Zurück zu religiösen Fastenlehren – Natascha Stevenson

© Natascha Stevenson
© Natascha Stevenson

Heilfasten finden wir alle eine tolle Sache, vor allem wenn wir körperlich oder mental angeschlagen sind und uns auf diese Weise regenerieren möchten. Dies ist eine Möglichkeit, ja! Aber warum erst warten, bis man schon kränkelt? Lieben wir Deutschen nicht die Prävention? Legen Sie nicht auch viel Wert auf den jährlichen Frühjahrsputz Zuhause? Dann sollten wir meiner Meinung nach auch dem Körper und Geist eine Chance dazu geben!

Wenn der Mensch einmal im Jahr fastet, erspart er sich in späteren Jahren sicher den Gang zum Arzt oder eine sehr teure, aufwendige und meist weniger angenehme Fastenkur. Da wir das mehrwöchige Fasten heutzutage nicht mehr eng mit unserem normalen, evtl. auch religiösen Leben in Verbindung bringen, kommt es uns so vor, als wäre gezieltes Fasten nur etwas für einzelne Personen, die es quasi dringend nötig haben. Wie schade, dass diese wertvolle Tradition weitgehend in Vergessenheit geraten ist, die uns das Leben doch auf lange Sicht erleichtern könnte! Untersuchen wir einmal, wie dieser Fasten-Aspekt – der in unserer christlichen Gesellschaft übrigens genauso wichtig war wie heute noch in anderen Religionen – auf ganz einfache Weise in unser Leben integriert werden kann. Wichtig ist gleich Anfangs zu erwähnen: Dazu muss man nicht religiös sein! Jeder einzelne Atheist, der heilfastet, ist ein Beweis dafür. Jedoch finde ich eine bestimmte Glaubensgruppe sehr inspirierend, was dieses Thema angeht, und möchte sie daher als vorbildliches Beispiel heranziehen…

Nicht nur Christen haben ihre ursprünglichen Fastenfeste mit den Jahren modifiziert und setzen heutzutage die tatsächlich gesundheitsfördernde Maßnahme „Fasten“, als Teil ihrer Religion, nicht mehr sinngemäß um. Auch viele Muslime haben hier und da ihre Schwierigkeiten, wirklich alle Aspekte des Fastens korrekt umzusetzen und letztlich im vollen Maße von der alten, universellen Weisheit zu profitieren. In diesen Tagen nähern wir uns einem religiös begründeten Fastenmonat, dem islamischen Ramadan. Was diese 4 Wochen, in denen nahezu jeder Muslim fastet, mit sich bringen, und wie man das Fasten am besten umsetzt, durfte ich vergangenes Jahr in einem arabischen Land an mir selbst erfahren. Dabei habe ich mich oft gefragt, wie ein wirkungsvoller Fastenplan für Jedermann nach religiösem Vorbild aussehen könnte.

Natürlich kann der Glaube oder eine Religion dazu ermuntern, an der Gruppendynamik in der Fastenzeit Teil zu haben und sich aufzuraffen, eine Art „Frühjahrsputz“ an sich selbst zu vollziehen. Wir wissen ja alle, dass Sport gesund ist und nehmen ihn uns oft genug vor – aber wie häufig gehen wir das Training dann wirklich an? Von daher ist es dem Individuum in der muslimischen Gemeinschaft außerordentlich leicht gemacht, sich zum Fasten zu entschließen und durchzuhalten, denn es erstreckt sich weit über seinen Familien- und Freundeskreis. Ein Gemeinschaftsgefühl ist ein außerordentlicher Antrieb! Zum Beispiel ist dies hier in Nordafrika der Fall. Nur Touristen, Reisende, Senioren, Kranke und schwache Menschen, Kinder, Schwangere und menstruierende Frauen sollen tagsüber essen und trinken, weil für sie das Fasten noch nicht vorgesehen bzw. nicht mehr empfohlen ist.

