheit – mit der Zerstörung der Erde immer noch weitermachen. So kann uns ein erweitertes Selbst-Verständnis zu einem nachhaltigen, wirkungsvollen Handeln für das Leben führen.

Wer wirklich hinschaut, was mit unserer Erde geschieht – und es fällt schwer, sich anzusehen, was mit unserem Wasser, unserer Luft, unseren Bäumen und allen anderen Mitgeschöpfen auf dieser Erde geschieht –, dem wird eines klar: Es ist nahezu unmöglich, uns diesen enormen vor uns liegenden Aufgaben zu stellen, es sei denn, wir sind verwurzelt in einer spirituellen Praxis, die das Leben als heilig ehrt und uns dazu er-muntert, in freudiger Gemeinschaft mit allen Mitgeschöpfen zu leben.

Zwar erwähnt Robert Bellah in seinem Buch ›Gewohnheiten des Herzens‹ nicht direkt das Ergrünen des Selbst, aber wir erfahren, warum es zu diesen Ergrünen kommen muss. Er zeigt auf, dass unsere industrielle Wachstumsgesellschaft einen immer noch zunehmenden krankhaften Individualismus hervorgebracht hat. Entfremdung und Zersplitterung haben deshalb im letzten Jahrhundert in unserer Gesellschaft ein Ausmaß erreicht, sodass heute unser Überleben bedroht ist. Bellah ruft dazu auf, eine moralische Ökologie zu entwickeln: »Wir müssen andere als Teil dessen ansehen, was wir selber sind, nicht als ›die da‹, zu denen wir in ständiger Konkurrenz stehen.«

Ich möchte Robert Bellah antworten: »Ja, das geschieht bereits.« Es geschieht durch drei Entwicklungen, die auf einen gemeinsamen Punkt zulaufen. Da ist zuerst die Tatsache, dass die real gewordene Möglichkeit massenhaften Aussterbens unser Selbst im herkömmlichen Verständnis, also das ›kleine Selbst‹ oder ›Ego‹, psychologisch wie spirituell infrage stellt. Die zweite Kraft, die zur Demontage des Ego beiträgt, kommt aus der Wissenschaft. Die Systemtheorie und die Kybernetik haben eine prozesshafte Sicht des Selbst hervorgebracht, nach der es untrennbar in das Netz all der Beziehungen eingewoben ist, die es am Leben halten. Die dritte Kraft ist das Wiederaufleben einer nicht-dualistischen Spiritualität.

Ich kann hier von meinen eigenen Erfahrungen mit dem Buddhismus berichten, aber gleiches geschieht auch in anderen Glaubenstraditionen, etwa in der jüdischen Erneuerungsbewegung, der Schöpfungsspiritualität im Christentum oder dem Sufismus im Islam. Auch den Botschaften eingeborener Völker wird zunehmend Beachtung entgegengebracht. All diese Entwicklungen wirken auf unser Selbst ein und unterstützen es darin, seine bisherigen Grenzen aufzubrechen und sich von alten Definitionen zu befreien.

Schmerz öffnet uns

Die Bewegung hin zu einem erweiterten, ökologischen Verständnis vom Selbst verdanken wir zu einem guten Teil den Gefahren, die uns zu er-drücken drohen. Angesichts immer neuer Berichte über die zunehmende Zerstörung unserer Biosphäre wird immer mehr Menschen bewusst, dass die Welt, wie wir sie kennen, enden könnte. Ich bin überzeugt, dass der Verlust der Gewissheit, dass es eine Zukunft geben wird, der Dreh- und Angelpunkt unserer heutigen psychischen Realität ist. Warum kann ich behaupten, dass dadurch das alte Verständnis vom Selbst untergraben wird? Wenn wir die Krise unserer Zeit nicht länger verleugnen und unsere eigenen Reaktionen auf den Schmerz unserer Welt – das Abbrennen der Regenwälder im Amazonasgebiet, die Hungersnöte in Afrika oder die Obdachlosen in unseren eigenen Städten – in ihrer ganzen Tiefe wahr-nehmen, dann lassen sich diese Wut und diese Trauer nicht mehr auf un-sere eigenen Belange reduzieren. Um die Zerstörung unserer Biosphäre zu trauern ist etwas grundsätzlich anderes, als die Möglichkeit unseres eigenen persönlichen Todes zu betrauern.

