"Zen – Die unlehrbare Lehre" von Stephan Schuhmacher (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Sagita Lehner

Zen, die unlehrbare Lehre

Stephan Schuhmacher

Gebunden

€ 19,99 inkl. MwSt.
«Zen – Die unlehrbare Lehre» ist kein tausendseitiges Werk, dessen Autor mit einer gewissen Häme auf seine ratlosen Leser herunterblicken würde. Im Gegenteil gelingt Stephan Schuhmacher eine unterhaltsame, aber deswegen nicht weniger präzise Einführung in das zeitlose Gebiet der Zen-Tradition. Dabei gibt er nicht nur zu verstehen, dass er im Grunde nur nacherzählt, was er in den zwanzig Jahren bei seiner Lehrerin vernommen hat, sondern er getraut sich auch, den «spirituellen Materialismus» sowie die in Europa üblich gewordene Schnellbleiche für Dharma-Nachfolger anzuzweifeln. Für jene, die «Zen» mit dem japanischen Wort für Ruhe und Wellness verwechselt haben, ein harter Schlag! Schumachers erfrischend authentisches Werk darf als Kickstarter zum Fingerzeig auf den Mond verstanden werden.

Buchauszug aus: «Zen – Die unlehrbare Lehre»

Katze aus dem Sack

Etwa 1000 Jahre nach Buddha Shakyamuni und Mahakashyapa langte ein geheimnisvoller Fremder zu Schiff in Südchina an. Er kam aus dem für Chinesen westlich gelegenen Indien, und da die Chinesen jener Tage – nicht anders als die meisten Menschen bis auf den heutigen Tag – geneigt waren, ihr eigenes Dorf für den Nabel der Welt und alles Fremde für äußerst suspekt zu halten, wurde er unter dem Spitznamen »Der Barbar aus dem Westen« bekannt.

Zahllose Zen-Gemälde aus späteren Jahrhunderten stellen ihn als imposante Gestalt mit einem dichten dunklen Bart, buschigen Augenbrauen, wulstigen Lippen, stechendem Blick, einem Ring im Ohrläppchen und einem grimmigen, beinahe Furcht einflößenden Gesichtsausdruck dar: ein Bursche, dem man nicht im Dunkeln begegnen möchte! Eher ein Pirat oder Straßenräuber als der »buddhistische Mönch«, der er vorgab zu sein. Und tatsächlich erwies er sich als Räuber – einer, der wenigstens einem Chinesen alles raubte, was der besaß, bis hin zu den für das Überleben seines Ichs grundlegendsten Vorstellungen von seinem eigenen Geist. Aber, typisch für das Zen, ausgerechnet dieser Wegelagerer namens Bodhidharma sollte als 28. Patriarch der indischen Linie des einst von Mahakashyapa realisierten Wahren Dharma nun in China zum ersten chinesischen Patriarchen des Chan werden.

Als er in der heutigen Hafenstadt Kanton in Südchina landete, war er erst einmal nur einer unter vielen buddhistischen Mönchen aus Indien, die schon seit einigen Jahrhunderten

nach China gekommen waren. Sie hatten dort seit dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung den Buddha-Dharma verbreitet, unter anderem durch die Mitarbeit an wegbereitenden Übersetzungen der heiligen Schriften des Buddhismus – vor allem der wichtigsten Sutras des Mahayana, des »Großen Fahrzeugs«, wie jene Strömung der buddhistischen Lehre und Praxis genannt wird, auf der auch Bodhidharma nach China reiste. Das hatte bereits gut einhundert Jahre vor der Ankunft Bodhidharmas zu einer ersten Blüte des Buddhismus in China geführt.

Der »Barbar aus dem Westen« zeichnete sich nun, wie wir noch sehen werden, nicht gerade durch besonderen missionarischen Eifer aus und scheint sich auch sonst nicht

besonders hervorgetan zu haben. Trotzdem muss er, wie einst Shakyamuni Buddha nach seinem großen Erwachen, irgendetwas ausgestrahlt haben, das die Leute auf den Gedanken

kommen ließ, er könne im Besitz eines Schatzes sein. Das Gerücht sprach sich herum und kam auch dem Kaiser Wu der im Südreich regierenden Liang-Dynastie zu Ohren, und der lud Bodhidharma ein, an seinen Hof in Nanjing zu kommen: er solle dort dem Kaiser sein Verständnis der buddhistischen »Religion« darlegen – was er denn auch gründlich tat.

Eine Religion ohne Heiligkeit

Der Kaiser Wu hatte bereits einiges zur Etablierung der erhabenen Lehre des Buddha-Dharma in China beigetragen, hatte buddhistische Meister gefördert und Klöster bauen lassen. Er hatte sich sogar selbst zum Mönch ordinieren lassen und hatte einige meditative Erfahrungen gemacht. Er war also ein gestandener Buddhist und meinte nun, dass er sich mit all dem guten Karma, das er dadurch angehäuft hatte, mindestens eine gute Wiedergeburt (wenn nicht gar die Erleuchtung?) verdient habe – auf jeden Fall aber das Lob und die Anerkennung eines wandernden Mönchs aus dem Heimatland des Buddhismus. So fragte er Bodhidharma also bei ihrer ersten Begegnung: »Wir haben Klöster gebaut und Mönche bestätigt; was für ein Verdienst wird Uns dafür?«