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist für alle anderen jegliche Nahrungsaufnahme tabu. Auch Geschlechtsverkehr sowie emotionale oder körperliche (Über-) Anstrengung ist untersagt, damit sich der Organismus ungestört auf allen Ebenen regenerieren und reinigen kann. Sport wäre zu dieser Zeit kontraproduktiv, doch täglich 30 Minuten leichte Bewegung sollten eingehalten werden! So ist verständlich, dass die Abende (ab dem Fastenbrechen bei Sonnenuntergang = Frühstück) bis in die Nacht hinein ungewohnt belebt sind, und die Tage dagegen recht erholsam, oft mit einer extra Runde Siesta und Mittagsschlaf, verbracht werden. Je nachdem, ob und welche Arbeitszeiten man hat, muss sich natürlich nach ihnen gerichtet werden. Das Hungergefühl hält sich ab dem dritten Tag sehr in Grenzen. Man ist belebt und vital, soweit man sich die ausdrücklich empfohlene Ruhe gönnt! Dann nämlich hat diese Zeit einen guten Einfluss auf die Psyche und den Abbau von Stress, Aggression und Ängsten. Die Menschen im meinem Umfeld machten einen allgemein gelasseneren, zufriedeneren Eindruck und fühlten sich gesünder und leichter.

Exemplarischer Fastenplan

DPP_0262Im Ramadan scheint es, als ob sich Tag und Nacht einfach umdrehen, denn man verlegt das Frühstück, Mittagessen und Abendessen auf 12 Stunden später. Welchen Sinn hat das? Zum einen erlebt man tagsüber bewusst den Verzicht und kann somit nachempfinden, wie es all den Menschen gehen muss, die nicht ausreichend mit Wasser und Lebensmitteln versorgt sind – und das fördert unsere Dankbarkeit und ein mitfühlendes Herz. Zum anderen gibt man dem Körper und Magen genügend Zeit, zu entgiften und zu entschlacken – und dem Geist die Gelegenheit, sich auf spirituellen Wegen weiterzuentwickeln.
Es kommt natürlich nicht nur allein darauf an, wann man isst, sondern auch was man isst und wie viel – wie bei jeder Fastenkur oder Diät. Als Grundregel gilt, dass der Magen zu einem Drittel mit Getränken, und einem Drittel fester Nahrung gefüllt werden soll, wobei das letzte Drittel frei und leer bleibt. Außerdem sollten generell 2-4 Stunden zwischen den drei Mahlzeiten liegen. An diesem Grundsatz, den nicht nur der muslimische Prophet Mohammed vorgelebt und empfohlen hat, wird deutlich, dass man den Magen nie bis zum völligen Sättigungsgefühl beanspruchen soll.

Nach ausführlicher Recherche und Erkenntnissen aus meinem Eigenversuch, kann ich den folgenden Essensplan für einen idealen Ramadan sehr empfehlen! Die Reihenfolge der Auflistungen entspricht dabei der Abfolge der Nahrungsmittelaufnahme. Wie Ihnen auffallen wird, beginnt man immer am Besten mit den Getränken. Grundsätzlich muss natürlich jeder individuell diesen Plan auf sich selbst abstimmen, da der ein oder andere evtl. Allergien, Unverträglichkeiten oder Medikamente zu beachten hat. In diesem Sinne ist mein Rat natürlich ohne Gewähr. Außerdem können ähnlich zusammengesetzte Lebensmittel beliebig ersetzt oder kombiniert werden! Ist hier beispielsweise von Datteln die Rede, die man eher in der arabischen Welt findet, können diese auch durch anderes süßes Trockenobst ersetzt werden. Wechseln Sie zwischen unterschiedlichen Obst- und Gemüsesorten, damit Vitamine und Mineralien verschiedenster Art zugeführt werden. Allgemein gilt, trinken Sie genug und lassen Sie sich Zeit beim Essen! Satt werden Sie davon sicher!

1) Zum Fastenbrechen bei Sonnenuntergang – das Frühstück (Iftar/ الفطر):
• Wasser (2 Gläser)
Ramadan Datteln NataschaMilch (1 Glas), auch Milchshakes
• Datteln
• Obst (als Saft oder Obstsalat)
• Salat
• Suppe (1 Teller)

2) Gegen Mitternacht – das späte Abendessen:
• Wasser (1 Glas)
• Kräutertee (2 Tassen)
• Gedünstetes Gemüse (evtl. mit magerem Fisch oder Hühnerfleisch)