Das Leid des Planeten hebt uns in systemischer Sicht auf eine neue Ebene, öffnet uns für kollektive Erfahrungen, sodass wir erkennen können, dass wir zutiefst mit allem Sein verbunden sind. Wir dürfen uns nicht dafür entschuldigen, wenn wir um das Abbrennen der Amazonaswälder weinen oder um die vom Kohletagebau aufgerissenen Berge in den Appalachen. Unser Kummer, unser Leid und unsere Wut sind ein Maßstab für unsere Menschlichkeit und für unsere evolutionäre Reife. Je weiter ein Herz aufbricht, um so mehr Raum hat es für die Heilung un-serer Welt. Und eben das können wir immer häufiger beobachten: Menschen stellen sich in größter Aufrichtigkeit den Sorgen unserer Zeit. Das ist ein Beweis für unsere Anpassungsfähigkeit.

Die unseren Planeten bedrohende Krise entspringt einem untauglichen, krankhaften Verständnis vom Selbst. Egal, ob wir die militärische, ökologische oder soziale Seite der Krise betrachten, immer erkennen wir einen Irrtum, was unseren Platz in der Ordnung der Dinge angeht. Unser Irrglauben besteht in der Annahme, das Selbst existiere getrennt von allem anderen und es sei so zerbrechlich, dass wir seine Grenze stets aufs Neue markieren und verteidigen müssten. Wir unterstellen, es sei so klein und bedürftig, dass wir in seinem Namen unentwegt Dinge anschaffen und konsumieren müssten. Wir gehen davon aus, dass wir als Individuen, als Unternehmen, als Staaten oder als Spezies unberührt bleiben könnten von dem, was wir anderen Lebewesen antun.

Natürlich ist die Aufforderung, eine solch beschränkte Sicht von uns selbst hinter uns zu lassen, nicht neu. Schon viele Menschen haben es für erforderlich gehalten, ihr Eigeninteresse so weit auszudehnen, dass es das Ganze einschließt. Für uns besteht der Anlass jedoch nicht in einem Verlangen, ein guter oder altruistischer Mensch zu sein; für uns geht es darum, einfach wach für die Gegenwart zu sein und unseren Schmerz anzunehmen. Und deshalb ist diese Veränderung in unserem Selbst-Bild auch für andere Menschen glaubwürdig. Der Dichter Theodore Roethke sagt: »Ich glaube meinem Schmerz.«

Die Kybernetik des Selbst

Das Bild eines getrennten Selbst, das der Welt entrückt ist und von solch fernem Standort aus beobachtet oder handelt, wurde im 20. Jahrhundert naturwissenschaftlich widerlegt. Einstein hat uns gezeigt, dass die Wahrnehmungen des Selbst abhängig sind von seiner relativen Position gegenüber anderen Phänomenen. Und Heisenberg hat mit seiner Unschärferelation deutlich gemacht, dass eine jede Wahrnehmung bereits durch den Akt des Beobachtens beeinflusst wird.

Die Systemwissenschaftler gehen noch einen Schritt weiter. Sie widerlegen die Behauptung, es gebe ein eigenständiges, kontinuierlich bestehendes Selbst. Sie zeigen auf, dass es weder eine logische noch eine wissenschaftliche Begründung für ein Konstrukt gibt, in dem ein Teil der wahrgenommenen Welt als ›Ich‹ und der Rest als ›die Anderen‹ be-zeichnet wird. Als offene, selbstorganisierende Systeme sind wir nämlich ständig im Austausch mit anderen, ob wir atmen, handeln oder nur den-ken. Ströme von Materie, Energie und Information durchfließen uns und halten uns am Leben, in einer Welt, die wir alle miteinander teilen. In dem Beziehungsgeflecht, das diese Aktivitäten ermöglicht, gibt es keine klaren Trennungslinien.