Das war die Chance für Bodhidharma, es jetzt vielleicht zum Abt eines eigenen, vom Kaiser geförderten Klosters zu bringen und damit für den Rest seines Lebens ausgesorgt zu haben. Jetzt dem Kaiser etwas Honig um den Bart geschmiert, und er hätte, wenn er schon nicht an einer materiell gesicherten Lebenssituation interessiert war, sich doch vielleicht als Lehrmeister des Kaisers und damit »Lehrer der Nation« etablieren können. Welch wunderbare Gelegenheit, sich um den Buddhismus und seine Verbreitung in China verdient zu machen – denn wozu hatte er schließlich die beschwerliche Reise auf sich genommen und war aus dem Westen nach China gekommen? … Und was antwortete er dem Kaiser? Zwei knappe Wörtchen: »Kein Verdienst!«

Ja ist denn das zu fassen: offenbar wirklich ein »Barbar« – kein bisschen Höflichkeit! Dem Kaiser von China so etwas an den Kopf zu werfen – nur um bei der Wahrheit, der essenziellen Wahrheit des »Schatzes des Auges des Wahren Dharma« zu bleiben –, hätte Bodhidharma leicht den Kopf kosten können. Aber das schien ihn nicht im Geringsten zu kümmern. Vielleicht hatte dieser Barbar aus dem Westen ja doch etwas Besonderes zu bieten, etwas, das über die orthodoxe Lehre von Ursache und Wirkung, von guten Taten und dadurch erworbenen Verdiensten hinausging?

Der Kaiser schien beeindruckt – und war souverän genug, ihm eine zweite Chance zu geben. Jetzt allerdings gab er sich nicht mehr mit »Peanuts«, ein paar anerkennenden Worten oder einer Belehrung über die karmischen Konsequenzen guter Taten, zufrieden. Jetzt sollte Bodhidharma auspacken, sein Schatzhaus öffnen und ihm die Perle des Wahren Dharma überreichen. In dem Klassiker Biyanlu, der »Niederschrift von der Smaragdenen Felswand«, heißt es (in der Übersetzung von Wilhelm Gundert):

Wu-Di von Liang fragte den Großmeister Bodhidharma:

»Welches ist der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit?«

Bodhidharma sagte: »Offene Weite – nichts von heilig.«

Peng! Noch so eine Ohrfeige! Da sagt dieser aus dem Westen hergelaufene Mönch dem Kaiser ins Gesicht, dass alle seine Vorstellungen von der erhabenen Lehre des Buddhismus, von etwas Heiligem, das die schnöde profane Wirklichkeit übersteigt, falsch sind, dass sie an der Wahren Wirklichkeit einfach vorbeigehen – ebenso wie die Vorstellungen von einer »Heiligen Wahrheit«, deren höchsten Sinn man in Klöstern und anderen Institutionen einfach so mitteilen kann: »Also, der Höchste Sinn der Heiligen Wahrheit ist, nach Kapitel X und Y und Z dieser und jener heiligen Schriften mit den Aufzeichnungen der authentischen Worte des großen Erleuchteten Shakyamuni Buddha, Folgendes: …« – Oder hatte Bodhidharma dem Kaiser die Perle tatsächlich auf dem offenen Handteller präsentiert, und dieser verstand es nur nicht, zuzugreifen?

Dem Kaiser Wu wurde dieser Bursche langsam unheimlich. Was glaubte der wohl, wer er sei, dass er sich hier so aufführen konnte wie die Axt im Walde? Da musste er schon einiges an Autorisierung vorzuweisen haben, um damit davonzukommen – vielleicht ein Diplom einer in China bisher nicht bekannten esoterischen Schule des Buddhismus? Also fragte der Kaiser weiter: »Wer ist das Uns gegenüber?« Jetzt hätte Bodhidharma die ganze Situation zum Wohle der Verbreitung seiner »Lehre« vielleicht doch noch retten können, wenn er dem Kaiser erklärt hätte, er sei der 28. Patriarch einer Schule des Buddhismus, die für sich in Anspruch nehme, die Essenz des Buddha-Dharma, nämlich das Erwachen selbst, den Schatz des Auges des Wahren Dharma, zu bewahren und zu übermitteln. Wenn er das Wesen des Dhyana-Buddhismus, als dessen Abgesandter er nach China gekommen war, dem Kaiser mit den Worten erklärt hätte, die ihm (wahrscheinlich) von späteren Generationen in den Mund gelegt wurden:

Eine besondere Überlieferung außerhalb der orthodoxen Lehre:

Unabhängig von heiligen Schriften

deutet sie unmittelbar auf des Menschen Herz

und führt zur Schau des eigenen Wesens und zur Buddha-Werdung.

Nun, wir ahnen schon, dass der Barbar aus dem Westen sich treu bleibt und keine Zugeständnisse an die relative Verständnisebene des Kaisers macht. Vielmehr antwortet er diesem auf die Frage »Wer seid Ihr, mein Herr, Uns gegenüber?« wieder knapp und klar von der Ebene der absoluten Wahrheit: »Weiß nicht.«

Jetzt ist die Katze aus dem Sack: ein Ignorant! – Einer der, einsam und arm wie einst Shakyamuni Buddha, nichts mehr besaß und der durch die Erfahrung des Erwachens »wahrlich nichts hinzugewonnen« hatte, das er dem Kaiser hätte übermitteln können – schon gar nicht, solange es für diesen noch ein »Gegenüber« gab.

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