3) Zum Abschluss kurz vor Sonnenaufgang – die letzte Mahlzeit (Sahur/ سحور):
• Wasser (2 Gläser)
• Kräutertee (1 Tasse)
• Obstsalat
• Milch (1 Glas) oder Joghurt (ein Becher) oder Milchreis (eine Portion) oder Molke (1 Glas) oder Pudding (eine Portion)
• Vollkornbrot mit Butter oder hochwertigem Öl
• Suppe mit Hülsenfrüchten (Linsensuppe, Bohnensuppe, Harira, etc.)
• Gekochtes Ei oder Omlett (nicht täglich!)
• Wasser (1 Glas)

Praktische Fehler

Machen äußere Bedingungen oder eintretende körperliche Beschwerden ernsthafte Schwierigkeiten, ist man dazu angehalten, das Fasten zu seinem eigenen Wohl zu brechen – das ist islamische Fastenregel und Pflicht des Gläubigen. Es gibt vereinzelt gläubige Menschen, die diese Regel in ihrem falschen Ehrgeiz übertreten und weiterfasten, obwohl sie zu alt und gebrechlich sind, oder sich auf der Arbeit bis zur völligen Erschöpfung selbst quälen. Dies ist eine Fehlinterpretation und ein Fehlverhalten, mit dem man sich nur selbst schadet – was wohl nicht „Gottes Wille“ ist. Fasten soll Disziplin lehren, aber nicht zur Ohnmacht oder Krankschreibung führen. Der Körper gibt ernst zu nehmende Signale, falls er eine untragbare Belastung erfährt. So muss man sehen, dass auch die Menschen, die es besonders gut meinen, mit ihrem Entschluss zu Fasten nicht zwangsläufig richtig liegen. Genauso wenig sollte man ins Gegenteil ausufern. Entscheidend ist das berühmte „gesunde Maß“, dass man mit der Zeit immer leichter auszuloten lernt, wenn man sich einmal jährlich gezielt darin übt.

Die Sättigungsgrenze einzuhalten fällt vielen Muslimen im Ramadan schwer, da das Nahrungsangebot heutzutage großzügig, vielseitig und bunt ist. Das Auftischen eines täglichen Festmahls, mit zudem süßen oder fetten Speisen, (besonders beim Fastenbrechen) stellt ein ernstes Problem dar, weil diese Menschen dann oft voller Begeisterung zu große Mengen zu schnell in sich „hinein schaufeln“. Die häufige Folge ist eine Gewichtszunahme, ein Blähbauch oder Verdauungsprobleme, die sich ganz und gar nicht mit dem spirituellen und vor allem gesundheitlichen Sinn des Fastens überschneiden. Es liegt also in der Verantwortung jedes Einzelnen, daraus keinen Schlemmer-Monat mit Pommes, Limonade und Eiscreme zu machen. Denn der Magen kann sich sehr schnell weiten. Je öfter er an seine Grenzen stößt, desto größere Mengen werden mit jedem neuen Ma(h)l in ihn hinein passen. Viele wurden in ihrem Elternhaus schlicht und einfach daran gewöhnt, nicht so sehr auf die Qualität und Menge des Essens zu achten, sondern nach dem Prinzip „je mehr desto besser“ zu essen. Allerdings ist diese Angewohnheit weder Teil des Islams, noch Teil irgendeiner existierenden, sinnvollen Fastenregel. Also Achtung! Falls das Frühstück in einem regelrechten Festessen endet, bei dem nichts mehr von der zuvor geübten Bescheidenheit übrig bleibt, muss die Rückbesinnung auf ein korrektes Verständnis vom Fasten stattfinden.

Aufgrund einer ähnlichen Problematik ist heute im Christentum das Fisch-Essen zum Fastenmahl geworden, das zuvor nur aus einem Getränk bestand, sich dann über Bier bis zur vegetarischen Suppe entwickelte, und im „fleischlosen“ Fischgericht endete. Der Weg der Rückbesinnung wäre hier durchaus noch weiter!

