Ziellos glücklich – Roland Rottenfußer

Improvisation ist die Kunst, Sicherheit im Umgang mit der Unsicherheit zu gewinnen. Das Bedürfnis, alles planen und kontrollieren zu können, entspringt einer existenziellen Angst. Wer sie überwinden will, muss lernen, loszulassen und sich dem Fluss des Lebens hinzugeben.


von Roland Rottenfußer

«Sie haben sich ein persönliches Ziel gesetzt und möchten alles für sein Erreichen tun? Dann ist das Visualisieren eine gute Hilfe für Sie. Denn wann immer Menschen ein klares Ziel vor Augen haben, gehen sie stetig auf das Gewünschte zu.» Kommt Ihnen diese Mentaltechnik bekannt vor? Bestimmt, denn was die Internetseite «NLPCoach» hier beschreibt, steht so oder so ähnlich in unzähligen esoterischen und therapeutischen Ratgeberbüchern. Wer ohne Ziele sei, so heisst es, habe keine Richtung im Leben. Erfolg, Reichtum und Glück seien folglich für ihn unerreichbar. Nur wer sich erwünschte Zustände mit allen Sinnen vorstellen könne – so als seien sie schon Realität –, wandele auf der Siegerstrasse.

Zielvereinbarungen sind auch eine viel gepriesene Managementtechnik. In einem Ratgeber-Artikel für Vorgesetzte im Öffentlichen Dienst werden detaillierte Anweisungen gegeben, wie Chefs mit Mitarbeitern erfolgreich Motivationsgespräche führen können. Von «W-Fragen» ist da die Rede («Was?», «Warum?», «Weshalb?»), von «aufmunternder Mimik und Gestik» und von der so genannten SMART-Regel. Ziele, so erfahren wir, sollen Spezifisch, Messbar, Attraktiv und Realisierbar sein. Natürlich gehören zu einer ordentlichen Mitarbeiterführung auch Soll-Ist-Vergleiche und jährliche, noch besser vierteljährliche Updates.


«Nichts darf bleiben wie es ist»

Man mag über das Management-Vokabular lächeln, das eigentlich ganz natürliche Vorgänge in Power-Point-Phrasen übersetzt. Sicher ist aber, dass ein solches Denken in unserer Effizienzkultur Macht über das Denken und Handeln vieler Menschen besitzt. Zweifellos werden Zielvereinbarungen auch zur Manipulation verwendet. Aber auch wer sich aus eigenem Antrieb Ziele setzt, trifft damit zugleich die Aussage: «So wie es jetzt ist, kann es auf keinen Fall bleiben.» Ziele bedeuten auch eine ständige Entwertung des gegenwärtigen Augenblicks. Veränderungen können natürlich für Firmen unter bestimmten Umständen notwendig sein; ständig neue Ziele können für Mitarbeiter, die ohnehin schon tun was sie können, auch eine indirekte Kränkung bedeuten.

Manchmal wird der im Zinssystem «eingebaute» permanente Wachstumsdruck einfach von der Sphäre des Geldes auf die der menschlichen Persönlichkeit übertragen. Wachsen ist zwar eine natürliche Funktion allen Lebens, «wachsen müssen» dagegen ist widernatürlich. Es ist ob man an Grashalmen zieht, aus Ungeduld darüber, dass sie nicht schnell genug wachsen. Ausserdem verleugnet eine solche Ideologie Stagnations- und Schrumpfungsprozesse, die im Leben ebenso natürlich sind wie Wachstum.


Mit Scheuklappen ans Ziel

In einem Verlagshaus, wo ich arbeitete, durfte ich einmal einen echten Erfolgstrainer bei einem Vortrag erleben. Er betonte stets seinen unbedingten Glauben an seine Ziele und unterstützte seine Worte mit energetischer Gestik und Mimik. Jeder solle sich Ziele setzen, sagte er, und brachte das Beispiel einer Lokomotive, die man auf Schienen setzt, damit sie bis zum Schluss nicht von ihrem einmal gewählten Kurs abweicht.

Mich beängstigt dieses Beispiel eher. Ich möchte lieber am Steuer eines Autos sitzen. Gewiss habe ich meistens ein attraktives Reiseziel vor Augen. Aber ich möchte meinen Wagen auch anhalten können, wenn ich am Wegrand ein schönes Fleckchen Erde sehe, wo ich gerne raste. Und ich möchte die Möglichkeit haben, einen neuen Bestimmungsort anzusteuern, wenn ich spüre, dass mein Ziel sich auf dem Weg verändert hat. Diese Fertigkeit, das Ziel an jedem Punkt des Weges immer neu zu definieren, kann man auch «Improvisation» nennen.


