„Wahre Freiheit“ von Jack Kornfield (Rezension)

Rezension von Martin Frischknecht auf www.spuren.ch

Wahre Freiheit

Jack Kornfield

Gebunden

€ 22,99 inkl. MwSt.
Jack Kornfield gehört zur ersten Generation von Sinnsuchern, die aus einem asiatischen Kloster in den Westen zurückkehrten und bei uns die buddhistische Einsichtsmeditation lehren. Wer bei ihm einen Kurs besucht, lässt sich auf ausgedehnte Zeiten des achtsamen Sitzens und Schweigens ein; die vielen Gedanken und Geschichten, die einem so durch den Kopf gehen, werden dabei idealerweise weniger, und sie verstummen. Doch Jack Kornfield ist ein begnadeter Erzähler, die Lehrgeschichten, die er in seinem neuen Buch «Wahre Freiheit» (O.W. Barth, München 2018) ausbreitet, sind eine kostbare Sammlung an Weisheiten. Das eine braucht das andere eben nicht auszuschliessen, und gerade Kornfields Menschlichkeit und Herzensgüte sind Qualitäten die uns dabei untersützen können, inspiriert von seinen Geschichten die Stille zu finden.

 

 

Leseprobe aus: Wahre Freiheit von Jack Kornfield

Die Freiheit des Unvollkommenen

Alles in dieser Welt ändert und erneuert sich. Wir sind ein Fliessen von Yin und Yang, von Sinneswahrnehmungen und Träumen, ein vielschichtiger Strom von Gefühlen und Gedanken. Folgerichtigkeit ist die Domäne der Presseverlautbarungen, Ungereimtheit die des Lebens. Lassen Sie es gut sein. Nehmen Sie das Paradoxon von Wandel und Ewigkeit gelassen, ohne Angst oder Urteil. Dann werden Sie sehen, dass diese unvollkommene Welt Freuden einer anderen Art bietet.

Wir haben die Freiheit, ganz und gar wir selbst zu sein. Wir haben das Lachen der Weisen, wir können unter allen Umständen wählen, welchen Geist wir ausstrahlen wollen. Und es steht uns frei, trotz allem zu lieben, in all der grossartigen, erschreckenden, nie versiegenden Schönheit zu lieben. Wir haben die Weisheit und den Mut, in diesem flu?chtigen Spiel der Tage ganz da zu sein.

Ajahn Chah hielt seine geliebte chinesische Teeschale hoch und sagte: «Für mich ist sie schon zerbrochen, und so kann ich mit Wonne aus ihr trinken und sie in Ehren halten. Sollte sie vom Tisch fallen, habe ich bereits erkannt: Das ist der Lauf der Dinge.»

Die Realität verlangt Flexibilität. Man kann zurückrudern, etwas wiederholen, seine Meinung ändern, etwas Neues lernen, nachgeben, umschwenken, verlieren und finden, eine andere Tür probieren, umkehren, einen neuen Weg einschlagen und alles in Massen tun, auch Mässigung.

Man kann lernen, wissbegierig präsent zu sein, um zu sehen, was als Nächstes passiert. Lernen Sie, Fehler leicht zu nehmen, zu vertrauen, auch zu scheitern, sich von etwas Grösserem tragen zu lassen.

Giacomo Rossini erzählte von einem Missgeschick, das ihm beim Komponieren seiner Oper Moses in Ägypten unterlief: «Als ich den Chor in g-Moll schrieb, tauchte ich die Feder versehentlich in die Medizinflasche statt ins Tintenfass, sodass ein Klecks entstand. Als ich zum Trocknen Sand daru?berstreute, nahm das Geschriebene die Form eines Auflösungszeichens an. Dabei kam mir sogleich der Einfall, welchen Effekt der Wechsel von g-Moll zu G-Dur haben wu?rde, und so ist diesem Klecks die wunderschöne Wirkung des Chors zu verdanken.»

Die Freiheit des Unvollkommenen bringt Vergebung und Mitgefu?hl mit sich, uns selbst und anderen gegenüber. Einem jungen Offizier, der sehr hitzköpfig war, schlecht mit Stress umgehen konnte und schon wiederholt wegen seiner Wutausbrüche aufgefallen war, wurden von seinem Colonel acht Wochen Achtsamkeitstraining verordnet, damit er von seinem Stress herunterkäme. Nachdem er den Kurs schon einige Wochen besucht hatte, kaufte er auf dem Nachhauseweg noch ein. Er war wie so oft in Eile und schon ein bisschen genervt. Als er mit seinem Einkaufswagen zur Kasse ging, gab es überall lange Schlangen. Er stellte sich hinter eine Frau, die nur ein einziges Produkt im Wagen und ein kleines Kind auf dem Arm hatte. Das werde sicher schnell gehen, dachte er. An der Kasse angekommen, entspann sich jedoch ein Gespräch zwischen dieser Frau und der Kassiererin.

Schon ärgerte sich der Offizier wieder. Wie kam diese Frau dazu, alle anderen Leute aufzuhalten? Innerlich schnaubend, fragte er sich, wie die Leute nur so rücksichtslos sein konnten. Dann legte die Frau dieses Kind auch noch der Kassiererin in die Arme, die sich einen Moment Zeit nahm, um mit ihm zu gurren und zu schmusen. Er merkte, wie der Ärger in ihm brodelte, doch da er jetzt Achtsamkeitsschüler war, machte er sich die innere Hitze und Enge bewusst und spürte sein Unbehagen. Er atmete tief durch und entspannte sich. Als er den Blick wieder hob, sah er den kleinen Jungen lächeln. Und als er schliesslich an der Reihe war, sagte er zur Kassiererin: «So ein niedlicher kleiner Knirps»

«Finden Sie wirklich?», fragte sie strahlend. «Es ist meiner. Sein Vater war bei der Air Force und ist letzten Winter ums Leben gekommen. Deshalb muss ich jetzt Vollzeit arbeiten. Meine Mutter sieht immer zu, dass sie ihn ein-, zweimal am Tag vorbeibringt, damit ich ihn sehen kann.»

Wir sind schnell mit Urteilen bei der Hand. Das muss aber nicht so sein. Werfen Sie einen neuen Blick auf die Welt ringsum. In der Achtsamkeit sehen wir mit staunendem, zugewandtem Blick. Nietzsche beschreibt im Epilog zu Nietzsche contra Wagner, wie sich unser Herz jenseits aller Ideen und Ideale öffnen kann:

«Aus solchen Abgründen, auch aus dem Abgründe des großen Verdachts kommt man neugeboren zurück, gehäutet, mit einem feineren Geschmack für die Freude, mit einer zarteren Zunge für alle guten Dinge, mit lustigeren Sinnen, mit einer zweiten gefährlicheren Unschuld in der Freude, kindlicher zugleich und hundertmal raffinierter, als man je vordem gewesen war.»

Es ist eine Einladung zur Freiheit!

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