Der Einfluss von Konsum und Medien

Dass diese nachweislich wirkungsvolle und milde Art der Entgiftung von modernen Diäten und Kuren in den Hintergrund gedrängt wird, liegt zum einen an der fehlenden Literatur zum Thema. Im Gegensatz zu neumodischen Theorien existieren zum christlichen oder muslimischen Fasten kaum Sach-oder Fachbücher, die uns einen vergleichbaren Ernährungs-Leitfaden bieten könnten. In beiden Fällen können vor allem religiöse Schriften (Bibel, Koran, Hadithe) herangezogen werden. So gesehen ist dieser Weg des Fastens in unseren Breitengraden zunehmend unpopulär und unscheinbar geworden. Immer weniger junge Menschen wachsen mit der Kenntnis über dieses alte Wissen auf. Stattdessen gibt es unzählige Diäten und Kuren, die viele Male in unzähligen Ausführungen auf dem Büchermarkt erscheinen. Vielfalt ist gut, aber werden wir nicht auch oft gerade dadurch abgelenkt und gehen darin verloren? Oft erschwert die Qual der Wahl doch eher den Weg, da man schon allein von der Auswahlmöglichkeit erschlagen und betäubt ist.
Der Mangel an Literatur zu dieser heilenden und simplen Tradition, steht auch in starkem Kontrast zur übermäßigen Vermarktung von Konsumgütern, wie Deko-Artikeln und Oster-Süßwaren. Insofern könnte sich unsere Gesellschaft eine Scheibe von den fastenden Muslimen abschneiden, die ihre entsprechende Tradition weiterhin leben, und dabei tatsächlich ganz ohne derartige Produkte und Güter auskommen.

Der spirituelle Aspekt

Abgesehen von speziellen Riten in der Fastenzeit sollte jedem klar sein, dass sich eine demütige, friedvolle, achtsame und bescheidene Haltung, sowie praktische Übungen (z.B. Meditation, leichtes Yoga, Entspannungsübungen, Gebete, tiefgehende Gespräche, Musik hören, Lesen usw.) besonders zu dieser Zeit lohnen. Der Geist ist leichter und empfänglicher für spirituelle Erfahrungen und Weisheiten. Sie sollten Teil des Fastens sein, damit der Prozess der seelischen Ausgeglichenheit unterstützt wird. Muslime beten beispielsweise besonders regelmäßig und intensiv in dieser Zeit, besuchen öfters Gemeinschaftsgebete und gewährleisten somit, fünfmal am Tag (entspricht der Anzahl der Pflichtgebete) in ihre innere Mitte geführt zu werden. Vorschläge wie „Gehen sie dreimal täglich für fünf Minuten in die Stille und konzentrieren sie sich nur auf ihren Atem“ kommen dem also durchaus sehr nahe! Die mit einhergehende Entschleunigung des Alltags lässt Glücksgefühlen ebenfalls mehr Entfaltungsspielraum. Dazu kann auch einfach gehören, Smartphone und Co. mal weniger Aufmerksamkeit zu schenken!
Wie man sieht, geht es letztlich nicht so sehr um die äußere Form, als um die Regelmäßigkeit, das Hineinspüren in sich selbst, und sich für einen Augenblick auf das Wesentliche im Leben zu besinnen. Es ist nachgewiesen, dass das stetige Beten wie auch das regelmäßige Meditieren und Ausführen eines Ritus, den gleichen positiven Effekt auf das menschliche Gemüt und Gehirn hat. Wer es also lieber religiös mag oder unabhängig davon ist – für jeden ist etwas dabei und niemand sollte diese wertvolle Erfahrung missen!

All dies könnte uns durchaus inspirieren und motivieren, dem Körper und Geist ein paar Wochen im Jahr etwas wirklich Gutes zu tun, ohne Aufwand! In diesem Sinne freue ich mich auf alle kommenden Fastenzeiten, die auch als solche gelebt werden und von denen schließlich nicht nur das Individuum, sondern schlussendlich unsere ganze Gesellschaft profitiert!

Meine Buchtipps:

Von Natascha Stevenson

Jahrgang 1989, in NRW geboren, in Bayern aufgewachsen. Ist mit dem Hang zur Spiritualität und einem ausgeprägten Gesundheits- und Ernährungsbewusstsein groß geworden und praktiziert einen leicht alternativen Lebensstil. Derzeit ist die Allround-Künstlerin nicht nur in Deutschland, sondern auch von Nordafrika aus redaktionell und künstlerisch tätig. Für Seinswelten gestaltet sie Illustrationen und unterstützt unsere Online-Redaktion u.a. mit Rezensionen.

www.nstevenson.jimdo.com

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