"Spuren, Elfen und andere Erscheinungen" von Bernd Stiegler (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Martin Frischknecht

Spuren, Elfen und andere Erscheinungen

Bernd Stiegler

Gebunden

€ 22,99 inkl. MwSt.
Sherlock und die Geister

Sherlock Holmes ist ein fantastischer Detektiv, dem so gut wie alles gelingt. Sein Erfolg mit komplizierten Fällen dürfte mit ein Grund dafür sein, dass sich seine Krimis derart prächtig verkauften und die Gestalt des englischen Privatdetektivs im London vor hundert Jahren noch heute auf den Bildschirmen Triumphe feiert. Holmes’ Ermittlungsmethode ist streng rational. Der unerschrockene Detektiv macht sich immer wieder einen Spass daraus, seinem Assistenten Doktor Watson zu gegebener Zeit in einer Art von geflüstertem Rap eine überraschende Indizienkette zu präsentieren, worauf der scheinbar unlösbare Fall die entscheidende Wendung nimmt.

Man müsse die Dinge bloss nüchtern sehen, so, wie sie sind. Er tue das mit der unbestechlichen Gewissenhaftigkeit einer Kamera, entgegnet der Analytiker den Fragezeichen in Watsons Augen. Aufnehmen, ordnen, kombinieren – und schon ist der Fall gelöst.

Hobbyfotograf

Die Kamera als unbestechlicher Apparat der Wahrnehmung, diese Vorstellung hat die Menschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts beflügelt, als die Kunst der Fotografie den Kinderschuhen entwuchs und sich Amateure daran machten, sie in alle Ecken der Welt, in sämtliche Sphären der Gesellschaft zu tragen. Arthur Conan Doyle, der nachmalige Autor der Holmes-Krimis, war ein begeisterter Hobbyfotograf, seine ersten Texte veröffentlichte der schottische Arzt in den 1880er Jahren im British Journal of Photography.

1887 erschien die erste Geschichte um den Londoner Privatdetektiv. Die Beschreibung seiner Figur gelang Doyle derart überzeugend, dass er es bald mit Horden von Lesern zu tun bekam, die überzeugt waren, bei Holmes müsse es sich um einen Menschen in Fleisch und Blut handeln. Trotz anhaltenden Erfolgs war der Autor seiner Figur bald überdrüssig. Zunächst forderte er vom Verleger ein übermässiges Honorar. Als ihm dieses ausbezahlt wurde, schickte er Sherlock Holmes 1893 in einem Ringen mit seinem grössten Widersacher bei den Reichenbachfällen in Meiringen/BE in den Tod.

Nun hatte Doyle Zeit und Geld, um sich seiner wahren Berufung zuzuwenden: der Welt der Geister und des Geistigen. Mit dieser Vorliebe stand er im viktorianischen Grossbritannien keineswegs alleine da. Die damals stark aufkommende spiritistische Bewegung hatte auf einen Propagandisten seines Kalibers nur gewartet. Zur Aufklärung einer Geistergeschichte (Der Hund von Baskerville) liess Doyle nach der Jahrhundertwende zwar kurzfristig Sherlock Holmes auferstehen. Doch dann trat die neue Figur des Professor Challenger auf den Plan, und die erlaubte ihm weit grössere Freiheiten. Challenger führte eine Expedition auf ein geheimnisvolles, bis dahin unbekanntes Plateau, wo die unerschrockenen Forscher auf Die vergessene Welt lebender Dinosaurier stiessen. Michael Crichtons knapp hundert Jahre später veröffentlichter Thriller Jurassic Park lässt grüssen.

Zur Bewerbung seines Romans begab sich Doyle auf eine ausgedehnte Lesereise. Der Clou eines jeden Auftritts war die Vorführung von Lichtbildern, welche die Expeditionsteilnehmer umgeben von gefährlichen Urviechern zeigten. Wie war das möglich? Das Publikum staunte, und nicht wenige hielten das, was sie scheinbar so wahrheitsgetreu vor sich auf der Leinwand sahen, für schauderliche Wirklichkeit irgendwo im Innern Südamerikas.

