"Stoff-Wechsel" von Hermann Fischer (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Connection. Rezension von Rupert Neudeck

Stoff-Wechsel

Hermann Fischer

Gebunden

€ 19,95 inkl. MwSt.
Seit über einem Jahrhundert herrscht die erdölbasierte »harte Chemie« nahezu unangefochten, und in der Produktion von 90 Prozent aller Alltagsgüter sind die Giftstoffe der Petrochemie immer noch allgegenwärtig. Die Folgen für Natur und Umwelt werden gern heruntergespielt. Auch bei Alltagsgegenständen ist analog zum Energiewandel ein »Stoff-Wechsel« hin zu erneuerbaren Rohstoffen möglich, wegen der Endlichkeit von Erdöl und Gas nahezu unvermeidlich. Ob bei Baustoffen, Farben oder Verpackungen, bei Textilien, Kosmetika oder im modernen Automobilbau, die Potenziale einer »solaren Chemie« warten nur darauf, ausgeschöpft zu werden.

Das Überzeugende des Buches von Hermann Fischer liegt besonders in den Kapiteln, in denen wir mit unseren Lebens-Alltagsgewohnheiten und Abläufen angesprochen werden: Wie weit wir von der Alltagschemie schon lange beherrscht sind. Das ist wissenschaftlich beschrieben und gleichzeitig erschreckend alltäglich.

Chemielabor Badezimmer

»Im Badezimmer« ist ein Kapitel überschrieben: »Noch schlaftrunken suchen wir beim Klingeln des Weckers die Taste zum Ausstellen und berühren damit das erste chemische Produkt: das Gehäuse des Weckers aus ABS Kunststoff.« ABS ist die gängige Abkürzung für AcrylInitril Butadien-Styrol-Copolymerisat. Das Material sei praktisch zu 100 Prozent aus Erdöl hergestellt, dass unsere erste Begegnung auch eine mit der heute vorherrschenden Petrochemie ist. Das geht so weiter mit Badezimmerartikeln.

Sind wir dem »Chemielabor Badezimmer« wohlduftend entronnen, dann hoffen wir natürlich, beim Frühstück eine von Synthesechemie freie Zone zu treffen. Aber auch das kommt nicht in Frage. Viel synthetische Chemie steckt im Lebenslauf der Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen. Nahezu alle Lebensmittel, selbst Obst und Gemüse, werden meistens in einer Plastikverpackung verkauft.

Die Verpackungskunststoffe werden trotz aller verfügbaren Polymere aus nachwachsenden Rohstoffen fast immer noch auf Erdölbasis hergestellt. Nachdem wir die Verpackung geöffnet haben, kommen sie in den Kühlschrank. Deren Kühlmittel seien nicht mehr aus den extrem die Ozonschicht schädigenden Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW). Das wurde ja schon 1991 verboten. Damals gab es den üblichen Aufschrei der Industrie. Bei Kühlanlagen sei FCKW »absolut unverzichtbar und alternativlos«. Heute würden FCKW-freie Kühlschränke verglichen mit den FCKW-haltigen der 80er Jahre ein Mehrfaches an Energieeffizienz erreichen.

Wo Gummi drauf steht, ist kein Gummi drin

Die Kombination verschiedener Verpackungsmaterialien wie Pappe, Aluminium und Polyethelen sei nicht zu recyceln und auch nicht kompostierbar. Bei allen Verrichtungen und Gewohnheiten des Tages diagnostiziert der Autor: »Chemie ohne Ende«. Fast hinter jedem Gebrauchsgegenstand stecke ein chemisches Produkt und damit eine Herausforderung für die Zukunft. Die Zahl der Chemieprodukte steigert sich auch noch, wenn wir vom Frühstückstisch im Büro oder in der Schule angekommen sind. Computertastatur, Maus, Telefonhörer, Filzstifthüllen oder Kugelschreiber: Alles hat ein Gehäuse aus Kunststoff.

Man kann auch sagen: Selbst da, wo Gummi draufsteht, ist kein Gummi drin. Das, was wir noch Gummistiefel nennen, hat zumindest keine Bestandteile an echtem Naturkautschuk. Stattdessen bestehen die Gummistiefel aus Polyvinylchlorid (PVC), eine wie der Autor sagt – problematische Stoffgruppe, die als hormonartig wirkende Substanzen störend in das Konzert der körpereigenen Botenstoffe eingreifen und die toxische Wirkung anderer Chemikalien potenzieren. PVC sei zudem schlecht abbaubar, verbleibe lange in der Umwelt und werde Bestandteil des berüchtigten »pazifischen Müllstrudels«, der aus vielen Millionen Kilogramm Plastikresten besteht.

Die solare Chemie

Und dann gibt es die Lösung unserer Probleme mit einer solaren Chemie, die in der Natur stattfindet, in der Fotosynthese. Die Ausgangsstoffe dieser Natur-Chemie gehören zu den einfachsten Stoffen, die wir kennen: Kohlendioxid und Wasser. Es wird an manches Stellen sehr berechtigt philosophisch. Der nonchalante Umgang der Biosphäre mit den begrenzten Rohstoffen Erdöl und Erdgas sei nicht rational zu begreifen.

Aber: Wie stehe es mit der Langzeitstabilität unseres eigenen Produktionsmodells und hat die Evolution nicht gute Gründe dafür, nicht aus allem immer das Höchstmögliche herausholen zu wollen? Geradezu hymnisch verändert sich die Sprache des Chemikers. Die Ausgangsstoffe des natürlichen Syntheseprozesses seien allgegenwärtig kostenlos, während die Endprodukte einen tausendfach höheren Wert darstellen. Die für diese gigantische Syntheseleistung notwendige Energie liefere uns die Sonne »völlig kostenlos«.

Es gibt keine Alternative zu der solaren Chemie, denn die Erdölvorräte gehen zur Neige. Selbst wenn es keine Möglichkeit gäbe, die derzeit petrochemisch verbrauchten Rohstoffmengen biogen zu ersetzen, müsste trotzdem ein Konzept gefunden werden, um den Verbrauch zu verringern. Es sei offenkundig, dass Erdöl als Rohstoff für die chemische Industrie in Zukunft nur noch für Spezialzwecke, aber nicht mehr für Massenprodukte eingesetzt werden darf.

In der Mitte des Buches kommt Hermann Fischer auf den Bergingenieur und Romantiker Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis zu sprechen, der die mentale Verfasstheit prophetisch in Worte gefasst hat: »Wie seltsam, dass gerade die heiligsten Erscheinungen der Natur in den Händen so toter Menschen sind, als die Scheidekünstler (d.h. Chemiker) zu sein pflegen! Sie die den schöpferischen Sinn der Natur mit Macht erwecken, nur ein Geheimnis der Liebenden, Mysterien der höhern Menschheit sein sollte, werden mit Schamlosigkeit und sinnlos von rohen Geistern hervorgerufen, die nie wissen werden, welche Wunder ihre Gläser umschließen«.

Damit meinte der Autor die Zwangsläufigkeit und Prägung zum Stoff-Schöpfer als Stoff-Zerstörer. Das Buch ist ganz aktuell. Die EU-Richtlinie für das Verbot von konventionellen Plastiktüten scheiterte 2012 auf Grund rechtlicher Bedenken. »Stattdessen konnte eine Pflichtabgabe auf jede nicht kompostierbare Plastiktüte den heute hohen Verbrauch des umweltbelastenden Wegwerfartikels deutlich senken«. In Irland habe eine solche Abgabe seit 2002 zu einem 90-prozentigen Verbrauchsrückgang geführt. Ein erkenntnisreiches und praktisches Buch.

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