Keine Wünsche, kein Streben, keine Ziele

Laotse, der Verfasser des Tao Te King, war Verfechter eines eher improvisierten Lebensstils: «Erzeuge, aber nimm nicht in Besitz; handle ohne Erwartung». Einer seiner bekanntesten Begriffe ist «Wu Wei – Nicht-Tun». Gemeint ist ein gelassenes, absichtsloses Fliessen mit dem Auf und Ab des Lebens. Sehr radikal wendet sich etwa der Taoist Theo Fischer in seinem Buch «Wu Wei» gegen Ziele. «Sie können jegliche Zielsetzung aus Ihren Gedanken streichen, denn wenn Sie aufmerksam im Hier und Jetzt dem Lauf des Lebens folgen, trägt Sie dieses an jeden beliebigen Ort, an jedes Ziel, bevor Sie es sich überhaupt vorstellen können. Ja, es ist unerlässlich, dass Sie Ihre Motive, Ihr eigenes Streben, Ihren Wunsch, etwas zu werden, was Sie noch nicht sind, aufzugeben.»

Keine Wünsche, kein Streben, keine Ziele? Das ist eine Provokation für moderne Menschen, die am liebsten alles unter Kontrolle haben möchten. Wenn wir damit aufhören, uns Ziele zu setzen, «verzichten» wir damit nur auf eine Macht, die wir nie wirklich besassen. Das-was-geschehen-will sträubt sich dagegen, dass wir unsere Zukunft in die engen Bahnen unseres gegenwärtigen Vorstellungsvermögens pressen. Wenn unser Leben eine mechanische Aufeinanderfolge von Wünschen und deren Erfüllung wäre, dann bliebe kein Raum mehr für das Ungeahnte. Wir sollten nicht versuchen, das Leben unseren Zielen unterzuordnen, sondern im Gegenteil die Ziele dem Leben angleichen – und Lebendigkeit bedeutet immer Veränderung.


Die Vergeblichkeit von Regeln

Einen ähnlich aussichtslosen Kampf gegen die hartnäckig chaotische Tendenz des Lebens führen wir Menschen mit Hilfe von Regeln. In unserem Wohnumfeld sind wir meistens von Hausordnung, Gemeindeordnung und einem wahren Schilderwald umzingelt. Was dabei verloren geht, ist das intuitive Verständnis dafür, was in einer Situation angemessen ist. Ein stimmiges, sozialverträgliches Verhalten würde sowohl die eigenen Bedürfnisse als auch die der Nachbarn berücksichtigt und zwischen beiden einen Ausgleich herstellt. Die Fähigkeit, solche fairen, auf Konsens abzielenden Dialoge zu führen, ist weitgehend verloren gegangen. Ebenso die Freude am Handeln und Feilschen auf dem Markt. Wer Recht hat, ist immer schon vorab festgelegt, schwarz auf weiss nachzulesen und in Zement gegossen.

Was verloren gegangen ist, ist mit anderen Worten die Fähigkeit zu improvisieren. Warum eigentlich? Als ich einmal vor Jahren ein Improvisationstheater in München besuchte, kam ich ins Staunen. Die Schauspieler entwickelten aus Stichworten, die ihnen von Zuschauern zugerufen wurden, ohne nachzudenken kleine spontane Sketche. Ich stellte mir beim Zuschauen die Frage, ob auch ich dazu in der Lage wäre. Wahrscheinlich nicht, denn ich hätte einfach zu viel Angst. Die Scheu vor Improvisation resultiert aus der Angst vor Blamage, aus der Furcht vor aller Augen als fehlerhafter Mensch dazustehen. Wenn ich meinem ersten, spontanen Einfall nachgebe, könnte es ja passieren, dass aus der Tiefe meines Unbewussten etwas aufsteigt, was ich lieber unter dem Deckel gehalten hätte.


Die Angst vor Improvisation

Unsere ganze Kultur scheint auf die Vermeidung von Situationen hin ausgerichtet zu sein, die Improvisation erfordern. So versuchen wir uns ein lebenslanges Abonnement auf die «spontane» Zuneigung unseres Liebespartners zu sichern. Wir schliessen Verträge ab, die unsere finanzielle Situation bis zum Jahr 2040 planbar machen sollen. Wer seinen Kalender für 2010 nicht schon im November 2009 mit Terminen voll geschrieben hat, schämt sich, denn Termine bedeuten auch (scheinbare) Wichtigkeit. Der Alptraum eines Improvisationsmuffels wäre das Betreten eines völlig neuen Planeten. Plötzlich stünde er inmitten einer Landschaft, von der er keine Karte hat, durch die ihn keine Wege oder Gleise führen und deren Regeln er nicht kennt. Hinter jedem Stein, jeder Pflanze kann plötzlich etwas hervorstürzen, worauf er zu reagieren hätte. Und es ist ungewiss, ob seine Kräfte ausreichen würden, um dieses unerhört Neue zu bewältigen. In Science-fiction-Filmen oder in Videospielen finden wir dergleichen spannend. Privat geben wir meist der Sicherheit den Vorzug gegenüber dem Abenteuer.