Die Systemtheoretiker sagen, dass es kein kategorisches ›Ich‹ gibt, das einem kategorischen ›Du‹ oder ›Es‹ gegenübersteht. Sehr deutlich findet sich diese Aussage in den Schriften von Gregory Bateson, wenn er davon spricht, dass sich der Prozess des Entscheidens und Handelns nicht einfach gleichsetzen lässt mit der isolierten Subjektivität eines Individuums oder sich nicht innerhalb der Grenzen einer Haut festlegen lässt. Er tritt dafür ein, dass »die selbstkorrigierende, informationsverarbeitende Einheit in ihrer Gänze ein System ist, dessen Grenzen durchaus nicht mit den Grenzen des Körpers oder dessen, was gemeinhin ›Selbst‹ oder ›Bewusstsein‹ genannt wird, zusammenfallen.« Er fährt fort: »Das Selbst, wie wir es gewöhnlich verstehen, ist nur ein kleiner Teil eines viel größeren Versuch-und-Irrtum-Systems, welches zusammen denkt, handelt und entscheidet.«

Bateson hat dafür zwei hilfreiche Beispiele zur Hand: Das eine ist ein Holzfäller, der gerade einen Baum fällt. Seine Hände umfassen den Stil der Axt, am anderen Ende befindet sich die Klinge der Axt mit ihrer Schneide, davor der Stamm des Baumes. Der Holzfäller führt einen Schlag und gleich darauf einen weiteren. Wo ist hier die ›Feedback‹-Schleife, wo findet sich die Information, die das Fällen des Baumes begleitet? Es ist dies ein vollständiger Kreis, man kann an jedem Punkt des Kreises ein-setzen. Von den Augen des Holzfällers aus gelangen Informationen zu seinen Händen, gehen über in die Axt und weiter zu der Schnittstelle im Stamm. Die Klinge trifft, Holz splittert, was wiederum die Augen wahr-nehmen, die erneut Informationen an die Hände weitergeben. Es ist diese gesamte sich selbst korrigierende Einheit, die den Baum fällt.

Das zweite Bild ist das eines Blinden, der mit seinem weißen Blindenstab über einen Bürgersteig geht. Tap, tap – oh, hier steht ein Hydrant – und hier ist ein Randstein. Wer bewerkstelligt hier das Gehen? Wo ist das Selbst des Blinden? Was bewerkstelligt die Wahrnehmung und was entscheidet? Die selbstkorrigierende ›Feedback‹-Schleife umfasst in diesem Fall den Arm, die Hand, den Blindenstab, den Randstein und das Ohr. In dem Augenblick ist all das zusammen das Selbst, das geht. Das Selbst, sagt Bateson, ist die Verdinglichung eines Teils, das irrtümlich aus einem viel größeren Feld miteinander verflochtener Prozesse herausgelöst wurde. Er betont, dass »diese irrtümliche Verdinglichung des Selbst grundlegend ist für die gegenwärtige weltweite ökologische Krise, in der wir uns befinden. Wir haben geglaubt, wir seien eigenständige Überlebenseinheiten und müssten deshalb [nur] für unser eigenes Überleben sorgen. Wir denken dabei, diese Überlebenseinheit sei das isolierte Individuum oder eine einzelne Spezies, wo doch in Wirklichkeit, aufgrund der Evolutionsgeschichte, es um das Individuum mitsamt seiner Umwelt geht, um die Spezies mitsamt ihrem Lebensraum, denn beide sind ihrem Wesen nach symbiotisch.«

Das Selbst ist eine Metapher, ein sprachliches Bild für das, womit wir uns identifizieren. Wir können entscheiden, ob wir unsere Haut als seine Grenze ansehen, oder unsere Persönlichkeit, Familie, Organisation oder unsere Spezies. Wir können entscheiden, wo wir in der objektiven Realität diese Grenze setzen. In den Strömungen und Schleifen der Erkenntnis, die uns miteinander verweben, so Bateson, kann unser selbstreflexives zielorientiertes Bewusstsein immer nur einen kleinen Ausschnitt erhellen. So betrachtet ist es einleuchtend, den Geist als in diesen größeren Erkenntnisschleifen, im gesamten ›verbindenden Muster‹ Mitschwingendes zu begreifen.