Jenseitskontakte

Und es kam noch toller: Der nach seinem Einsatz im Burenkrieg geadelte Sir Conan Doyle, dessen Frau im Familienkreis als Medium wirkte, hielt landauf, landab Vorträge über die Wirklichkeit einer jenseitig-geistigen Welt namens «Summerland». «Die Erde ist erkundet worden, die Sterne analysiert. Die einzig verbliebene grosse, unbekannte Region ist das mysteriöse Land der lebenden Toten», kommentierte ein kritischer Zeitgenosse die Konversion des populären Schriftstellers in einem Artikel unter dem Titel: «Ist Conan Doyle verrückt geworden?»

Doch verrückt war er keineswegs. Doyle machte damit bloss Interessen öffentlich, denen er als Freimaurer, regel­mässiger Besucher von Séancen und Mitglied mehrerer spiritistischer Vereinigungen bereits seit Jahrzehnten gefrönt hatte. Von der Wirklichkeit der geistigen Welt war der Schriftsteller fest überzeugt. Zum Beweis legte er dem Publikum zunehmend Fotografien vor, auf denen Zeitgenossen zu sehen waren, die auf geheimnisvolle Weise von Wesenheiten und Gesichtern von Verstorbenen umgeben waren. Während auf dem Kontinent die Schlachten des Ersten Weltkriegs tobten, zeigte Doyle, der im Krieg den eigenen Sohn verloren hatte, Lichtbilder, auf denen Hinterbliebene flankiert von den Geistern Gefallener posierten.

Auch wenn ihm längst nicht alle folgten und er im legendä­ren Magier Harry Houdini einen prominenten Widerpart fand, blieb Doyle von der Wirklichkeit der geistigen Welt und deren Beweisbarkeit überzeugt. Als ihm die Fotografien zweier Mädchen in die Hände fielen, welche diese im Garten eines englischen Landhauses in Cottingley umgeben von Elfen zeigten, reagierte er begeistert.

So kam es, dass Conan Doyle in der Weihnachtsausgabe des Strand Magazine das «epochale Ereignis» verkündete, nun sei es gelungen, Elfen zu fotografieren. Dass die beiden Mädchen ihre Elfen aus einem beliebten Kinderbuch auf Karton abgezeichnet und sie mit Hutnadeln an Gräser und Sträucher befestigt hatten, blieb jahrzehntelang ein wohl gehütetes Geheimnis. Erst mehr als sechzig Jahre später gestand eine der Cousinen die Fälschung ein, während die andere zumindest darauf beharrte, damals tatsächlich Feen gesehen zu haben.

Feen und Orbs

Bernd Stieger beschreibt Conan Doyles faszinierende Beschäftigung mit Fotografie und Geistern in einem vor Kurzem erschienenen Sachbuch frei von Häme. Dem deutschen Literaturwissenschaftler geht es darum, den weiteren Zusammenhang zwischen Kamera, Wahrnehmung und Wirklichkeit zu beleuchten. Nicht in jeden Winkel der dazu bemühten Theorien folgt man ihm mit anhaltendem Interesse. Doch – wenn schon, denn schon – der Band ist reich illustriert und bietet manchen Augenschmaus.

Wer nun lächelt und denkt, in Zeiten von Selfie und Photoshop sei unsere Beschäftigung mit Bildern eine derart nüchterne geworden, dass wir uns längst nicht mehr von geistigen Erscheinungen gefangen nehmen und hinters Licht führen liessen, der sei an eine Welle erinnert, die nach einiger Faszination vor Kurzem erst abklang: Orbs. Erinnern Sie sich noch an die geheimnisvollen Lichtpunkte, die bedeutungsschwer auf manch einer nächtlich geschossenen Farbfoto auftauchten? Wie hochfliegend waren doch die Erklärungen, welche in der esoterischen Szene bald zirkulierten. Und wie schnöde schliesslich die physikalisch optische Erklärung des aufregenden Phänomens.

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