Eckhart Tolle und andere spirituelle Autoren habe die Philosophie des «Hier und Jetzt» in letzter Zeit sehr populär gemacht. Manchmal erscheint mir das Gerede von «diesem Augenblick» schon als eine abgenutzte, hohl gewordene Phrase. Was aber bedeutet »Hier und Jetzt» wirklich? Fragen Sie Menschen, die einmal in eine lebensbedrohliche Situation geraten sind. Oder Musiker. Zwei Dinge nämlich katapultieren uns mit traumwandlerischer Sicherheit in die Gegenwart: die Gefahr und die künstlerische Performance. Beide lassen einfach keinen Raum dafür, in Vergangenheit oder Zukunft abzuschweifen. Meist sind es Zustände angespannter Stille, in denen keine Worte nötig, keine Gedanken möglich sind. Aller Gedankenballast fällt von dem Betreffenden ab.


Improvisation befreit

Improvisation also ist, wenn wir sie nicht beherrschen, etwas Furchteinflössendes, wenn wir darin Meister werden, dagegen eine Befreiung. Nichts schützt wirksamer vor Lebensangst als das erlernte Vertrauen in unseren ersten, unmittelbaren Impuls. Improvisation gilt vielfach noch als bedauerliche Ausnahme von der Regel, in einem verplanten Universum zu leben. Wenn wir uns nur sorgfältig genug absichern, meinen wir, könnten wie meistens ohne sie auskommen. Dabei verdrängen wir die grundsätzliche Tatsache, dass Leben immer Improvisation ist. Dass wir genau genommen schon jetzt auf einem unbekannten Planeten voller Abenteuer wohnen.

Die Quantenphysik beschreibt das Bild eines Universums, das in jedem Augenblick vergeht und neu entsteht. Der Naturwissenschaftler Hans-Peter Dürr interpretiert das Weltbild der Neuen Physik so: «Die Zukunft ist offen. Die Welt wird in jedem Augenblick neu erschaffen, aber vor dem Hintergrund, wie sie vorher war.» Das Universum hat also offenbar nichts von einem Uhrwerk an sich, das – einmal aufgezogen – mit vorhersehbarer Präzision bis zu seinem Ende weiterläuft. Alles kann in jedem Augenblick geschehen, wenn auch in verschiedenen Abstufungen von Wahrscheinlichkeit. Wir können uns zwar tagelang in der Welt eines Computerspiels bewegen, seine Gesetze und Wesen kennen lernen und uns halbwegs vertraut fühlen; plötzlich aber kann der Computer abstürzen …


Abschied von der Scheinsicherheit

Vollkommene Sicherheit ist also eine Illusion. Es sei denn, wir finden zu einer höheren Stufe der Sicherheit, indem wir uns gleichsam in der Ungeborgenheit geborgen fühlen. Dies ist nur möglich, wenn wir uns aus unserer Mitte gehalten fühlen. Wir müssen in jedem Augenblick entscheiden lernen, welcher unserer Impulse aus dem «Tao» kommt und welcher aus einem «Scheinselbst», einem von Fremdsuggestionen und destruktiven Emotionen beherrschten Instanz. Wenn wir uns ganz diesem Tao anvertrauen und auf seine Stimme zu hören lernen, gibt es vielleicht manchmal noch Unannehmlichkeiten – aber es gibt keine Fehler mehr. Für die meisten von uns braucht das aber noch ein bisschen Übung.

Die Evolution selbst, sagt Hans-Peter Dürr, ist den Zielen nicht gewogen, sie erfordert vielmehr die Kunst der Improvisation: «Wer in der Evolution des Lebens mit ihren verrutschenden Zielen letztendlich überlebt, muss die Fähigkeit zum Spielen haben: Er darf sich nicht auf ein festes Ziel konzentrieren, sondern muss die Möglichkeit schaffen, verschiedenartigen zukünftigen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können. Dies verlangt Lebendigkeit, Flexibilität, Vermehrung der Optionen, anstatt der Maximierung einer bestimmten Option.» Was also bringt uns, wenn überhaupt, eine gewisse Sicherheit? Nur die Gewandtheit im Umgang mit Unsicherheit: Anders gesagt, die Kunst der Improvisation.

Autor: Roland Ruttenfußer

Der Artikel erschienen erstmals im sehr empfehlenswerten Magazin ZEITPUNKT (www.zeitpunkt.ch) – vielen Dank dafür!

Roland Rottenfußer, Jg. 1963, wurde in München geboren. Nach dem Germanistikstudium Tätigkeit als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage. Von 2001 bis 2005 Redakteur beim spirituellen Magazin „connection“. Momentan u.a. für Konstantin Weckers Webmagazin www.hinter-den-schlagzeilen.de und für den Schweizer „Zeitpunkt“ tätig.

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