Wir müssen nicht fürchten, dass bei einer derartigen Ausweitung unseres Begriffs vom Selbst unsere Einmaligkeit und Besonderheit ausgelöscht würde oder unsere Identität verloren ginge, wie ein Tropfen, der in den Ozean fällt. Nach dem systemischen Verständnis erfordert das Entstehen eines größeren selbstorganisierenden Musters oder eines größeren Ganzen die Vielfalt und die Verschiedenheit seiner Teile und fördert diese wiederum. Integration und Differenzierung gehen Hand in Hand. »Wenn du das Leben durch dich leben lässt«, sagt der Dichter Roger Keyes, »wirst du mehr von dem, was du wirklich bist«.

Spirituelles Aufbrechen

Eine wiederauflebende nicht-dualistische Spiritualität ist das dritte Ele-ment, das uns hilft, die Vorstellungen von einem kleinen, getrennten Selbst abzubauen. Diese Bewegung können wir in allen Glaubenstraditionen beobachten, wobei für mich der Buddhismus in seinem Verständnis der Dynamik des Selbst, eine herausragende Klarheit und Differenziertheit beiträgt. Ähnlich der Systemtheorie hinterfragt nämlich der Buddhismus die Aufspaltung zwischen dem ›Selbst‹ und den ›Anderen‹ und weist das Konzept von einem beständigen, aus sich selbst heraus existierenden Sein zurück. Indem er aufzeigt, dass die Verdinglichung des Selbst krankhaften Charakter hat, geht er sogar noch über die Systemtheorie hinaus. Und noch einen Schritt weiter bietet er Methoden an, die hieraus entstehenden Schwierigkeiten zu wandeln und das Leiden zu heilen. Was der Buddha unter dem Bodhi-Baum in seinem Erwachen erkannte, war Paticca-Samuppada, das wechselseitig bedingte Entstehen aller Phänomene, dass es nicht möglich ist, ein getrenntes, dauerhaftes Selbst abzugrenzen.

Zu jeder Zeit in allen Religionen haben wir Menschen uns die Frage gestellt: Wie behandeln wir das Selbst, dieses lärmende ›Ich‹, das ständig unsere Aufmerksamkeit will, ständig irgendwelche ›Zuckerchen‹ braucht? Sollen wir es kreuzigen, opfern oder kasteien? Oder sollen wir es stärken, bessern und adeln?

Der buddhistische Weg führt uns zu der Erkenntnis, dass wir lediglich das Selbst durchschauen müssen – hindurchschauen. Das Selbst ist nur eine Abmachung, eine zweckdienliche Konvention, die uns Sicherheit geben soll und darüber hinaus über keine weitere Realität verfügt. Wer sie zu ernst nimmt, für etwas Dauerhaftes hält, das es zu verteidigen und herauszuputzen gilt, den führt sie zu Selbsttäuschung, Zuneigung und Ablehnung.

Im tibetischen Rad des Lebens finden wir eine besonders schöne Darstellung, wie aus diesem Vorgang eine positive, abweichungsverstärkende Feedback-Schleife wird. In den Segmenten sind die unterschiedlichsten Daseinsbereiche dargestellt und im Zentrum dieses Rads des Leidens finden wir drei Figuren: die Schlange, den Hahn und das Schwein. Sie stehen für Verblendung, Gier und Aversion und sie jagen sich gegen-seitig im Kreis herum. Der Achsnagel für dieses Rad ist unser Konzept vom Selbst, die Vorstellung, dass wir dieses Selbst schützen oder fördern müssten oder sonst etwas mit ihm tun.

Welche Erlösung liegt in der Erkenntnis: Ich bin nichts anderes als das, was ich gerade erlebe. Ich bin dieser Atemzug. Ich bin dieser Augenblick, und der verändert sich ständig, steigt unentwegt auf, aus dem Quell des Lebens. Wir sind nicht schicksalhaft dazu verdammt, uns wie der Hamster im Laufrad abzustrampeln, zur Verteidigung oder Vervollkommnung unseres Selbst. Der Teufelskreis kann durchbrochen werden durch die Weisheit, Prajna, durch die wir erkennen, dass das Selbst nur eine Vorstellung ist. Es kann aufgelöst werden durch die Übung der Me-ditation, Dhyana, welche diese Einsicht verstärkt. Und nicht zuletzt durch die Übung der rechten Sittlichkeit, Sila, wobei wir die Achtsamkeit auf unser Handeln richten und uns dadurch von der Bindung an ein verein-zeltes Selbst befreien. Diese Befreiung, dieses Erwachen, hat nichts mit Verneinung und Weltflucht zu tun, was beides dem buddhistischen Pfad immer wieder zugeschrieben wird. Vielmehr stellt sie uns unmittelbar in diese Welt hinein und gibt uns ein waches Gespür für soziale Anliegen.

Im Schmerz um die Welt zeigt sich unsere wahre Natur, dass wir eins sind mit der Gesamtheit des Lebens. Dies zu erkennen ist eine der Haupteigenschaften eines Bodhisattvas – und wir alle sind imstande, Bodhisattvas zu sein. Jede und jeder von uns hat die Fähigkeit zu erkennen, dass wir mit allem, was existiert, in wechselseitigem Austausch stehen und danach zu handeln. Wenn wir in der Straße einen Obdachlosen sehen und den Blick abwenden, tun wir das aus Gleichgültigkeit oder weil es uns zu sehr schmerzt, sie oder ihn in dieser Lage zu sehen? Wir sollten uns nicht zu leichtfertig durch die scheinbare Gleichgültigkeit so vieler Mitmenschen täuschen lassen, denn oftmals steht hinter scheinbarer Teil-nahmslosigkeit eine tiefe Angst vor dem Leiden. Doch ein Bodhisattva weiß, wer vor dem Schmerz unserer Welt zurückschreckt, wird auch ihre Freuden nicht erleben.

Das ökologische Selbst macht moralisierende Ermahnungen über-flüssig. Das gefällt mir besonders gut, denn Predigten sind meist langweilig und fruchtlos. Auch der norwegische Philosoph Arne Naess, der die Begriffe ›Tiefe Ökologie‹ und ›Ökologisches Selbst‹ geprägt hat, zeigt auf, wie sich die Erfahrung unseres Selbst durch einen Prozess sich ständig weitender Identifikation wandeln kann. In Anlehnung an die hinduisti-sche Tradition bezeichnet er diesen Vorgang als Selbst-Erkenntnis, ein Fortschreiten »in dem das zu realisierende Selbst sich immer weiter über das gesonderte Ego hinaus ausdehnt und immer größere Bereiche der Welt der Phänomene in sich einschließt«. Weiter sagt er:

»In diesem Prozess lassen wir Begriffe wie Altruismus und moralische Pflicht hinter uns. ›Altruismus‹ vom lateinischen alter, ›der andere‹ abgeleitet, schließt dessen Gegenteil, ego, ein. Altruismus impliziert demnach, dass das Ego seine Interessen opfert zugunsten des anderen. Die Triebkraft ist in erster Linie Pflicht-bewusstsein, heißt es doch, wir sollen unsere Nächsten lieben wie uns selbst. Es gibt jedoch nur sehr wenige Menschen, die in der Lage sind, aufgrund von Pflichtbewusstsein oder mora-lischer Ermahnungen zu lieben.

Unglücklicherweise hat das ausgiebige Moralisieren innerhalb der ökologischen Bewegung der Öffentlichkeit den falschen Eindruck vermittelt, es würde in erster Linie von ihr ein Opfer verlangt: mehr Verantwortlichkeit, mehr Rücksicht und mehr Moral zu zeigen. Doch all das würde sich ganz natürlich und ohne Anstrengung ergeben, wenn wir unser Selbst so weit aus-dehnen und so vertiefen würden, dass wir den Schutz der Natur als den Schutz unseres eigenen Selbst empfinden und wahrnehmen könnten.«

Wir müssen verstehen, dass Tugendhaftigkeit nicht die Voraussetzung hierfür ist. Deshalb ist es so bedeutsam, dass gerade jetzt das ökologische Selbst sichtbar wird, weil nämlich moralische Ermahnungen nicht zum Erfolg führen. Nur selten haben Moralpredigten Menschen daran gehindert, ihren eigenen Interessen, oder besser, dem, was die dafür hielten, nachzugehen.

Deshalb liegt es so nahe, unseren Begriff vom Eigeninteresse zu erweitern. Nie im Leben würde ich auf den Gedanken kommen, jemanden anzuflehen: »Bitte, säge dir nicht deine Beine ab, es wäre ein Akt der Gewalt.« Weder mir (noch jemand anderem), käme das in den Sinn, weil dieses Bein offensichtlich zum Körper des Menschen dazugehört. Aber das gleiche gilt für die Bäume im Amazonasbecken: Sie sind unsere erweiterten Lungen. Wir beginnen also zu erkennen: Die Welt ist unser Körper.

Wie jeder andere Selbst-Begriff ist auch das ökologische Selbst eine Metapher, die Einfluss auf unser Wahrnehmen und Verhalten hat. Dynamisch und situationsabhängig wie sie ist, können wir uns entscheiden, diese Perspektive anzunehmen, je nach Zusammenhang und Notwendigkeit. Man achte auf das Wort ›entscheiden‹. Weil wir es mit einer Metapher, nicht mit einer rigiden Kategorie zu tun haben, können wir wählen, uns zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit jeweils unterschied-lichen Dimensionen oder Aspekten unserer systemischen, wechselseitig bezogenen Existenz zu identifizieren – sei es mit sterbenden Flüssen, ge-strandeten Flüchtlingen oder mit dem Planeten selbst. Und tun wir dies, bringt wiederum das erweiterte Selbst neue Ressourcen mit ins Spiel, so wie eine offene einzelne Zelle in einem Geflecht von Nervenzellen die Entladung anderer Neuronen empfängt. Eine solche Ausweitung bringt neuen Schwung und ein Gefühl von Belastbarkeit, denn wenn wir es nur zulassen, fließen uns aus dem erweiterten Netz innere Stärken zu, beispielsweise Mut, Durchhaltevermögen oder Erfindungsreichtum. Wie ein unerwarteter Segen erreichen sie uns.

Weiten wir also unser Eigeninteresse hin zum ökologischen Selbst, zu dem auch die anderen Wesen im Leib der Erde gehören, erweitern wir damit auch unser Zeitfenster. Ziele und angestrebte Erfolge müssen wir nicht mehr allein auf das gegenwärtige Leben beziehen; wir erweitern unseren zeitlichen Kontext. Das Leben, das uns durchströmt, das unser Herz schlagen lässt und in unseren Lungen atmet, hat nicht erst mit unserer Geburt oder unserer Empfängnis begonnen. Es geht es zurück auf die Anfänge der Zeit, auf die erste Teilung, das erste Kreisen der Sterne, wie jedes noch so kleine Teilchen in jedem Atom und Molekül unseres Körpers.

So hilft uns das Ergrünen des Selbst, wieder heimisch zu werden in unserer Zeit. Wir können uns die Geschichte des Lebens auf der Erde zu Eigen zu machen, sie als unsere eigene Geschichte begreifen. Wir waren zugegen in dem ersten Feuerball, dann in den Regenwolken, die auf dem noch glühenden Planeten verdampften und später in den Fluten der Urmeere. Im Schoß unserer menschlichen Mutter erinnern wir uns an diese Reise. Bevor wir uns weiterentwickelten, bildeten wir Ansätze von Kiemen, Schwänzen und Flossen aus. Unter den äußeren Schichten des Neokortex und jenseits von dem, was wir in der Schule gelernt haben, ist diese Geschichte in uns – die Geschichte unserer Verwandtschaft mit allem Leben, und sie erschließt uns Stärken, die wir niemals erträumt hätten. Nehmen wir diese Geschichte an, als tiefstes Verständnis von dem, wer wir sind, kommt eine Freude auf, die uns helfen wird, zu überleben.

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